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Predigt von Bischof Bertram zum Hochfest Christkönig in St. Blasius in Hirblingen zum Abschluss der Kirchensanierung

„Ein König mit zwei Kronen“

24.11.2024 10:00

Liebe Schwestern und Brüder, „die kath. Pfarrkirche St. Blasius in Hirblingen ist eine einladende, bayerisch-schwäbische Dorfkirche mit einer farbenfrohen, überwiegend barocken Ausstattung.“ Diese Worte entnahm ich vor wenigen Tagen einer Beschreibung dieses schönen Gotteshauses, das - wie viele von Ihnen sicher wissen - von keinem geringeren als Hans Georg Mozart, dem Urgroßonkel des berühmten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart geplant wurde. Sein Markenzeichen war der achteckige Zwiebelturm, der beispielsweise auch die Kirchengebäude St. Adelgundis in Anhausen oder St. Michael in Pfersee ziert. Hier in Hirblingen ist vor allem das lebensgroße und ca. 500 Jahre alte Kruzifix an der Südseite der Kirche von hohem künstlerischen Wert. Aber auch als Gesamtbauwerk ist es ein wunderbarer Ort, wo Menschen seit Jahrhunderten zusammenkommen, um Gottes Gegenwart zu spüren, sein Lob zu singen und sich im Gebet zu vereinen. Daher freue ich mich sehr, heute mit Ihnen den Abschluss der Kirchensanierung feiern zu können.

Ich möchte an der Stelle allen ein herzliches Vergelt’s Gott sagen, die sich in den vergangenen Jahren um die Neugestaltung dieser Pfarrkirche verdient gemacht haben, allen voran der Kirchenverwaltung, den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, all jenen, die für die Renovierung gespendet haben, und auch dir, lieber Thomas, als Pfarrer dieser Gemeinde. Jede christliche Kirche ist eine „Wohnung Gottes unter den Menschen“ (Offb 21,3), denen er nahe und für die er da sein will. Darum ist es nur recht und wert, wenn wir nun darauf schauen, was der Gastgeber dieses Hauses uns in den Tageslesungen des Christkönigssonntages zu sagen hat. Mit Blick auf die Eigenheiten dieser Kirche kamen mir dazu zwei Gedanken, die ich Ihnen gerne mitgeben möchte. Ich habe sie unter die Überschrift gestellt: „Ein König mit zwei Kronen?!“

1. Ein König mit Dornenkrone

Warum dieser Titel? Mir ist beim Betrachten der Pfarrkirche St. Blasius eine Besonderheit aufgefallen: Unmittelbar über mir an der Decke ist ein Bild mit zwei Kronen. Beide sind völlig unterschiedlich und gehören doch zu dem einen König, den wir am heutigen Tag in besonderer Weise ehren: Jesus Christus.

Da ist zunächst am unteren Rand eine Dornenkrone. Sie erinnert uns daran, dass der „Herrscher über die ganze Schöpfung“ (Offb 1,8), wie es in der Lesung aus der Offenbarung des Johannes hieß, in der Person Jesu Christi auf die Erde kam und schweres Leid erdulden musste. Obwohl er den Menschen nur Gutes getan und viele geheilt hatte, schlugen ihm von bestimmten Gruppierungen, teils aus politischen, teils aus religiösen Gründen, Neid und Hass entgegen. Er, dem alle Macht auf Erden übertragen war, ließ sich aus Liebe gefangen nehmen, ertrug Schmerzen und starb schließlich qualvoll mit einer Dornenkrone auf dem Haupt am Kreuz. Was soll das für ein König sein, fragte sich schon damals nicht nur der Statthalter Pilatus (vgl. Joh 18,37), wie wir es im Evangelium hörten. Bis heute können viele Menschen nicht verstehen, was Jesus mit den Worten meint, sein Königreich sei nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36). Ein echter König zeichnet sich doch durch Stärke aus, mit Soldaten, die für ihn kämpfen. So hofften wohl auch einige der Jünger insgeheim, dass Jesus sie endlich von der römischen Fremdherrschaft befreien und das Königreich Israel wieder neu errichten würde. Doch dem Mann aus Bethlehem ging es um etwas ganz Anderes: Jesus ist nicht gekommen, um Menschen auf die Knie zu zwingen. Seine Herrschaft trennt nicht und unterdrückt nicht. Im Gegenteil, sie will aufrichten und die Völker dieser Erde zusammenführen. Der Weg dahin ist Jesus selbst, der in die Welt kam, um den Menschen die Wahrheit über Gott mitzuteilen. Was aber ist Wahrheit? Über diese Frage haben sich schon viele den Kopf zerbrochen. Auch Pilatus zuckte bei diesem Wort nur mit den Achseln. Für ihn als Verwalter in einer politisch instabilen Provinz war es in erster Linie wichtig, die römische Vorherrschaft und damit seine eigene Position aufrecht zu erhalten. Zur Not musste dafür eben ein Mensch sterben, selbst wenn dieser nichts Böses getan hatte. Das ist knallharte Berechnung ohne Mitgefühl, das Verhalten eines Machtmenschen. Wir könnten jedoch an der Stelle fragen: Hat sich am Handeln der Mächtigen in den letzten zweitausend Jahren so viel verändert? Wenn ich sehe, dass die Zahl autoritär geführter Staaten immer größer wird und in vielen Ländern Politiker gewählt werden, die Lüge und Gewalt als eine akzeptable Form der Politik ansehen, macht mir das große Sorgen.

Demgegenüber steht der Mann mit Dornenkrone: Seine Wahrheit liegt darin, den Menschen durch Wort und Tat zu zeigen, wer und wie Gott ist. Sehr schön liest sich das im Psalm 103: Der Herr, ist einer, „der dich mit Gnade und Barmherzigkeit krönt“ (Ps 103,4). Das ganze Wesen Jesu ist demnach Liebe - eine Liebe, die er bis zum Tode lebt und den Menschen noch mit seinem letzten Atemzug ihre Sünden vergibt. Indem er sich die Dornenkrone aufsetzen lässt, setzt Jesus ein Zeichen, dass unser Gott ein Gott des Mitleids und Erbarmens ist. Wenn wir als Christen heute diesem Jesus nachfolgen wollen, sollten auch wir uns die Frage stellen, mit wem wir Mitleid haben. Ganz konkret: Haben wir diejenigen im Blick, denen es in unserer Gemeinde nicht gut geht? Besuchen wir Kranke und nehmen wir wahr, wo Menschen einsam und traurig sind? An welchen Stellen erweisen wir uns als wahre „Christen“, indem wir die Wahrheit sagen und uns für Benachteiligte einsetzen? Weil Jesus all das vorgelebt hat, erhöhte Gott ihn über alle Menschen und verlieh ihm den Namen, der größer ist als alle anderen Namen (vgl. Phil 2,9). Er ist der König der Könige, was mich zu meinem zweiten Gedanken führt, d. h. zur zweiten Krone über mir im Deckengemälde.

2. Christkönig, Halleluja

Es ist eine eher prachtvolle Krone, die uns vor Augen stellt, dass Jesus für alle Zeit „Herrschaft, Würde und Königtum“ (Dan 7,14) gegeben wurde, wie wir es vom Propheten Daniel in der ersten Lesung gehört haben. Als Retter, der „uns von unseren Sünden erlöst“ (Offb 1,5) und den Tod besiegt hat, dürfen wir alle Tage darauf vertrauen, dass die Kraft der Liebe Gottes stärker ist als alles Böse in dieser Welt. Ich denke, dass dies gerade in unserer Zeit, wo wir nahezu täglich in den Medien konfrontiert werden mit schrecklichen Nachrichten von Krieg und Gewalt, menschlichen Dramen und Umweltkatastrophen, eine ganz wichtige Botschaft ist. Lassen wir uns nicht herunterziehen und entmutigen, oder noch schlimmer, verführen von Stimmungsmachern, die uns sagen, dass alles immer nur schlechter wird und wir dem Untergang entgegensteuern! Dies ist keine christliche Haltung! Wir sind dazu berufen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Freude (vgl. 2 Kor 1,24) zu sein. Und unsere Freude gründet im Glauben daran, dass Jesus Christus immer noch und jeden Tag bei uns ist. Erst vor wenigen Tagen hat Papst Franziskus einmal mehr betont, dass Glaube und Freude untrennbar zusammengehören[1]. Das heißt: Die Frohe Botschaft kann nicht überzeugend von Menschen verkündet werden, die ständig müde, traurig oder frustriert wirken. Dabei geht es nicht darum, sich künstlich gute Laune herbeizureden. Wohl aber geht es um eine grundsätzliche innere Haltung, nach der wir die Herausforderungen des Lebens zwar nicht umgehen können, wohl aber im Blick auf den auferstandenen Herrn in einem neuen Licht sehen und auch anderen in Notlagen helfen können. So lade ich Sie ein, sich zu fragen, inwieweit Sie als Mensch, und vor allem als Christin und Christ, im Alltag Freude ausstrahlen und zur Freude anderer beitragen, sei es in der Familie, in der Dorfgemeinschaft, im Beruf oder in der Gesellschaft. Durch die Taufe hat Jesus auch uns zu Königinnen und Königen gemacht, die mit ihm herrschen sollen, in der Weise, wie er es uns gelehrt hat: In der Liebe zu Gott und im Dienst am Nächsten. Wir alle können demnach etwas dazu beitragen, dass sich das Königreich Gottes auf dieser Erde ausbreitet, und Menschen im guten und friedlichen Miteinander leben können.

Zwei Kronen, ein König! Vor genau einer Woche durfte ich im Freiburger Münster die Seligsprechung des katholischen Priesters Max Josef Metzger mitfeiern. Dieser hatte als Feldgeistlicher die Gräuel des Ersten Weltkriegs erlebt. Fortan setzte er sich für den Frieden ein und erhob seine Stimme gegen Gewalt und Kriegstreiberei. Dafür wurde er im Jahre 1944 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Einige Jahre zuvor hatte Max Josef Metzger nicht weit von hier, in Meitingen, eine Missionsgesellschaft gegründet, die später und bis heute den Namen „Christkönigs-Institut“ trägt. Für ihn war klar, dass es nur einen wahren König gibt, dem wir als Menschen in allem Tun und Denken folgen sollen: Jesus Christus. Im Gedenken an den seligen Max Josef Metzger, der uns mit seinem Mut ein leuchtendes Vorbild christlicher Lebensführung sein kann, wollen wir Jesus, unseren Herrn, ehren, und mit lauter Stimme rufen: Christkönig, Halleluja!

[1]https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2024-10/papst-franziskus-tweet-glaube-braucht-freude-um-zu-leuchten.html#:~:text=Papst%20Franziskus%20hat%20die%20untrennbare,am%20Glauben%20nicht%20m%C3%B6glich%20sei., 11.11.2024.