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Predigt von Bischof Bertram zur Kapellenweihe im Josefinum in Augsburg

Hoffnung auf Heilung und Heil

11.06.2026 12:00

Liebe Schwestern und Brüder in Christus! „Wer immer diese Schwelle überschreitet, erfahre hier Heil und Segen, Hilfe und Trost.“ Diese Worte spreche ich als Bischof bei einer Kirchweihe am Portal des Gotteshauses. Ich denke, Sie treffen hier ganz besonders zu - an einem Ort, an dem die Zerbrechlichkeit des Lebens bewusster wahrgenommen wird als anderswo, hier im Josefinum in der Heilig Geist Kapelle. Kirchen sind Orte, wo sich Gläubige versammeln, um Gottes Wort zu hören und sich von der Eucharistie und der Gemeinschaft stärken zu lassen. Wir weihen heute nicht nur den Raum, sondern auch Ambo und Altar. Sie stehen auf ihre Weise dafür, dass wir hier Christus begegnen, in seinem Wort und leibhaftig im Brot.

Nun ist ein Kirchenraum in einer Klinik sicher auch ein Ort, an dem Menschen allein verweilen - ein stiller Raum, in dem gebetet, geweint, gefragt und gehofft wird. Der Kirchenraum selbst hilft dabei - denn die Rituale, die wir heute vollziehen, machen deutlich: nichts ist zufällig hier, alles ist an seinem Platz, alles hat seinen Sinn. Geplagt von mancher Ungewissheit ist es ein Ort, an dem der Mensch einfach da sein darf, er kann zur Ruhe kommen, Klarheit gewinnen, neue Hoffnung schöpfen, durchschnaufen und spüren, wie das eng gewordene Herz sich wieder weitet.

Eine Krankheit wirft Fragen auf, lässt mitunter Zweifel an Gottes Güte hoch­kommen. Große Zweifel hatte auch das Volk Israel in der Zeit des Propheten Maleachi. Das Volk klagt Gott an: Wenn er doch der gerechte Gott sei, wie könne er zulassen, dass böse Menschen ihr Unwesen treiben? Es ist der Vorwurf, dass Gott abwesend sei – gerade dort, wo seine Gerechtigkeit Not tut. Ist Gott mir fern? Will er nicht, dass es mir gut geht? So geht es uns schnell mal durch den Kopf, wenn uns eine schwere Krankheit trifft. Gottes Antwort lautet: Ich lasse euch nicht allein, ich sende meinen Boten. Hilfe naht. Eure Suche nach Heil und Gerechtigkeit geht nicht ins Leere! Das Buch Maleachi ist das letzte Buch des Alten Testaments; die Verse klingen wie der Auftakt zum Neuen Testament. In Christus erkennen wir den angekündigten Boten. Im Sohn kommt Gottes Gerechtigkeit auf die Erde. Eine der Hauptfiguren des heutigen Evangeliums ist der greise Simeon. Er sieht in Jesus das ersehnte Heil. Passend dazu sprechen wir von Christus auch vom Heiland. Aber worin besteht dieses Heil, das Christus gebracht hat, wenn wir noch immer nicht sicher sind vor Krankheit, Leid und Tod?

1. Die Hoffnung auf Heil inmitten von Leid

Simeon hat seinen Lebensabend bereits erreicht, als es zu dieser einmaligen Begegnung kommt. Wie lange hat er darauf gewartet! Von ihm können wir lernen, Geduld zu haben – etwas, was im Klinikalltag von allen Beteiligten gebraucht wird. Im Wort Patient steckt das lateinische „patientia“, was für Geduld, für erleiden, erdulden, ertragen steht. Worauf aber dürfen wir Menschen konkret hoffen? Darauf, dass es neben guter Medizin nur genug Glauben braucht und alle werden wieder gesund? Ja, um Gesundheit und Genesung, um Heilung der körperlichen Funktionen darf gebetet werden. Und es gibt medizinisch nicht erklärbare Wunder – auch heute.

Heilsversprechen in diese Richtung werden sie von mir als Bischof aber nicht hören. Denn das Heil, das uns die Frohe Botschaft in Aussicht stellt, besteht in etwas anderem. Schauen wir noch einmal auf Simeon. Der Text des Evange­liums sagt es nicht - es war der Maler Rembrandt, der den alten Simeon als einen Blinden interpretiert hat. Damit betont er: Simeon sieht mit dem inneren Auge. Beim christlichen Heilsverständnis geht es in erster Linie nicht um körperliche Unversehrtheit, sondern es ist existentiell gedacht. Der Tod wird nicht das letzte Wort haben, wir sind in Gottes Hand geborgen – durch alle Höhen und Tiefen des Lebens hindurch und über den Tod hinaus. Die Stärke unseres christlichen Glaubens besteht darin, dass er das Leid nicht aus­klammert! Schließlich ist das Kreuz zu unserem „Markenzeichen“ geworden. Am Kreuz antwortet Gott mit Leib und Seele auf die Sehnsucht des Menschen nach Heil. Zugleich lehrt das Kreuz, dass es nicht darum geht, möglichst leid-frei durchs Leben zu kommen – auch wenn der Wunsch danach allzu verständlich ist. Der christliche Glaube ist aber auch nicht reine Vertröstung auf die Ewigkeit. Gläubige aller Jahrhunderte durften erfahren, dass Gott inmitten von Leid Kraft und inneren Frieden schenkt. In der Gegenwart Jesu wird das Joch sanft, die Last wird leicht (vgl. Mt 11,30). Die Priorität in den Augen Gottes ist es, dass wir Menschen im umfassenden Sinn heil werden und das ewige Leben erlangen. Darin wird er uns immer stärken und begleiten! Und an dieser Aufgabe nehmen wir als Christen teil:

2. Stärkung durch die Gemeinschaft der Kirche

Auch wenn wir sagen: Leid ist ein Teil des Lebens, so soll es damit keinesfalls bagatellisiert werden. Die christliche Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht wegsieht, wenn einer leidet. Das drückt sich auch sakramental aus: Krankenkommunion, Krankensalbung und auch das Sakrament der Versöhnung sind Schätze, die der Kirche anvertraut sind. Es sind quasi „geistliche Medikamente“, Kraftquellen, um innere Täler überwinden zu können. Menschen in ihren Leiderfahrungen zu begleiten, zu pflegen und Schmerz zu lindern, ist uns ins Stammbuch geschrieben.

Das Pflegewesen wurde maßgeblich durch das Christentum geprägt. Das Josefinum ist nicht nur ein Ort, wo einem manch schwerer Schicksalsschlag begegnet, es ist auch ein Ort, wo Menschen mit der Erfahrung ihrer Schwächen und Grenzen nicht allein sind. Stärkung, Trost und Rat – das brauchen nicht nur alle Patienten im Josefinum oder ihre Angehörigen. Das tut auch allen gut, die hier arbeiten. Auch für sie möge diese Kapelle ein Kraftort sein. „Vergelt´s Gott“ für das, was Sie tagtäglich leisten, um Neugeborenen einen guten Start, kranken Kindern und Jugendlichen, Müttern und Vätern einen Neustart ins Leben zu ermöglichen und um Frauen beizustehen, die den Kampf gegen den Krebs auf sich nehmen!

Eine letzte Dimension von Kirche sei noch erwähnt: In wenigen Minuten werden wir – wie bei einer Altarweihe üblich – Reliquien beisetzen. In der Truhe befinden sich die Reliquien des hl. Simpert und der hl. Agatha. Es sind die rechten Fürsprecher an diesem Ort: Unser Bistumspatron Simpert gilt als Beschützer von Kindern und Jugendlichen, und schon der Legende nach als Fürsprecher für Eltern, die um ein Kind bangen. Die hl. Agatha, eine frühe Märtyrerin, ist die Patronin der Ammen und Hebammen und gilt auch als Helferin bei Brustkrebs. Rufen wir diese beiden Heiligen in unserer Feier stellvertretend für alle um Fürbitte an, die im Josefinum Zuwendung erfahren, damit sich bewahrheitet, was wir eingangs gebetet haben: „Wer immer diese Schwelle überschreitet, erfahre hier Heil und Segen, Hilfe und Trost.“ Amen.

Schriftlesungen: Mal 3,1-4; Lk 2,22-40