Glaube und Musik - Inspiration und Intonation
Liebe Schwestern und Brüder, seitdem ich vor knapp sechs Jahren zum Bischof geweiht wurde, habe ich schon einige Orgeln in unserem Bistum gesegnet, aber noch nie eine „Chororgel“. Umso spannender ist es, einmal nachzulesen, was speziell dieses Instrument auszeichnet. Liest man in der Fachliteratur, so handelt es sich um eine eigenständige, meist kleinere Orgel, die in der Regel im Chorraum oder in der Nähe des Altars platziert ist und - als Ergänzung zur größeren Hauptorgel - zur Begleitung von Gottesdiensten, Chören oder Solisten dient.
Ein schönes Modell, das aus der Buxheimer Kartause stammt und zuletzt fünf Jahre lang renovierte wurde, steht seit kurzem hier im Hochchor der Pfarrkirche St. Josef in Memmingen. Darüber dürfen wir uns alle freuen, und ich möchte allen Haupt- und Ehrenamtlichen, besonders dem Förderkreis zur Pflege der Orgel- und Kirchenmusik in Sankt Josef e. V. für ihr Engagement danken, die durch Arbeit oder Spenden zum Erwerb dieses Instruments beigetragen haben. Die Chororgel bietet neue Möglichkeiten; sie erweitert das kirchenmusikalische Spektrum der Pfarreiengemeinschaft. Darum bin ich heute gerne zu Ihnen gekommen, um mit ihnen die heilige Messe mit Orgelweihe zu feiern, und dabei auch auf die Schriftlesungen des Tages, dem siebten Sonntag der Osterzeit, zu schauen, in denen es zwar nicht explizit um Musik geht, wohl aber um Inspiration (1) und den richtigen Ton (2). Zumindest lese ich das heraus und möchte Ihnen zu beiden Punkten meine Gedanken anbieten.
1. Inspiration
Komponisten aller Zeiten verbindet der Moment, in dem sie ein leeres Blatt Notenpapier vor sich haben und nach Inspiration suchen, also nach kreativen Einfällen, welche Noten wie und in welchem Rhythmus aufnotiert werden können, damit am Ende ein Werk entsteht, das die Leute innerlich anspricht. Im heutigen Gottesdienst hören wir ein paar Beispiele, wo dies wunderbar gelungen ist, und ich möchte an der Stelle auch allen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern von Herzen danken, die Sie - nicht nur heute – die Liturgie mit ihrem professionellen Spiel und Gesang begleiten. Es sei nochmal betont, was in Kapitel 6 der Konstitution Sacrosanctum Concilium des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirchenmusik gesagt wurde:
- „Der Schatz der Kirchenmusik möge mit größter Sorge bewahrt und gepflegt werden.“
- „Die Sängerchöre sollen nachdrücklich gefördert werden“ und
- „Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben.“
Neben diesen recht bekannten Aussagen möchte ich bewusst noch auf den letzten Absatz dieses Kapitels hinweisen, in dem es heißt:
- „Die Kirchenmusiker mögen, von christlichem Geist erfüllt (...), Vertonungen schaffen, welche die Merkmale echter Kirchenmusik an sich tragen und nicht nur von größeren Sängerchören gesungen werden können, sondern auch kleineren Chören angepasst sind und die tätige Teilnahme der ganzen Gemeinde der Gläubigen fördern.“
Hierin finden sich gleich zwei wichtige Aussagen: Erstens, Kirchenmusik lebt, wie die Katholische Kirche als ganze, von der Inspiration des Heiligen Geistes. Wir sind nur dann Kirche Christi, wenn wir uns seinem Geist öffnen und um sein Kommen bitten, wie wir es in der ersten Lesung aus der Apostelgeschichte gehört haben (vgl. Apg 1,14). Und zweitens: Es zählen nicht nur die großen Werke, sondern auch die vielen kleinen. So wird eine Chororgel auch eher bei Anlässen mit einer kleineren Besetzung oder Personenzahl verwendet als beim triumphalen Orgelkonzert. Das soll ihren Wert jedoch keineswegs mindern, im Gegenteil: Oft sind es gerade die leiseren Töne oder eine dezente Begleitung, die vielen angenehm sind, wobei auch Soloregister das Ohr erfreuen können. Was auch immer zukünftig für eine Musik auf diesem Instrument gespielt wird, entscheidend ist, dass sie „von christlichem Geist erfüllt“ dem Lob des Herrn und der Verkündigung seiner frohen Botschaft dient. Denn darum geht es in der Liturgie, aber auch im gesamten Leben eines Christen, wie es uns das heutige Evangelium lehrt: In allem soll Gott verherrlicht werden, der uns seinen Sohn auf die Erde geschickt hat (vgl. Joh 17,3), damit wir erkennen, wie sehr er uns Menschen liebt.
Wenn es dort außerdem heißt, dass wir die Worte Jesu bewahren sollen (vgl. Joh 17,6), dürfen wir darin auch einen Auftrag zur Verkündigung sehen, und wohl kaum eine Form ist so stark, wie die kirchenmusikalische Verkündigung. Ob wir die „Messe solennelle“ des französischen Komponisten Louis Vierne singen oder ein einfaches Gotteslob-Lied, die Vertonungen der geistlichen Texte tragen das Potential in sich, Menschen im Innersten anzurühren und ihnen eine Ahnung davon zu geben, dass es hinter dieser sichtbaren Welt noch eine andere gibt, die wir nur im Glauben erfassen können. Die Erfahrung unzähliger Musikerinnen und Musiker bestätigt, dass bestimmte Melodien oder Klänge ihnen erst einen Zugang zu dieser anderen Wirklichkeit eröffnet haben, die wir Gott nennen. Geschieht dies, ist es für viele ein überwältigendes Gefühl der Freude, welches sie in der Folge immer wieder verspüren möchten. Und Freude ist es auch, die wir als Christinnen und Christen gerade in dieser österlichen Zeit in die Welt tragen sollen.
Es gibt aber auch Musik, die weder inspiriert klingt noch Inspiration bringt. Das hat oft etwas mit der Intonation, also der Feinabstimmung in der Tonhöhe zu tun, womit ich zu meinem zweiten Gedanken komme.
2. Intonation
Nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben gilt: Der richtige Ton macht’s. So können sowohl Chor- als auch Orgelstücke unschön klingen, wenn man unsauber singt oder die Pfeifen verstimmt sind. Es braucht demnach immer wieder mal eine Feinjustierung, um einen harmonischen Klang zu erzeugen, den wir in der Regel erreichen wollen.
Ist es nicht bemerkenswert, dass wir Menschen uns beim Musizieren oder Zuhören meist erst dann wohlfühlen, wenn ein Akkord gut aufeinander abgestimmt ist und sauber erklingt? Offensichtlich gibt es in uns eine Sehnsucht nach Harmonie und Einklang. Bitte nicht verwechseln: Einklang, nicht Eintönigkeit.
Ein Blick in die Geschichte der Kirche macht dies deutlich. Da gab es von Anfang an völlig verschiedene Stimmen und Sichtweisen, auch schon bei den Jüngern. Der Geist Jesu aber führte sie nach dessen Auferstehung zusammen in einem Saal, wo sie versammelt um die Gottesmutter Maria „einmütig“ (Apg 1,14) beteten. Ich betone das, da wir mit großen Schritten auf Pfingsten zugehen und ich glaube, dass wir gerade in unserer heutigen Zeit so dringend die Hilfe des Heiligen Geistes brauchen, angesichts der vielen Umbrüche und Spannungen in Kirche und Gesellschaft. Beten wir darum, dass das vielerorts vernehmbare, disharmonische Tönen bald verstummt und in einen Einklang mündet, der Unterschiede nicht nivelliert, wohl aber ein Gefühl der Gemeinschaft stärkt.
Etwas konkreter darf ich Sie in diesem Sinne bitten, einmal darüber nachzudenken, welche Töne Sie im Alltag anschlagen, sei es in der Familie, im Freundeskreis oder im Beruf. Tragen Sie zum Wohlklang in Ihrem Umfeld bei oder spielen Sie gerne mal dagegen? Es ist sehr wichtig, wie wir miteinander sprechen und umgehen, da der gesellschaftliche Ton immer rauer und aggressiver wird. Stimmen wir nicht mit ein, sondern setzen dieser allgemeinen Missstimmung ein österliches „Halleluja“ entgegen, indem wir Gott für seine großen Taten rühmen und seinem Sohn Jesus Christus in Worten und Taten der Liebe nachfolgen! Denn das ist eine der entscheidenden Botschaften der heutigen Lesungen: Jesus ist nicht gekommen, um alle unsere Probleme zu lösen, sondern um in dieser Welt Gott sichtbar zu machen und die Menschen dazu zu inspirieren, in seinem Geist füreinander da zu sein. Die Verherrlichung Gottes wird demnach auch da konkret, wo wir gut miteinander sprechen und einander dienen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Inspiration und Intonation – das sind zwei entscheidende Elemente, die Glaube und Musik verbinden. Mögen die Klänge dieser neuen Chororgel dabei helfen, uns dem Geist Gottes zu öffnen, seine Nähe zu spüren und uns innerlich neu einzustimmen, damit wir in uns selbst und in unseren Mitmenschen das Gute zum Klingen bringen. Der Herr will uns dabei helfen (vgl. 1 Petr 4,14b), darauf dürfen wir vertrauen!
Lesungen vom 7. So. der Osterzeit: Apg 1,12–14; 1 Petr 4,13–16; Joh 17,1–11a