Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum Josefsfest 2021

Josef: ein Mensch, der sich aufgemacht hat

19.03.2021 20:00

Papst Franziskus hat erst kürzlich darauf hingewiesen: „Die Heiligen helfen allen Gläubigen bei ihrem ‚Streben nach Heiligkeit und ihrem Stand entsprechender Vollkommenheit‘. Ihr Leben ist ein konkreter Beweis dafür, dass es möglich ist, das Evangelium zu leben.“[1] So steht er heute vor uns: Josef, wie die Kunst ihn oft darstellt.

Für mich ist er wie ein großer Resonanzkörper. Josef hält nicht nur eine Hand an sein Ohr, er ist ganz Ohr. Und gleichzeitig hat er in der anderen Hand einen Stab. Diese Gesten drücken eine Haltung aus, die Josefs Charakter zum Ausdruck bringt. Josef ist ein Mensch, der sich aufmacht – und dies im doppelten Sinn: Er macht sich auf, er ist offen für die Botschaft, die ihm zugesprochen wird, und für die Berufung, die er leben soll. Zugleich macht er sich in einem anderen Sinn auf: Er macht sich auf den Weg, er bleibt nicht stehen, Josef ist mit uns unterwegs als Pilger. Ich lade Sie ein, das Bild des Josef zum Sprechen zu bringen. Josef soll uns die Predigt halten. Josef ist wie ein Spiegel. In seiner Persönlichkeit und in seinem Leben entdecken wir uns selbst.

1. Josef macht sich auf. Er ist ein offener Mensch. Wenn Josef eine Botschaft Gottes hörte, dann geschah das oft im Traum. Daher ist es kein Zufall, dass die Künstler Josef gern schlafend dargestellt haben. An Josef lesen wir ab, was das Hohelied sagt: „Ich schlief, aber mein Herz wachte“ (Hld 5,2). Die Sinne ruhen, aber der Grund der Seele ist offen. Der Resonanzkörper des Herzens wird zum Ohr für die Botschaft Gottes. Von innen her will er mit jedem und jeder von uns in Kontakt treten, er ist uns nahe, im Innern des Herzens, in der Stimme des Gewissens. In der hebräischen Sprache gibt es für Herz und Gewissen nur ein Wort. Anders gesagt: Wer ein Herz hat, hört auch auf sein Gewissen. Und wer sein Gewissen zu Wort kommen lässt, hat auch ein Herz. Woran mag es liegen, dass unsere Zeit so herzlos scheint? Herzinfarkten können wir beikommen, doch wir leiden unter einer Herzschwäche ganz anderer Art.

Manchmal ist unser Herz so mit Mauern umbaut, so voll gestellt mit Gerümpel, dass die leisen und feinen Töne nicht mehr recht durchdringen können. Unsere Wahrnehmung wird oberflächlich, unsere Arbeitswelt technisch-organisatorisch, auch die Kirche wird immer mehr zum Betrieb. Das Wort Betriebsamkeit verrät uns! Ich kann mir vorstellen, dass auch ein Krankenhaus von dieser Tendenz nicht ausgenommen ist. Der Arbeitsdruck wird größer, der Schichtdienst ist straff, die Gelegenheit bietet sich weniger, mit Patienten und Klienten in ein Gespräch zu kommen, das tiefer geht: hören, was nicht gesagt wird; erlauschen, was zwischen den Zeilen mitschwingt; die leisen Zwischentöne wahrnehmen, die aus dem Herzen kommen und Gefühle berühren wie Angst oder Hoffnung, Ärger oder Freude, Trauer und Wut, aber auch Zuversicht und Gelassenheit. Hören ist keine Kür, sondern Pflicht, nicht nur für den Seelsorge und den Arzt, sondern im ganzen therapeutischen und pflegerischen Bereich.

Josef hat das Ohr des Herzens auf Empfang eingestellt. Er war ein Meister des Lauschens. Auf diese Weise hat er eine Ebene berührt, die ihm ungeahnte Tiefen erschloss. Weil er das Herz aufmachte, kam er dem Geheimnis näher. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Mut und Zeit haben, sich auf das Geheimnis Mensch einzulassen. Wer dem Menschen auf der Spur bleiben will, muss sich aufmachen und bereit sein zum Hören.

2. Damit kommt die zweite Bedeutung von „aufmachen“ in den Blick. Bis jetzt haben wir Josefs Offenheit für das Geheimnis betrachtet. Aus dem Hören wird Gehorsam. Das Aufmachen bedeutet auch Aufbrechen, Mobilität. Josef ist beweglich um Gottes willen. Indem er sich aufs Geheimnis einlässt, wird er zum Geheimnisträger. Was Maria für ihr Leben sagt, hat Konsequenzen für ihn als Bräutigam: „Ich bin die Magd des Herrn“ (Lk 1,38). Ich bin dein Knecht. Ich bin bereit, ich stehe zur Verfügung. - Zugleich wirft dieses Wort einen Schatten auf das, was der auferstandene Christus nach Ostern dem Petrus auf den Kopf hin zusagt: „Du wirst geführt werden, wohin du nicht willst“ (Joh 21,10).

Josef muss Wege gehen, die er sich nicht erträumt hat. Es beginnt mit dem ersten Paukenschlag, als der Engel ihn in das Geheimnis der besonderen Schwangerschaft seiner Verlobten einführt, menschlich gesehen ein Alptraum für einen Mann, der sich mit einer jungen Frau zusammentut und vom Glück gemeinsamer Kinder träumt. Die Botschaft des Engels zieht Josef hinein in das Abenteuer Gottes mit den Menschen, in die Nähe des brennenden Dornbuschs, in die unmittelbare Nähe zum Geheimnis, das er mittragen soll. Was das bedeutet, zeigt sich sofort: Die Geburt kann nicht in Nazareth erfolgen, wo Josef Haus und Werkstatt hat. Er muss aufbrechen nach Bethlehem, in die Stadt Davids, die ihm, Maria und dem Kind aber keine Bleibe bietet: „Die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). Schon hier kündigt sich das Geheimnis des Kreuzes an: Vor den Toren der Stadt wird Jesus geboren in einer Krippe, vor den Toren der Stadt wird er später sterben am Kreuz. Bald nach der Geburt des Kindes erfolgt der nächste Aufbruch: Die Heilige Familie muss nach Ägypten fliehen. Dort teilt Josef das Schicksal des Unbehausten, des Heimatlosen, des Asylanten, des Fremden, der nicht dazugehört und fünftes Rad am Wagen ist. Und dann kommt jenes schwere Erlebnis, die drei Tage der Abwesenheit Jesu (vgl. Lk 3,46), die schon in gewisser Weise das Geheimnis der drei österlichen Tage zwischen Kreuz und Auferstehung vorwegnehmen. Als die Eltern Jesus auf einer Wallfahrt nach drei Tagen im Tempel wiederfinden, wird besonders dem Josef eine schroffe Lektion erteilt: „Ich musste im Eigentum meines Vaters sein“ (vgl. Lk 2,19). Das heißt im Klartext: Der zwölfjährige Jesus schenkt dem Josef reinen Wein ein: „Du bist nicht mein eigentlicher Vater. Mein richtiger Vater ist im Himmel. Du bist nur mein Pflegevater, Hüter, Treuhänder, modern gesagt: Familiendepp. Und schließlich dürfen wir davon ausgehen, dass Josef bereits gestorben war, als Jesus mit dem Evangelium vom Reich Gottes an die Öffentlichkeit trat. So bleibt Josefs Leben ein Weg in der Stille. Er hat sich aufgemacht, immer wieder wurde er auf den Weg geschickt, auch wenn er vieles nicht ganz begriffen hat.

Der Jesuitenpater Alfred Delp hat sich auch seine Gedanken über Josef gemacht: „Er ist der Mann am Rande, im Schatten. Der Mann der schweigenden Hilfestellung und Hilfeleistung. Der Mann, in dessen Leben Gott dauernd eingreift mit neuen Weisungen und Sendungen. Die eigenen Pläne werden stillschweigend überholt. Immer neue Weisung und neue Sendung, neuer Aufbruch und neue Ausfahrt. Er ist der Mann, der sich eine bergende Häuslichkeit im stillen Glanze des angebeteten Herrgotts bereiten wollte, und der geschickt wurde in die Ungeborgenheit des Zweifels, des belasteten Gemütes, des gequälten Gewissens, der zugigen und windoffenen Straßen, des unhäuslichen Stalles, des unwirtlichen fremden Landes. Und er ist der Mann, der ging. Das ist sein Gesetz: die dienstwillige Folgsamkeit: der Mann, der dient. Dass ein Wort Gottes bindet und sendet, war ihm selbstverständlich, weil er ein Mann war, der bereitet, zugerüstet war zu Anrufen Gottes und der bereit war. Die dienstwillige Bereitschaft, das ist sein Geheimnis“ (Gesammelte Schriften, hrsg. v. Roman Bleistein, Bd. IV Frankfurt 2. Auflage 1985, Aus dem Gefängnis, Dezember 1944, 199f.). Josef macht sich also auf im doppelten Sinn: Er öffnet sich dem Geheimnis, und bricht auf um Jesu und dessen Mutter willen.

 

3. Werfen wir nun noch einen Blick auf das „Outfit“, in das Josef von Künstlern gesteckt wird: Er schaut aus wie ein Wanderer, ein Pilger. Sein Weg steht im Zeichen Abrahams, des ersten historisch greifbaren Menschen, zu dem Gott sprach: „Zieh fort aus deinem Land in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Das Neue Testament greift diese Existenzweise auf: Wir Christen sind Fremdlinge, Pilger und Gäste (vgl. 1 Petr 1,1.17; 2,11; Hebr 13,14). Denn „unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). Wir hören das heute nicht mehr so gern, dass unsere Heimat im Himmel sei. Wir meinen ja, dass wir dadurch von der Welt weggeführt würden und amputiert seien in unserer Freiheit. Doch wer so denkt, greift zu kurz. Denn Christsein ist weder Weltverachtung noch Weltflucht, sondern die Bereitschaft, alles Menschen Mögliche dafür einzusetzen, um die Welt human zu gestalten. Aber diese Bereitschaft bedeutet nicht, den Himmel zu stürmen, die Rollen zu vertauschen und uns als Geschöpfe zum Schöpfer aufzuspielen. Der Mensch darf nicht alles, was er kann. Gegen den Tod ist bis heute kein Kraut gewachsen. Es gibt Krankheiten, Gebrechen und Behinderungen, denen gegenüber wir machtlos sind. Trotzdem bleibt die Würde des Menschen erhalten, von der Zeugung bis zum natürlichen Tod. Die Würde des Menschen, in welchem Zustand er auch sei, ist unantastbar.

Ich danke allen, die sich für die Kultur des Lebens einsetzen und Werte hochhalten, die den Menschen Mensch sein und werden lassen: den Ärzten und dem Pflegepersonal ebenso wie den Seelsorgern und Therapeuten, den vielen Frauen und Männern, die sich dem Geheimnis des Menschen stellen. Auch wenn die medizinischen und psychologischen Erkenntnisse voranschreiten, ist jedem von uns eine Grenze gesetzt. Mensch, achte deine Grenzen! Glaube an das Wunder des Lebens, wenn du ein kleines Kind in den Armen hältst ebenso wie wenn du mit deinem Latein am Ende bist und alle menschlichen Kunstgriffe vergeblich scheinen!

Josef wusste um seine Grenzen. Er war ein Grenzgänger zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch. Wer sich auf eine Gratwanderung einlässt, braucht einen großen Glauben. Die Situation des Josef könnte heute ein Vaterschaftstest klären. Doch das gab es damals noch nicht. Josef blieb nur Eines: Er musste glauben. Glauben an die Kraft des Heiligen Geistes. Für den, der glaubt, ist keine Erklärung nötig. Für den, der nicht glaubt, ist keine Erklärung möglich. Geheimnis des Lebens – Abenteuer des Glaubens!

 

Wieviel er von dem Ganzen je verstand,
weil weiß,
was er gesprochen, schien den Schreibern nicht
der Rede wert.
Zur Not weiß man grad eben seinen Namen:
Josef.

Doch was er tat,
das Wesentliche,
hat man uns freilich aufgeschrieben,
weil’s dazugehört,
weil auch dem scheinbar Unbedeutenden um
SEINETWILLEN und für diesmal höhere
Bedeutung zukam.

Was er tat?
Das Nötige.

Auch wenn sie nicht von ihm
empfangen hatte,
die MUTTER,
er verstieß sie nicht.

Auch wenn er nicht sein
Vater war,
er zog es dennoch auf,
das Kind.

Wieviel er von dem
Ganzen je verstand,
wer weiß
dass ER und sie ihn brauchten, das
verstand er wohl und
tat das Seine.                          Linus David

[1] Franziskus: Patris corde (8. Dez. 2020), Schluss.