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Predigt bei der Aufnahme von Annette Wasmund als Diözesaneremitin am 7. Dezember im Hohen Dom

„Leben wir mit Gott wie mit einem Freund!“

07.12.2023 18:00

Liebe Frau Wasmund, liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, liebe angehörige und befreundete Schwestern und Brüder, es ist eine schöne und tiefe Fügung, dass Sie, liebe Frau Wasmund, am Vorabend eines der jüngsten Marienfeste vor Gott und uns als den Zeuginnen und Zeugen Ihre Entscheidung kundtun, als Eremitin nach den evangelischen Räten zu leben in der Nachfolge Jesu Christi.

Damit setzen Sie ein Zeichen dafür, dass die Worte des heiligen Paulus an die Gemeinde in Ephesus, sein Loblied auf den Heilsplan Gottes, bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Welche Freude über die Erlösung atmet dieser Text:

„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Kinder zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, zum Lob seiner herrlichen Gnade.“ (Eph 1,3-6)

Für eine noch recht „junge“ Heilige aus dem Karmeliterorden, die hl. Elisabeth von der Dreifaltigkeit (1880-1906), wurde diese Passage zum Schlüsseltext ihres Lebens: jede/r einzelne von uns ist im Voraus – also von Ewigkeit her – bestimmt, Kind Gottes zu sein und zu IHM zu gelangen, um ewig das „Lob seiner herrlichen Gnade“ zu singen. Vielleicht muss man so zartbesaitet und so musikalisch sein, wie die dreizehnjährige Elisabeth, der eine glänzende Karriere als Pianistin vorhergesagt wurde, und die sich in die Klausur zurückzog, um in der Stille für Gott schon in diesem Leben zum glockenhellen Loblied zu werden!

Im Karmel von Dijon fand sie die Erfüllung ihres Lebensgrundsatzes: „Leben wir mit Gott wie mit einem Freund, haben wir lebendigen Glauben, um durch alles hindurch mit ihm vereinigt zu sein“. Elisabeth hat der Liebe Gottes, die uns Jesus Christus verkündete, geglaubt, und will sie erwidern, im Alltag, im verborgenen Leben einer klösterlichen Gemeinschaft. In den fünf Jahren, die ihr noch bleiben, schreibt sie viele Briefe an Verwandten und Freunde und teilt mit ihnen ihre Entdeckung, dass alle in die Nachfolge Jesu gerufen und geliebt sind, und dass in allen Gott schon da ist.

Er wartet in unserem Inneren darauf, dass wir ihm einen Hör-Raum zur Verfügung stellen, und einen Wirkungskreis schaffen für seinen Heiligen Geist. Was den heutigen Menschen, auch und gerade uns Theologen, so enorm schwerfällt und häufig sogar kläglich misslingt, das Geheimnis der Dreifaltigkeit in Worte zu fassen, das offenbart sich der für die göttliche Wirklichkeit brennenden Seele der blutjungen Mystikerin Schwester Elisabeth.

Sie hat uns ein kostbares Gebet hinterlassen, wie es nicht besser zu Ihrem heutigen Festtag, liebe Frau Wasmund, passen könnte. Ich möchte Ihnen dieses Gebet als geistliches Geschenk mitgeben für Ihren weiteren Weg:

„O mein Gott, Dreifaltigkeit, die ich anbete, hilf mir, mich ganz zu vergessen, um mich in Dir niederzulassen, regungslos und friedvoll, so als weilte meine Seele bereits in der Ewigkeit. Nichts soll meinen Frieden stören können, nichts soll mich aus Dir herausfallen lassen, o mein Unwandelbarer; vielmehr soll mich jede Minute weiter in die Tiefe Deines Geheimnisses hineinführen. Schenk Frieden meiner Seele, mach sie zu Deinem Himmel, zu Deiner geliebten Wohnung und dem Ort Deiner Ruhe. Gib, dass ich Dich dort nie allein lasse, sondern ganz da bin, ganz wach in meinem Glauben, ganz anbetend, ganz ausgeliefert an Dein schöpferisches Handeln.

O mein geliebter Christus, aus Liebe gekreuzigt, ich möchte eine Braut für Dein göttliches Herz sein, ich möchte Dich mit Ehre überschütten, ich möchte Dich lieben ... ja, aus Liebe sterben! Aber ich fühle mein Unvermögen, und ich bitte Dich: ‚Bekleide mich mit Dir selbst‘, mach meine Seele mit allen Regungen Deiner Seele gleichförmig, überflute mich, durchdringe mich, setze Dich an meine Stelle, damit mein Leben nur mehr ein Widerschein Deines Lebens sei. Komm, bete an, heile und erlöse in mir!

O ewiges Wort, Wort meines Gottes, ich will mein Leben damit verbringen, auf Dich zu hören, ich will ganz offen und gelehrig sein, um alles von Dir zu lernen. Sodann will ich durch alle Nächte, alle Leere und alles Unvermögen hindurch immer den Blick auf Dich richten und in Deinem hellen Licht bleiben. O mein geliebter Stern, banne mich fest, damit ich nie mehr aus Deinem Strahlenkreis herausfallen kann.

O verzehrendes Feuer, Geist der Liebe, ‚komm über mich‘, damit in meiner Seele gleichsam eine Inkarnation des Wortes geschehe: damit ich Ihm eine weitere Menschheit sei, in der Er sein ganzes Mysterium erneuert. Und Du, o Vater, neige Dich zu Deinem armen, geringen Geschöpf herab, ‚bedecke es mit Deinem Schatten‘, sieh in ihm nur den ‚Viel-Geliebten, an dem Du Dein Wohlgefallen hast‘.

O meine Drei, mein Alles, meine Seligkeit, unendliche Einsamkeit, Unermesslichkeit, in die ich mich verliere, ich liefere mich Dir als Beute aus. Senke Dich ganz in mich hinein, damit ich mich in Dich versenke, bis ich einst in Deinem Licht zur Anschauung Deiner unermesslichen Größe und Erhabenheit gelange.“[1]

Haben Sie gemerkt, wie sehr sich die Karmelitin in ihrem Gebet am heutigen Festtagsevangelium orientierte? In liebender Hinneigung zu Maria als einer älteren Schwester im Glauben nimmt Schwester Elisabeth von der Dreifaltigkeit ihren karmelitischen Adelsnamen so ernst, dass sie die Worte des Engels als zu sich selbst gesprochen begreift – Maria das Urbild des gläubigen Menschen, Mutter und Tochter ihres Sohnes, erste und vollkommenste Jüngerin – sie weist uns allen den Weg zur Gnade. Ihr Glaube daran, dass „für Gott nichts unmöglich“ (Lk 1,37) ist, leuchtet wie ein Fixstern in der Finsternis unserer Tage – Ave maris stella dürfen wir in kindlich-demütigem Vertrauen rufen, einem Vertrauen, das heute keine Konjunktur mehr hat und oft als naiv, ja dumm hingestellt wird. Schade!

Ich vermute, auch Sie, liebe Frau Wasmund, wurden angesichts ihrer Suchbewegung auf Gott hin in den letzten Monaten und Jahren immer wieder mit ähnlichen laut oder leise geäußerten Einschätzungen konfrontiert. Selbst in kirchlichen Kreisen und unter theologisch ausgebildeten Menschen kann es passieren, dass der personale Gott, der Vater Jesu Christi, gegen die Begriffe „Leben“, „Natur“ oder „höheres Wesen“ ausgetauscht wird, weil angeblich viele nichts mehr mit ihm anzufangen wissen.

Doch die junge Frau aus Nazareth vor 2000 Jahren und die Jugendliche im Dijon des 19. Jahrhunderts oder auch der selige Carlo Acutis im Mailand des 21. Jahrhunderts sowie unzählige andere Heilige und Selige, namentlich Bekannte und solche, deren Name nur in die Hand Gottes geschrieben ist (vgl. Jes 49,16): sie alle haben ihr Leben nicht einem Abstraktum geweiht, sondern dem lebendigen Du, dem Gott, der Beziehung in drei Personen lebt und von dem uns der Sohn Kunde gebracht hat (vgl. Joh 1,18).

Liebe Frau Wasmund, wenn Sie nun Ihre Gelübde als diözesane Eremitin ablegen, dann sollen Sie gewiss sein, dass all die Heiligen, die Ihnen vorausgegangen sind, genauso Zeugen und Nothelferinnen sein wollen, wie die Menschen, die Sie zu diesem ganz intimen Geschehen heute eingeladen haben. – Nutzen wir alle noch viel, viel mehr die Chance, uns an unsere älteren Schwestern und Brüder im Glauben zu wenden! Ich sage das gerade in dem Jahr, in dem das Doppeljubiläum des hl. Bischof Ulrich von Augsburg auf seinen Höhepunkt zusteuert, die Erinnerung an die Bischofsweihe vor 1.100 Jahren am 28. Dezember. Laden wir ihn, die hl. Afra und den hl. Simpert nun (in der Allerheiligenlitanei) ein, durch ihre Fürsprache einen Gebetsmantel für die neue Eremitin auszubreiten und sie in den Schutz Gottes einzuhüllen.

[1]Prière en allemand (elisabeth-dijon.org) aufgerufen am 2. November 2023.