„Kirche hat Zukunft!“
Liebe Brüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, lieber Pfarrer Rapp, lieber Simon, liebe Schwestern und Brüder in Christus! Mit der Renovierung Ihrer Martinskirche haben Sie ein Statement gesetzt: „Wir glauben: Kirche hat Zukunft!“ Der Abschluss dieses mühevollen Projekts gehört zu Recht gefeiert. Ich bin der Einladung gerne gefolgt. Und ich sage Dank allen, die hier mitgewirkt haben. Am Beginn einer umfangreichen Renovierung steht die Überzeugung, dass es die Mühe wert ist. Es braucht das Knowhow von Architekten, Bauleuten und Kirchenverwaltung, gepaart mit dem Fleiß und Engagement vieler Ehrenamtlicher. Schließlich kann das Vorhaben nur realisiert werden, wenn Menschen bereit sind, auch finanzielle Mittel beizusteuern. Wo eine Kirche erneuert wird, da fließen die Fähigkeiten und Gaben vieler zusammen: von der Planungsphase bis zum letzten Pinselstrich.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: St. Martin erstrahlt in neuem Glanz. Passt das nicht auch zum Gedenktag des Kirchenpatrons? Unser Brauchtum bringt den Heiligen mit Licht in Verbindung. Meist sind es die Kleinsten, die am Martinstag in bunten Laternen Licht in die Dunkelheit des anbrechenden Winters tragen. Auch wenn nicht jeder weiß, dass der hl. Martin ein Bischof war – aber dass er seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat, ist bekannt. Wer teilt, verbreitet Licht. Wer teilt, schafft Zukunft. Diese großzügige Haltung hat der hl. Martin mit den Witwen gemeinsam, von denen die heutigen Texte sprechen. Das erste Buch der Könige erzählt von einer Witwe aus Sarépta. Sie hat auf die Zusage Gottes vertraut: „Der Mehltopf wird nicht leer werden, der Ölkrug wird nicht versiegen“ (1 Kön 17,14). Ihre Geschichte zeigt: Gott ist seinen Versprechen treu. Sie hat gegeben, was sie konnte - obwohl ihr buchstäblich zum Sterben zu Mute war.
Manch einer würde das auch über die Kirche sagen. Aber Sie in Herrsching haben hier anders entschieden. Kirche hat Zukunft. Eine Kirche für die Zukunft rüsten, das erfordert neben der baulichen auch die innere Erneuerung, die das Miteinander von Menschen und Gott betrifft. Im Zuge der Renovierung hat St. Martin einen neuen Außenanstrich erhalten. Es gilt im Innern zu halten, was wir nach außen versprechen. Von einzelnen Restaurierungsmaßnahmen ausgehend möchte ich daher Überlegungen zur „Innenrenovierung“ mit Ihnen teilen.
Die Sanierung von St. Martin war mitunter dem Zustand des Turmes geschuldet. Nun ist ihm neue Standfestigkeit verliehen und auch die Glocken läuten wieder. Turm und Glocke stehen für die Verkündigung der Frohen Botschaft; sie stehen für eine Kirche, die sichtbar und hörbar ist. Allen Getauften ist es aufgetragen, die Frohe Botschaft zu verkünden. Der Ort der Verkündigung ist nicht nur Kanzel oder Ambo. Verkündigung ist nicht nur Predigt.
Liebe Schwestern und Brüder, Sie alle sind Gesicht und Stimme der Kirche. Dort, wo Sie sind, ist Ort der Verkündigung: in ihren Familien, im Kollegenkreis, in Arbeit und Freizeit. Überall und allen gilt die Botschaft des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Die Wege, um diese Botschaft in Worten, Gesten und Taten weiterzugeben, sind vielfältig.
Dafür braucht es Standfestigkeit – das gilt nicht nur für den Glockenturm. Als Christ kann man sich in unserer Gesellschaft auf einsamem Posten befinden. Dennoch ist das Christentum kein Einzelkämpfertum, sondern Gemeinschaft. Die Erfahrung, in Gemeinschaft zu stehen, stärkt uns; das verleiht Standfestigkeit. Die Gemeinschaft der Kirche ist mehrdimensional: auf drei gemeinschaftliche Bezugspunkte, in denen wir stehen, möchte ich eingehen.
Eine Dimension habe ich vor Kurzem selbst wieder eindrücklich erfahren dürfen. Katholisch sein bedeutet in eine Weltkirche eingebunden sein. Dieses Netz der Weltkirche durfte ich erst kürzlich wieder erleben, als ich an der Bischofssynode in Rom teilgenommen habe. Katholische Kirche ist keine Monokultur, sondern Einheit in Vielfalt. Dies als Reichtum, nicht als Bedrohung zu sehen, ist eine Herausforderung für unseren Weg in die Zukunft – auch im Bistum.
In dieser Gemeinschaft wird uns ein reicher Erfahrungs- und Glaubensschatz geboten. Wir dürfen daraus schöpfen, um Kirche vor Ort in den Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften zu gestalten. Es ist die Bezugsebene, die für viele am Greifbarsten ist. Hier wird Glaube gelebt, hier wird gemeinsam angepackt. Hier werden Traditionen aus dem Glaubensschatz der Kirche aufgegriffen und neu verortet. Die Übertragung der Orgel aus der alten St. Nikolauskirche nach St. Martin mag ein Sinnbild dafür sein.
Der Erfolg der Renovierungsarbeiten hing von vielfältigen Begabungen ab. Der Blick auf die unterschiedlichen Orte des Verkündigungsdienstes zeigt, auch der geistliche Aufbau benötigt die Vielfalt der Charismen und Gaben. Salopp formuliert gab der hl. Martin sein letztes Hemd und die Witwe von Sarépta ihre letzten Vorräte. Auch im Evangelium hörten wir von einer freigiebigen Witwe. Von außen betrachtet ist es nicht viel, was diese Frau in den Opferkasten einer Synagoge geworfen hat: zwei kleine Münzen nur. Gut möglich, dass sie hämische Blicke erntete, weil ihr Beitrag als zu gering und wertlos erachtet wurde. Im Kreis seiner Jünger lässt Jesus so ein Urteil nicht zu. Er sieht, was sie wirklich gegeben hat und macht seine Jünger darauf aufmerksam: „Sie hat alles hergegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt“ (Mk 12,44). Wir könnten fragen, warum und wozu? Was hat sie dazu veranlasst? War ihre Gabe Ausdruck von religiösem Pflichtbewusstsein oder einer dringenden Bitte? Das Evangelium schweigt zu den näheren Umständen. Jesus hebt das Entscheidende hervor. Es kommt nicht auf die Quantität der Gabe an. Sie hat mehr gegeben als alle anderen, weil sie alles gegeben hat. Sie hat alles auf eine Karte gesetzt.
Das führt uns zur dritten Dimension von Kirche. In ihr liegt die Ursache und das Ziel kirchlicher Existenz: Kirche ist Gemeinschaft mit Gott. Kirche wird dort Zukunft haben, wo sie die Menschen in die Gemeinschaft mit Gott führt. Er ist der Geber aller Gaben. Gott hat seinen ganzen Reichtum mit uns geteilt. Wenn wir als Christen in Kirche und Gesellschaft wirken sollen, geht es nicht um ein kirchlich legitimiertes Leistungsdenken. Ganz im Gegenteil – die Lesung aus dem Hebräerbrief macht klar, dass das Opfer Christi einmalig war. Der bis dahin praktizierte Opferkult wurde für die Christen obsolet. Wir können der Liebestat Christi nichts hinzufügen. Jesus genügt. Aber wir können darauf antworten. Die größte Antwort lehren uns die beiden Witwen: Sie heißt Vertrauen. Vertrauen kann ich nur zu jemandem haben, der mir vertraut ist. Das setzt Beziehung voraus. Kirche ist der Raum, wo die Beziehung zu Gott gelernt, gelebt und vertieft werden will. Auch dafür kann die Renovierung von St. Martin stehen. Für die Aufrechterhaltung des Gemeindelebens scheint dieses Kirchlein nicht notwendig zu sein. Aber gerade das Fehlen einer bloßen Funktion kehrt die eigentliche Sinnhaftigkeit hervor. Dieser Raum ist für die Begegnung zwischen Gott und Mensch reserviert. Unweit des geschäftigen Gemeindekerns von Herrsching lädt St. Martin zum Verweilen ein.
Unser Ausgangspunkt war die Frage nach der Standfestigkeit, die wir als Christen in der Welt brauchen. Die kirchliche Gemeinschaft weltweit und vor Ort lässt uns erkennen: Wir sind nicht allein. Im stillen Zwiegespräch mit Gott kann eine leise, aber vertrauenswürdige Stimme vernommen werden. Auch sie spricht: Du bist nicht allein. Daraus gewinnt der Mensch innere Stabilität und Freude. Die Erfahrung von Gottes Gegenwart im eigenen Leben lässt uns zu glaubwürdigen Botschafterinnen und Botschaftern des Evangeliums werden.
Gott hat seiner Kirche Dauer verheißen. Zu Recht setzen wir unsere Hoffnung darauf. Das Christentum war in seinen Anfängen so erfolgreich, weil die Christen Strahlkraft hatten. Bitten wir Gott an diesem Abend, dass man nicht nur unseren Gebäuden, sondern auch uns Christen ansieht: Ja, die Kirche lebt und sie hat Zukunft! Amen.