„Werden wir Freunde des Lebens!“
Lieber Pater Rektor, liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an die Gottessohnschaft Jesu Christi, heute feiern wir den Beginn einer neuen Zeitrechnung, den Neubeginn der Schöpfung und wir feiern die Bereitschaft einer Frau, sich für den göttlichen Heilsplan zu öffnen, ohne den Ausgang dieses Unternehmens zu kennen.
Hier schon können wir innehalten und uns ganz persönlich fragen:
- Wie steht es um mein Sicherheitsbedürfnis oder meine Risikofreudigkeit?
- Bin ich bereit, dem Herrn und seinem WORT zu trauen, auch und gerade weil Menschen mich für ver-rückt erklären oder aggressiv zu werden drohen?
- Habe ich es schon einmal erlebt, dass ich wider alle (menschliche) Vernunft gehandelt habe und den Sprung in das Dunkel des Glaubens wagte?
- Weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sich Nachfolge Christi anfühlt, wenn ich mutterseelenallein gelassen bin? und
- Was habe ich aus dieser Erfahrung gelernt, was kann ich an andere Menschen zur Ermutigung weitergeben: von Christin zu Christ, von geistlicher Begleiterin zur begleiteten Person?
Das Wort Gottes, wie es uns die Evangelien schildern, bleibt historisch – wenn es nicht im Hier und Heute verlebendigt wird!
So wie die Jungfrau Maria dem Sohn Gottes ihr eigenes Fleisch und Blut schenkte, das Geschöpf den Schöpfer aller Dinge in sich heranwachsen ließ, so hat es Gott gefallen, dass auch wir uns - in aller Freiheit - aktiv für IHN entscheiden müssen, damit er in uns Fleisch annehmen kann – in einer Weise, die nicht unbemerkt geschehen kann, sondern anderen Menschen auffällt, ja auffallen muss!
Wir feiern heute die Auserwählung der Gottesmutter von Ewigkeit her, in der Tradition der Kirche ihre Sündenlosigkeit - und haben uns angewöhnt, sie deshalb hoch über uns anzusiedeln, haben sie auf ein Podest gehoben – und isoliert!
Ich erfahre immer wieder, dass in einer solchen Überhöhung Mariens eine große Gefahr liegt: Die Verehrung wird einem der Zeit längst enthobenen mütterlichen Bild zuteil und dabei übersehen wir allzu schnell die werdenden Mütter unserer Tage, die in derselben Situation wie Maria damals stehen: allein mit einer lebensverändernden Entscheidung, in der Sorge um den Verlust des guten Rufes und der gesellschaftlichen Unterstützung.
Wie viele verzweifelte Mütter hat eine hartherzige, nur vordergründig fromme Gesellschaft in früheren Jahrhunderten zur Ermordung ihres Kindes getrieben und dann die sog. „Kindsmörderin“ zur grausamen Hinrichtung geschleppt! Wie wenige haben sich vor dem Schafott oder Scheiterhaufen Rechenschaft gegeben über das aufsteigende Grusel-Wohlgefühl angesichts ihrer eigenen „Unbescholtenheit“?
Lebensschutz ist ein zutiefst christliches Anliegen – der Advent und das heutige Fest legen Zeugnis davon ab. Doch sollten wir uns unbedingt vor Selbstgerechtigkeit und voreiligem Urteil hüten! Gestehen wir lieber demütig und zerknirscht ein, dass wir Christen es auch nach fast zweitausend Jahren noch nicht geschafft haben, das vorgeburtliche und das nachgeburtliche Leben, den pränatalen und den postnatalen Menschen, so zu schützen, wie er es verdient, seit Christus in der Jungfrau Maria „menschliches Fleisch angenommen“ hat, wie es prägnant in einem Weihnachtslied heißt.
Deshalb und nur deshalb feiern wir heute die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter Maria und wollen über ihre berechtigte Verehrung nicht die Menschen, die Frauen und Kinder vergessen, die uns tagtäglich im Alltag und in den Medien als Bloßgestellte und an den Rand Gedrängte begegnen. Etwa weil es sich um mittellose Geflüchtete handelt – ein Schicksal, das die Heilige Familie auch erlebte: Was wäre, wenn sie nicht in Ägypten Zuflucht gefunden hätte? Oder um von der Familie verstoßene Minderjährige oder schließlich um Menschen, die aus der Bahn geworfen wurden und nicht herausfinden können aus der Ausweglosigkeit des eigenen Lebens? In all jenen lässt sich die Mutter Gottes erkennen. Sie, für die der heilige Franz von Assisi (1182-1226), dieser feinfühlige und glühende Verehrer von Gottheit und Menschheit Jesu, folgendes Lobpreisgebet (FQ 33) gedichtet hat, das sich unmittelbar an das AVE des Engels anschließt:
Sei gegrüßt, Herrin, heilige Königin, heilige Gottesmutter Maria,
die du bist Jungfrau, zur Kirche geworden[1]
und erwählt vom heiligsten Vater im Himmel,
die er geweiht hat mit seinem heiligsten, geliebten Sohn
und dem Heiligen Geiste, dem Tröster,
in der war und ist alle Fülle der Gnade und jegliches Gute.
Sei gegrüßt, du sein Palast.
Sei gegrüßt, du sein Zelt.
Sei gegrüßt, du seine Wohnung.
Sei gegrüßt, du sein Gewand.
Sei gegrüßt, du seine Magd.
Sei gegrüßt, du seine Mutter.
(…)[2]
Nehmen wir sein Vorbild zum Anlass, um unser aller Mutter die Ehre zu erweisen und uns als Angehörige der Familie Jesu zu zeigen, indem wir dem Wort Jesu folgen, der sagte: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,50).
Suchen wir in allen, die im Schatten des Lebens stehen, die Ähnlichkeit mit dem israelitischen Mädchen Mirjam, das auf die vorbehaltlose Liebe seines Verlobten Josef angewiesen war - und helfen wir, wo wir helfen können! Werden wir immer mehr Freunde des Lebens – von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod!
[1] Spätere Handschriften lesen „immerwährende Jungfrau“ (virgo perpetua) statt virgo ecclesia facta, das man auch mit „zur Jungfrau Kirche gemacht worden“ übersetzen kann. Der Gedanke, Maria als Kirche zu sehen und die Kirche als Maria, ist schon den Vätern geläufig und wurde im Zweiten Vatikanischen Konzil wieder betont. Vgl. Esser, Die Opuscula, 416; Schneider, „Virgo ecclesia facta“, 104–108.
[2] Franziskus-Quellen. Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden im Auftrag der Provinziale der deutschsprachigen Franziskaner, Kapuziner und Minoriten herausgegeben von Dieter Berg und Leonhard Lehmann et alii, Butzon & Bercker, Edition T Coelde, Kevelaer 2009.