"Wunden heilen helfen"
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Haben Sie Ihre Winterkleidung schon hervorgeholt? Ein warmer Wintermantel ist Gold wert. Er hält uns die klirrende Kälte vom Leib. Er bietet uns Schutz und schenkt uns ein wohlig warmes Gefühl. Ein Mantel mag das letzte Hab und Gut gewesen sein, das Bartimäus geblieben ist. Das Gesetz des Mose sah es vor, dass der Mantel eines Mitbürgers nicht über Nacht als Pfand einbehalten werden darf: „Denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid.“ (Ex 22,25–26).
Bartimäus war blind und das heißt arm, verstoßen, beheimatet am Rand der Straße. Im Mantel liegt die Überlebenschance des Nachts nicht zu erfrieren, er birgt einen Rest von Würde.
Das Markusevangelium berichtet von einer großen Menschenmenge, die Jesus auf dem Weg begleitet. Der Blinde nimmt den Pilgerzug Richtung Jerusalem wahr, aber er kann Jesus in der Menge nicht orten. Es bleibt ihm nur, laut nach Jesus zu rufen: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Mit diesen Worten schreit Bartimäus nicht nur sein Elend heraus, sondern auch seine ganze Hoffnung. Er wagt es sogar, ihn als Sohn Davids zu bezeichnen. Die Menge um Jesus ist wenig begeistert davon. Das Geschrei, die Wortwahl – das sorgt für unnötiges Aufsehen! Das gefährdet den Einzug nach Jerusalem. Das gefährdet die Vorstellung, wie alles zu laufen hat. Die Rufe eines Armen am Wegesrand: das hält auf, es stört. Besser wäre es, wenn dieser Bettler den Mund hielte. Bartimäus - zum Schweigen verurteilt.
Aber der lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Bartimäus ruft weiter und lauter als zuvor – mit Erfolg! Die Rufe erreichen das entscheidende Ohr. Jesus bleibt stehen. Er sieht sein Vorhaben nicht gefährdet, wenn er für einen armen Bettler anhält, der ihn braucht. Ganz im Gegenteil – das ist seine Sendung: den Armen eine frohe Botschaft zu bringen, den Gefangenen und Zerschlagenen die Freiheit zu schenken und den Blinden das Augenlicht zu öffnen (vgl. Lk 4,18). Haben seine Begleiter das noch immer nicht verstanden?
Hat die Kirche es verstanden? Haben wir das verstanden? Der Schrei des Bartimäus – er zieht sich durch die Jahrhunderte unserer Geschichte. Oft sind es nur Einzelne, die auf diese Schreie hören. Dieser Gottesdienst anlässlich des Gedenktages für Betroffene sexualisierter Gewalt fällt mit dem Fest der heiligen Elisabeth zusammen. Sie gehört zu den Menschen, die einen wachen Blick für die Not ihrer Zeit haben. Die Heilige gilt als Patronin der Nächstenliebe, ihr Tun dient bis heute als Vorbild für Kranken- und Pflegeeinrichtungen. Die Herrschergemahlin war bereit, weit mehr zu geben, als es ihrem Stand entsprach. Dadurch handelte sie sich immer wieder Argwohn und Kritik im adligen Familienkreis ein. Doch davon ließ sie sich nicht aufhalten. Durch die Nachfolge Jesu motiviert, hat sie auf eigenen Reichtum verzichtet und die Lebenssituation vieler verbessert, denen es an eigenen Mitteln fehlte.
Wenn wir heute auf die Opfer von Missbrauch schauen, sind wir angemahnt zu fragen: Welchem Beispiel folgen wir? Lassen wir es wie die Hl. Elisabeth zu, dass die gegenwärtige Not unser Blickfeld treffen darf und unsere Handlungsweise bestimmt oder folgen wir unaufhaltsam einem Trott, der nur vermeintlich in der Nachfolge Jesu steht? Allzu lange zeigte das Handeln von Verantwortungsträgern in der Kirche erschreckend viel Gemeinsamkeit mit der Menschenmenge, die Bartimäus ignorierte oder gar zum Schweigen aufforderte. Die Wucht des Missbrauchs wurde nicht ernst genommen, stattdessen wurde ein falscher Glanz bewahrt.
Die Geschichte des Bartimäus erfährt eine Wendung. Mit Blick auf Jesus tut es ihm die Menge gleich. Sie alle halten inne. Die Menschen um Jesus werden sogar zu Mittlern zwischen ihm und dem Blinden. So kann Bartimäus Heilung erfahren. Auch die Kirche muss eine solche Wende vollziehen, umkehren. Unser Bistum ist auf dem Weg, erlittenes Unrecht anzuschauen und das Leid Betroffener zu lindern. In den letzten Jahren wurde viel getan, um Geschehenes aufzuarbeiten. Prävention in jedem Bereich des kirchlichen Lebens soll Menschen sensibilisieren, um weiteres Leid zu verhindern. Aber wenn das alles nur als äußere Pflichterfüllung geschieht, reicht das nicht. Wir dürfen nicht beim Almosen geben stehen bleiben!
Viele Betroffene fühlen sich lange Zeit schmutzig und wertlos. Sie sind aus der Bahn geworfen, innerlich an den Straßenrand neben Bartimäus gesetzt. Welcher Mantel ist den Opfern eigentlich geblieben, die Missbrauch erlebt haben? Ist nicht die Würde und Intimität eines Menschen der Mantel, der uns am Leben erhält? Der Mantel ist noch da, aber zerrissen, kaum mehr spürbar. Die Kälte dringt nach innen; sie lähmt und macht es vielen Betroffenen schwer, am Leben teilzuhaben. Wenn die Verletzungen die intimste Würde betreffen, wird nicht gerade da ein Schutzmantel umso dringender gebraucht? Mitunter legt sich um Menschen, die Missbrauch erlebt haben, ein Mantel des Verdrängens, der der Psyche hilft zu überleben. Manche erinnern sich selbst erst nach Jahren an das, was geschehen ist. Anderen wiederum steht das Geschehene ständig vor Augen. Das Schweigen zu brechen erfordert allen Mut. Bei wem finden sie Hilfe, wie kommen sie zu ihrem Recht? Äußere und innere Hürden sind zu bewältigen.
Bartimäus wird Mut gemacht, aufzustehen. Er findet die Kraft, auf sein neues Leben zuzugehen und dafür sogar seinen Mantel wegzuwerfen. Er lässt hinter sich, was ihm bisher Leben garantierte – im Vertrauen darauf, dass er Heilung findet. Betroffene dürfen nicht alleine gelassen werden, um ähnliche Schritte gehen zu können. Wer den Mantel des Schweigens hinter sich lassen will, ist darauf angewiesen, in einen neuen Mantel schlüpfen zu können: einen Mantel, der Wärme und Geborgenheit vermittelt, ein Mantel, der Hoffnung auf ein neues Leben schenkt. Eine Legende über die Heilige Elisabeth erzählt davon, wie sie ihren kostbaren Mantel einem Armen überlässt. Wir sind heute an der Reihe, anderen einen bergenden Mantel hinzuhalten. Von Missbrauch Betroffene brauchen geschützte Räume, in denen sie sich trauen können, über ihre traumatischen Erlebnisse und alle Folgen daraus zu sprechen. Dem Betroffenenbeirat unseres Bistums ist das ein großes Anliegen – und dem schließe ich mich an. Ich danke an dieser Stelle allen, die Betroffenen als Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter zur Seite stehen. Menschen müssen von uns in ihrem individuellen Schicksal wahrgenommen und angesehen werden. Markus erzählt nicht nur von einer Blindenheilung, er nennt Bartimäus beim Namen. Bei Menschen, die geistlichen Missbrauch oder sexualisierte Gewalt im Raum der Kirche erlitten haben, sind die Erlebnisse eng mit der eigenen religiösen Biographie verschränkt. Ihnen wurde auch der bergende Mantel des Glaubens und einer Glaubensgemeinschaft geraubt. Wo Betroffene Schritte zurück in eine Glaubenspraxis oder gar eine Glaubensgemeinschaft wagen, da sind diese oft ungeheuer schmerzhaft und schwierig. Jede Seele hat ihr eigenes Tempo, um wieder neu ins Leben zu finden. Einen neuen Mantel hinhalten, heißt nicht ihn überstülpen. Die Frage Jesu „Was willst du, dass ich dir tue?“ ist der Maßstab dafür. Wir werden weiter gemeinsam daran arbeiten, alle Hürden wegzunehmen, die wir wegnehmen können, um Betroffenen den Weg zu Anerkennung und Heilung zu ebnen.
An diesem Abend bitten wir Gott, dass er seiner Kirche Mut und Einsicht auf dem Weg der Umkehr gebe. Möge Christus, das Licht, überall dort Wärme und neues Leben schenken, wo Kälte lähmt und Blindheit herrscht. Möge Er die Wunden aller heilen, die von Missbrauch betroffen sind. Amen.