„Gott lässt sich in der Welt finden“ – Lernen von Albertus Magnus
Liebe Schwestern und Brüder, es ist erst vier Monate her, da habe ich Herrn Ernst Gyr aus der Pfarrei St. Albert, der hier viele Jahre lang als Organist und Chorleiter gewirkt hat, die Ulrichsmedaille als bischöfliches Ehrenzeichen für seine Verdienste rund um die Kirchenmusik verliehen. Von ihm stammt auch die Melodie des Albertus-Magnus-Liedes, das wir heute singen.
Zu Beginn heißt es im Text von Georg Thurmair: „Sankt Albert, großer Gottesmann, in Weisheit treu befunden, warst Welt und Wissen aufgetan, und bliebst doch gottverbunden.“ Mit diesen wenigen Worten wurde meines Erachtens der entscheidende Punkt getroffen, der diesen großen Universalgelehrten aus dem Mittelalter ausmacht: Die Verbindung von Naturwissenschaft und Glaube. Anlässlich seines Gedenktages möchte ich darum heute nochmal die Leistungen Alberts des Großen in diesen beiden Bereichen herausstellen und dann auch mit Blick auf die Orgelweihe darüber nachdenken, inwiefern gerade die Musik eine Brücke sein kann, Menschen etwas von dem Geheimnis Gottes erahnen zu lassen, mit dem sich der Heilige aus unserem Bistum zeit seines Lebens auseinandergesetzt hat.
1. Glaube und Vernunft
Da ist zunächst der Naturforscher Albert. Etwa um 1200 in Lauingen geboren, trat der blitzgescheite Mann mit knapp dreißig Jahren in den gerade erst gegründeten Bettelorden der Dominikaner ein und unternahm von da an unzählige Reisen in Deutschland und darüber hinaus, immer zu Fuß. Auch später als Bischof von Regensburg wollte er nie auf einem Pferd sitzen, sondern trug weiterhin die typische Fußbekleidung der Bauern, was ihm schließlich den Namen „Bischof Bundschuh“ einbrachte. Die langen Wege mitten durch Wälder und Felder nutzte der wissensdurstige Mönch für Naturbeobachtungen.
Hierin liegt sicherlich eine der Grundlagen für seine späteren Werke über die Schöpfung, u.a. seine summa de creaturis. Mit seinen Beobachtungen ergänzte und erweiterte er das damalige Wissen über Flora und Fauna beträchtlich. „Auch die niedrigsten Tiere verdienen, dass man sie erforscht, muss man doch ihre Formenvielfalt studieren, um so den Künstler zu preisen, der sie erschaffen hat.“[1], so ein Zitat des Heiligen.
Wir sehen bereits, welcher Gedanke den „doctor universalis“ sein Leben lang umtrieb: Naturwissenschaftliche Erkenntnisse zusammen zu bringen mit dem Glauben an einen Schöpfergott, der alles ins Dasein gerufen hat. All seine Forschungen, in der Zoologie, Botanik, Physik, Chemie, Geologie, Medizin, ja auch Mineralogie, Meteorologie und Astronomie hatten nicht nur zum Ziel, sich möglichst viel Wissen anzueignen, sondern vor allem Gottes Größe in der Welt zu erkennen und seiner Offenbarung auf die Spur zu kommen. In eine ähnliche Richtung zielt der Text, den wir in der heutigen Lesung aus dem Buch Sirach gehört haben und in welchem angedeutet wird, dass wahre Weisheit darin besteht, den Herrn zu suchen und seinen Geboten zu folgen. Klugheit und Einsicht werden einem demnach wie Wasser und Brot geschenkt, wenn man Gottes Allmacht anerkennt und seiner Liebe in allen Dingen vertraut (vgl. Sir 15,3). Während sich der hl. Albert also mit der exakten Klassifikation von Pflanzen, Tieren oder auch Sternen beschäftigte, und oben drein noch Druckwellen oder die Umwandlung von Licht in Wärme erforschte, stand die Theologie und das Suchen nach der Kraftquelle hinter all den Erscheinungen stets an oberster Stelle seines Denkens.
Glaube und Vernunft waren für ihn demnach keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille. Dies schließt nebenbei auch eine gewisse Ethik mit ein. In seinem philosophischen Kommentar zur „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles betont Albert, dass rationales Handeln nicht im Widerspruch zum christlichen Glauben steht, im Gegenteil: Der Mensch wird glücklich, wenn er aus freiem Willen und mit der Kraft seines Verstandes den Sinn christlicher Wertvorstellungen erkennt und entsprechend lebt. Dies kann sich etwa darin äußern, allen Geschöpfen Gottes und der ganzen Schöpfung mit Ehrfurcht und Liebe zu begegnen. Bewusst ernannte Papst Pius XII. den Dominikanermönch Albert am 16.12.1941 zum „Schutzheiligen der Naturwissenschaft“, denn durch seine Zusammenführung von Glaube und Wissenschaft wurde er zu einem Vorbild für alle Forscherinnen und Forscher dieser Welt, auf dass sie „in Verantwortung vor Gott und den Menschen Entscheidungen treffen, die zum Heil der Menschheit und zur Bewahrung der Schöpfung beitragen“[2]. So wird die Brücke geschlagen zum Theologen Albert.
2. Theologie im Dienst der Seelsorge
„Über das Wesen des Guten“, „Über Wesen und Ursprung der Seele“, „Über das Messopfer“, „Über das Sakrament der Eucharistie“…es gibt so viele theologische Werke des hl. Albert, die von einer wunderbaren Tiefe und Schönheit der Gedanken sind. „Der Mann, der alles wusste“, wie man heute über ihn sagt, hatte die Fähigkeit, sein profundes Wissen über die Hl. Schrift (vgl. auch seine Bibelkommentare) mit der Tradition der Väter bis hinein in die Zeit des Hochmittelalters zu verbinden. Hier könnte man an das heutige Evangelium denken, in dem Jesus die Jünger des Himmelreichs dadurch kennzeichnet, dass sie Altes und Neues hervorholen (vgl. Mt 13,52). Dies kann man so verstehen, dass die Verkündenden, wohlwissend und in Anlehnung an die Gebote des Alten Bundes, die Botschaft Jesu immer wieder neu und situationsgerecht auslegen sollen. Denn Glaube ist nichts Statisches, sondern erfordert stets den Blick für die Zeichen der Zeit, was ausdrücklich auch den wissenschaftlichen Fortschritt miteinschließt (vgl. neues Motu proprio „Ad theologiam promovendam“).
Einer, der das früh verstanden hat, war der hl. Albert. Als einer der wichtigsten Vertreter der scholastischen Theologie strebte er danach, die Ideen des Platon und Aristoteles mit der christlichen Botschaft zu verbinden und fruchtbar zu machen. Wie er Naturwissenschaft und Gottesglaube zusammenführen wollte, so sah er auch in der Philosophie eine Bereicherung und kein Hindernis für den Glauben. Fast die Hälfte seiner Schriften, die beeindruckende Zwanzigtausend Druckseiten umfassen, sind Kommentare zu Aristoteles. Hand aufs Herz: Wo gibt es heute noch solche Universalgelehrten, die in derart verschiedenartigen Fachgebieten Kompetenz aufweisen und dann auch noch versuchen, daraus Erkenntnisse abzuleiten, die allein dem Wohl des Menschen dienen?
Es verwundert daher nicht, dass der hl. Albert den Beinamen „Magnus“ (der Große) erhielt, weil er schon zu Lebzeiten für sein allumfassendes Wissen weithin Ansehen genoss. Bis heute ist er der einzige Wissenschaftler, dem dieser Ehrentitel verliehen wurde. 1931 hat ihn Papst Pius XI. heiliggesprochen und zum Kirchenlehrer erhoben. Dabei blieb der schwäbische Priester stets bescheiden und vergaß nie, was sein Ordensgründer, der hl. Dominikus, seinen Mitbrüdern auftrug: Das Evangelium Jesu Christi in Wort und Tat zu predigen, dabei aber immer demütig zu bleiben und allein dem Heil der Menschen zu dienen. Albertus Magnus war also kein weltfremder „Bücherwurm“, sondern eine „zum Dienste am Leben berufene, (…) lebenssprühende Persönlichkeit“[3], die nur in einem Gebiet keine besonderen Fähigkeiten aufwies, zumindest ist uns darüber nichts bekannt: die Musik. Heute feiern wir hier Orgelweihe.
3. Musik als die Berührung zwischen Himmel und Erde
Albertus Magnus lebte in einer Zeit, in der die Kirche ihre größte politische Macht entfaltete und großen Reichtum erlangte. In Verbindung mit einigen Skandalen führte dies aber zu einer fehlenden Glaubwürdigkeit und einer abnehmenden Verbundenheit des Gottesvolkes. Kommt uns das nicht bekannt vor? Erleben wir derzeit nicht dasselbe? Zwar hat die katholische Kirche lange nicht mehr jene weltliche Autorität, aber auch wir stellen fest: Viele Menschen wenden sich ab, weil sie durch das gravierende Fehlverhalten einzelner Kirchenvertreter in der Vergangenheit an Vertrauen verloren haben. Aus diesem Grund wird innerkirchlich momentan viel geredet und diskutiert über notwendige Reformen und die Suche nach dem richtigen Weg. Ich selbst komme ja gerade von der Weltsynode in Rom.
Doch bei allen Debatten meine ich, dass wichtiger ist, was uns der hl. Albert vorlebte: eine Konzentration auf die Gottesbeziehung. Mehr denn je geht es darum, Gottes Gegenwart in unserem Leben zu spüren und zu erkennen, dass da etwas viel Größeres um uns herum ist. Eine wertvolle Hilfe dafür kann die Musik sein, die auf einzigartige Weise Erde und Himmel zu verbinden vermag. Aus diesem Grund freut es mich sehr, heute Ihre neue Orgel einzuweihen. Zu Recht würdigte der verstorbene Papst Benedikt XVI. dieses majestätische Instrument schon vor vielen Jahren bei einer Orgelweihe in Regensburg (2006) für seine Vielfalt an Klangfarben und Variationsmöglichkeiten. Wörtlich sagte er: „Die Orgel wird seit alters und zu Recht als die Königin der Instrumente bezeichnet, weil sie alle Töne der Schöpfung aufnimmt und die Fülle des menschlichen Empfindens von der Freude bis zur Traurigkeit, vom Lob bis zur Klage zum Schwingen bringt. Darüber hinaus weist sie, wie alle gute Musik, über das Menschliche hinaus auf das Göttliche hin.“[4] Tun wir unserer Seele darum etwas Gutes und gönnen uns Zeiten der Muße, in der die Musik uns daran erinnert, dass wir inmitten aller Sorgen dieser Welt umgeben sind vom Heiligen Geist eines liebenden Gottes, der uns immer nahe sein will.
Liebe Schwestern und Brüder, das ist mein Wunsch für uns alle, dass wir, inspiriert von den Klängen der neu geweihten Orgel im Glauben an Gottes Liebe gestärkt werden. Möge der heilige Albert uns lehren, dass es nicht darauf ankommt, alles zu wissen, sondern aus einer tiefen Gottverbundenheit heraus zu leben, dabei auch die Realität der Welt wahrzunehmen und sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, am Reich Gottes mitzubauen. Damit uns das gelingt, wollen wir den Heiligen nicht nur am heutigen Tag als Patron anrufen: Heiliger Albert, bitte für uns!
[1]https://sankt-ulrich-verlag.pageflow.io/der-heilige-albertus-magnus#140897, 03.11.2023.
[2] Lohrum, Meinolf: Albert der Große. Forscher-Lehrer-Anwalt des Friedens, Mainz 1991, 28.
[3] Dörfler, Peter: Albertus Magnus, Zürich 1979, 7.
[4]https://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060913_alte-kapelle-regensburg.html (Zugriff: 03.11.2023).