„Kolping ist Familie“ mit Gott als Fels in der Brandung
Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, liebe Heimleiterfamilie Reichart, liebe Mitglieder und Mitarbeitende von Kolping, liebe Festgäste, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, heute dreht sich alles um den Hausbau. Wir feiern 50 Jahre Allgäuhaus Wertach, wir sind froh, dass wir dieses wunderbare Haus haben. Wieviel Segen liegt auf der Investition von Kraft, Geld und planerischer Kreativität, die 1969 mit der Gründungsversammlung einsetzte und vor 50 Jahren am 20. Mai 1973 mit der Segnung durch Bischof Stimpfle, ein nur vorläufiges Ende fand. Denn wer heute dieses Haus betritt, ahnt sofort, wie oft es umgebaut und modernisiert werden musste!
Ein Haus ist eine Lebensbaustelle, das wissen viele aus eigener Erfahrung. Schon innerhalb einer Generation muss ein Gebäude, wenn es nicht dem schleichenden Verfall preisgegeben wird, immer wieder begutachtet, geprüft und nachgebessert werden. Häuser, so sagen wir oft, haben ihre Eigenart, sie haben Charakter, ja beinahe ein Gesicht. Mit Häusern werden Erinnerungen wach: oft das Gefühl von Geborgenheit, Nähe und Wärme; manchmal aber auch die Empfindung von Enge, Dunkelheit oder gar Gewalt und Unterdrückung. Nicht wenige Familien oder Hausgemeinschaften sind mehr Kristallisationspunkt von Fluchtphantasien als von Heimat. Daher ist es umso wichtiger, dass es echte Zufluchtsorte gibt. Das Allgäuhaus Wertach zählt ganz sicher dazu!
„Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist!“ Diese Empfehlung haben wir vorhin im 1. Petrusbrief (5,4) gehört. Da wird Jesus Christus mit einem Stein verglichen – ein ungewöhnliches Bild, das positive und negative Seiten ausdrückt: Wir sprechen von einem „steinigen Lebensweg“, wenn wir ein Leben mit Höhen und Tiefen, ein Leben mit Verletzungen und unfreiwilligen Umwegen beschreiben wollen.
Menschen haben die Tendenz, Steinen aus dem Weg zu gehen. Denn es ist bequemer, auf einem ebenen Weg zu laufen als hinauf- und hinunterzuklettern; lieber machen wir einen Umweg, um uns Anstrengungen zu ersparen. Bestimmte Redewendungen, die mit dem Stein in Verbindung stehen, drücken eher den Respekt vor seiner Härte aus, als dass sie sympathisch wirken würden: Steinhart, steinreich, steinmüde – immer steckt dahinter: Hier geht es nicht mehr weiter, da muss ich die Segel streichen, denn es hat keinen Sinn, weiter dagegen zu halten.
Steine gelten oft als Hindernis. Doch schon seit frühesten Zeiten nutzen Menschen Steine auch als Schutz. Hinter ihnen können sie sich gegen Gefahren verschanzen, seien es andere Völker oder auch Naturgewalten. Deiche und Wälle, Mauern und Grenzen sind besonders langlebig, wenn sie aus Stein gebaut sind. Das ist zwar mühsam, aber es lohnt sich noch für Kinder und Kindeskinder. In mittelalterlichen Städten, in denen private Steinhäuser meist den Begüterten vorbehalten blieben, bemühte man sich, wenigstens die Kirche, das Rathaus und die Stadtmauer aus Steinen zu errichten, um sie vor Brand zu schützen. So hat der hl. Bischof Ulrich als erster die mehrfach überfallene und geplünderte Stadt Augsburg mit einer Mauer umgeben, um die Angriffe der feindlichen Ungarn abwehren zu können. In wenigen Tagen beginnen wir ja das Doppeljubiläum ihm zu Ehren: den 1.100 Tag der Bischofsweihe (923) und die 1.050. Wiederkehr seines Todes im Jahre 973.
Jesus, der lebendige Stein, galt als „Stein des Anstoßes“ (Jes 8,14). Er war vielen ein Dorn im Auge und wurde deshalb vor Gericht gestellt und unschuldig zum Tode verurteilt. Doch für alle, die ihm nachfolgen, ist er zum Schutz und Segen geworden! Ja, er ist das Fundament aus Felsen, auf das viele von uns schon lange ihr Lebenshaus bauen, weil sie seinem Wort vertrauen und seinen Beistand erfahren haben!
Auch die Schöpfung, Mutter Erde, ist, wie Papst Franziskus uns in Laudato sí erinnert, das gemeinsame Haus von uns allen: Heimat, einzigartiger Lebensraum für Pflanzen, Tiere, Menschen; uns anvertraut, damit wir Ehrfurcht vor dem Leben haben und Leben ermöglichen. Vielleicht hören wir deshalb das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium sogar mit feineren Ohren, weil wir sensibel geworden sind für die schlimmen Folgen, die Ausbeutung und Raubbau von Seiten der Menschen mit sich bringen. Unsere Verantwortung ist groß und keiner, wirklich keiner kann sich ihr entziehen. „Nach mir die Sintflut“, das ist nicht irgendein flotter Spruch, sondern eine gewissenlose Haltung, die wir nicht widerspruchslos hinnehmen sollten!
Auch Christinnen und Christen bleiben vor Stürmen und Schicksalsschlägen, vor den Erfahrungen von Scheitern und Verlust nicht verschont, doch wir kennen einen Zufluchtsort in der Not, mehr noch: wir haben einen Zufluchtsgott. In Jesus Christus hat ER unseren Lebensweg geteilt, er ist zum Weggefährten geworden, Rettungsanker und zugleich Licht in der Nacht. Auf IHN können wir bauen und werden so selbst zu lebendigen Steinen, die miteinander - Stein auf Stein - eine tragfähige Gemeinschaft bilden. Lassen wir darin nicht nach, geben wir, gerade auch als Angehörige der weltweiten Kolpingsfamilie ein Vorbild, den Kindern und Jugendlichen, die nach Orientierungsmarken Ausschau halten, und allen Menschen, die auf der Suche sind nach sich und ihrem Platz in der Welt. „We are Family - Kolping ist Familie“, das ist eine Haltung, ein Lebensstil, der unmittelbar sichtbar wird und einfach guttut!
Geben wir dem Guten Raum in uns und unter uns: die herrliche Natur um uns herum erzählt von der Liebe und Fürsorge Gottes. Lernen wir wieder das Staunen über die Wunder seiner Schöpfung und erkennen wir unseren Platz als Geschöpf unter Mitgeschöpfen an. Denn die Welt ist nicht unser Besitz, sondern wir haben sie von Gott geliehen bekommen, um sie weiterzugeben an die kommenden Generationen. Wir Heutigen wissen um die zerbrechliche Schönheit und Einzigartigkeit: „Es gibt keinen Planeten B“ steht auf den Plakaten der Fridays for Future-Aktivisten – und sie haben vollkommen recht damit. Wer als Christ so lebt, als kümmere ihn das nicht, der stellt sich auch taub gegen die Mahnung Jesu und gleicht dem „Tor, der sein Haus auf Sand baut“ (Mt 7,26). Bleiben wir hell-hörig und hell-sichtig, Kinder des Tages und nicht des Zwielichts, Menschen, die mit dem „Ohr des Herzens“ hören, damit wir auch unser Herz sprechen[1] lassen können und dem Frieden, der derzeit in Europa erschreckend untergraben wird, Raum und Kraft geben.
Ihnen allen, die Sie hier im und um das Allgäuhaus Wertach wohnen und für die Gäste sorgen, Ihnen, die Sie hier eine Auszeit vom Alltag nehmen und eine „Zeit des Aufatmens“ (Apg 3,20) genießen, und schließlich allen, die die diözesane Familienerholung ideell und finanziell tatkräftig unterstützen, wünsche ich, dass Sie Ihr ganz persönliches Leben immer wieder neu auf festen Untergrund stellen und vor allem: die Erfahrung machen, dass Jesus Christus wirklich der Fels ist, der in der Brandung standhält und unser Lebenshaus hinüberrettet in die Ewigkeit. Amen.
[1] Vgl. die Botschaften von Papst Franziskus zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 2022 und 2023.