im Rahmen des „Tränenfestes“ in der Wieskirche am 18. Juni 2023
"Tränen können trösten"
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, verehrte Gäste aus Kultur und Politik, sehr geehrter Wallfahrtskurat, lieber Florian, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, schwer verdauliche Texte sind es, die wir eben hörten – und das an einem Festtag in dieser prächtigen Kirche mitten im Frühsommer. Ist das nicht beinahe masochistisch?
Auch wenn wir heute anlässlich 40 Jahre UNESCO-Welterbestätte einen kulturellen Grund zum Feiern haben, das Tränenfest ist und bleibt das Hauptfest der Wallfahrt zum Gegeißelten Heiland auf der Wies. Als vor bald 300 Jahren – 1738 – die Bäuerin Maria Lory bei der Andachtsfigur des Geißelheilandes Tränen bemerkt und sich die Nachricht wie ein Lauffeuer über die ganze Region verbreitet, da trifft es die Menschen ins Herz: Der Heiland kennt unser Elend, er leidet mit uns mit, so sehr, dass gar die Statuen weinen!
Natürlich wurde 1983 die Entscheidung, diese Kirche als Gemeinschaftswerk der Künstlerbrüder Dominikus und Johann Baptist Zimmermann auf die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO zu setzen, vorrangig nach dem Kriterium getroffen: „Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft“; doch zugleich wurde auch anerkannt, dass es sich hier um ein „einzigartiges oder zumindest außergewöhnliches Zeugnis (…) kultureller Tradition (…)“ handelt. Worin besteht das Besondere, ja Faszinierende an der Tradition dieser Wallfahrtskirche? Genauer: Welche Botschaft hat das Tränenfest heute für uns?
Es gibt eine anthropologische Basis, von der wir ausgehen: die Erfahrung des Leidens, gegen das kein Mensch gefeit ist. Meist „erwischt“ es uns plötzlich und unvorbereitet: ein Unfall, eine schlimme medizinische Diagnose, ein unerwarteter Bruch im engsten Familienkreis, ein Knick in der beruflichen Karriere und, nicht zu vergessen - weil auch in unseren Breiten immer öfter - plötzlich hereinbrechende Natur– oder Umweltkatastrophen, zu denen ja wohl auch die Covid 19-Pandemie gehört. Corona ist nicht vom Himmel gefallen. Die Krankheit hat uns fast drei Jahre lang geplagt. Und jetzt der Krieg, seit gut einem Jahr hat er sich im Herzen Europas eingenistet; in unserem Alltag schwingt er immer mit. Unser Sicherheitsempfinden hat durch die Ereignisse der letzten Zeit gewaltige Dämpfer erhalten; schon greifen unterschiedlich motivierte Weltuntergangsszenarien um sich… Schließlich die Kirchenkrise, die nicht enden will. Es scheint: Krise wird chronisch.
Da liegt es nahe, sich nach einem Halt umzusehen. Der Evangelist Johannes macht dazu ein interessantes Angebot: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist, und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18). In Jesus Christus hat Gott uns sein menschliches, leidendes und mitleidendes Gesicht gezeigt. Die Tränen des Gegeißelten Heilands auf der Wies wurden übrigens nie als Tränenwunder anerkannt. Doch das ist zweitrangig gegenüber der Gebetserfahrung, die unzählige Gläubige hier in dieser Kirche gemacht haben. Sie gingen heim - getröstet und voller Hoffnung, im Vertrauen darauf, dass sie Gott begegnet sind. „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (Gen 16,13), so die aktuelle Jahreslosung in der evangelischen Kirche. Sie drückt ein Bedürfnis aus, das wir alle ausnahmslos im Herzen tragen: die Sehnsucht danach, gesehen, wahrgenommen und anerkannt zu sein.
Ich bin überzeugt, dass das Abbild des gemarterten Menschen, des unschuldig gequälten Heilands hier im Zentrum des Altars, einen Eindruck hinterlässt, der nicht leicht abgeschüttelt werden kann; auch nicht von den Kulturbeflissenen und Touristen, die das lichtdurchflutete Bauwerk inmitten der grandiosen Voralpenlandschaft auf ihrer Must see-Liste stehen haben. Vielleicht wirft es sogar die Frage auf: Hat das mit mir zu tun? Gehöre ich zu jenen, die gewollt oder ungewollt Leid verursachen oder bleibe ich gleichgültig, tatenlos und abgestumpft gegenüber dem Leid, dessen Zeuge ich werde?
Wir beklagen, dass gerade im öffentlichen Raum die Aufmerksamkeit für das Wohl des anderen, die Zivilcourage, jemandem, der angegriffen wird, zu Hilfe zu kommen - vermutlich auch coronabedingt – abgenommen hat. Von einem Hauptkommissar, der regelmäßig Schulen zu Aufklärungsgesprächen und Gewaltprävention besucht, weiß ich, dass die Empathie bei Jugendlichen nach der Pandemie erschreckend gering ausgeprägt ist. Social distancing hat hier zu einer verheerenden Gefühlskälte geführt! Dies darf gerade uns Erwachsene, die wir in Politik und Kultur, in religiöser Erziehung und Wertevermittlung tätig sind – nicht weit von hier befindet sich ja seit 1946 die Katholische Landvolkshochschule -, nicht ungerührt lassen. Im Gegenteil: Die politisch ernste Lage, unser krisengeschüttelter Alltag, von Energiekrise bis Inflation, diese komplexe Gemengelage sollte uns an die Verantwortung füreinander erinnern, besonders für diejenigen, deren Leben gerade erst begonnen hat oder in absehbarer Zeit zu Ende geht.
Das stellvertretende Leiden Jesu, der unsere Sünden an das Holz des Kreuzes getragen und uns dadurch erlöst hat, birgt einen Auftrag für uns Christen. Gleichzeitig kann es Mahnung und Ermutigung für alle Menschen guten Willens sein, immer mehr Mensch zu werden, durch gelebte Mitmenschlichkeit. Jedem von uns treiben Schmerz und Verzweiflung unwillkürlich Tränen in die Augen, doch Tränen über fremdes Leid sind ein Ausdruck von Mitgefühl und ein Zeichen von Zugehörigkeit - da, wo alle Worte zu wenig und zu viel zugleich sind. Heute sollten wir alle soweit sein, dass Tränen bei „g‘standenen Männern“ nicht nur zugestanden, sondern sogar gutgeheißen werden: Tränen der Trauer, wie sie Jesus im Evangelium weint, weil er voraussieht, dass die Heilige Stadt Jerusalem, die „Schau des Friedens“, wie ihr Name übersetzt heißt, dem Untergang preisgegeben wird: Ergebnis gescheiterter Politik, abgebrochenen Dialogs, der Verhärtung der Fronten und: fehlender Vermittler… Ich stelle heute eine steile These auf, aber ich wage sie doch: Tränen können trösten!
Die Menschen im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts um die Bäuerin Maria Lory und auch alle, die sich 1803, vor 220 Jahren, gegen den drohenden Abbruch dieser Kirche stark gemacht haben, - sie wussten, was Krieg bedeutet und wie nötig ein Ort wie dieser ist, wo man über unermessliche Leid bedenken kann, das Menschen einander zufügen; ein Ort, an dem es scheint, als sei der Himmel auf die Erde gekommen. Hier berühren sich Himmel und Erde. Hier erahnen wir, was Frieden auf Erden bedeutet.
Mit der Auferweckung Jesu als dem Ersten der Entschlafenen (1Kor 15,20) vertrauen wir der Verheißung, dass auch unser kostbares Leben nicht zugrunde geht, sondern verwandelt wird. Weil wir voll Sehnsucht jenen Augenblick erwarten, in dem Gott „alle Tränen abwischen“ wird (Offb 21,4), darum sollten wir uns nicht schämen, dem Vorbild Jesu zu folgen, das uns der Hebräerbrief eben vor Augen gestellt hat: „Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte“ (Hebr 5,7). So wage ich noch einmal meine steile These: Haben Sie Mut zu weinen! Tränen können trösten.
Vor diesem Hintergrund werte ich es als Fügung, dass wir heuer nicht nur 40 Jahre UNESCO-Weltkulturerbe feiern, sondern auch 40 Jahre Neubelebung der „Bruderschaft zum Gegeißelten Heiland auf der Wies". Übrigens zählt auch der hl. Papst Johannes Paul II. zu dieser Bruderschaft. Möge die Gemeinschaft aus derzeit 333 Frauen und Männern auch in Zukunft ihrem Auftrag, „die Liebe Gottes in die Welt auszustrahlen und dadurch mitzuhelfen, die große Not unserer Zeit zu lindern“, gerecht werden und damit uns allen Weggefährtenschaft zum Ziel unseres Lebens schenken. Noch einmal: Tränen können trösten. Amen.