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Ansprache von Bischof Bertram beim Kreuzweg für verfolgte Christen im Dom

Leid und Tod sind Orte der Gottesbegegnung

13.09.2026 17:30

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, heute Nachmittag war unser Blick auf Israel und die Palästinensischen Gebiete gerichtet. Eine Vielzahl von Kindern wächst inmitten von Trümmern auf, zwischen zerstörten Gebäuden und traumatisierten Herzen. Denn das ist die Frucht des Krieges für alle Beteiligten. Die Frage, ob das Christentum im Heiligen Land überleben wird, ist ernst!

Corona, Krieg, Unruhen und Terror haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass Touristen und Pilger ausbleiben. Christen leben in allen Teilen des Landes, kennen nicht selten die verschiedenen Seiten eines Konflikts und geraten doch immer wieder zwischen alle Fronten. Viele von Ihnen leisten unermüdlich Friedensarbeit; sie folgen Jesus auf dem Weg der Gewaltlosigkeit nach, erleben Benachteiligung und Unterdrückung und sind doch Hoffnungsträger für eine bessere Welt: nicht nur im Heiligen Land, sondern in allen Teilen der Erde. Die verfolgte Kirche heute hat viele Gesichter. Sie alle wollen wir in diese Stunde des Gebets hineinnehmen; wir bitten um Trost und Glaubenskraft und darum, dass Menschen in den Krisenregionen konkrete Hilfe erfahren mögen. Denn die christliche Haltung der Friedfertigkeit und die Fähigkeit, Leid anzunehmen, heißt nicht, auf politische Lösungen und humanitäre Hilfe zu verzichten. Vielmehr müssen wir alles daransetzen, um Not zu lindern und zukünftiges Leid zu verhindern!

Ihnen allen möchte ich herzlich danken, dass sie heute hier sind, um an dieser Kreuzwegandacht teilzunehmen. Die nie endenden Nachrichten aus Krisen- und Kriegsregionen können auch resigniert machen und am Gebet zweifeln lassen. Ja, kann unser Herz überhaupt noch mitschwingen? Sind wir nicht abgestumpft von den medialen Bilderfluten, die uns das Elend der Welt zeigen? Berührt uns am Ende Leid doch nur dort, wo es unsere eigene kleine Welt trifft? In dieser Stunde richten wir unseren Fokus auf Jesus Christus und darauf, wie er unter der Last des Kreuzes durch die Gassen Jerusalems getrieben wird. Und auch hier müssen wir fragen: Christus am Kreuz – ist nicht auch das ein Anblick, an den wir uns allzu sehr gewöhnt haben, quasi eine Selbstver-ständlichkeit, die Gott um unserer Erlösung willen in Kauf nimmt?

Mit dem großen Denker Romano Guardini will ich einer Spur nachgehen, die uns von Neuem sensibel werden lässt für das Kreuz Christi.

„Wir verlieren die Wahrheit der Erlösung, wenn wir … vom Tod des Herrn absehen. Musste der aber sein?“, so fragt Guardini. Jesus kam auf die Erde, um zu verkünden, dass das Reich Gottes, und damit Heil und Friede, nahen, doch die Menschen „widerstehen. Er ringt um sie, drängt, droht... Das Reich ist Macht Gottes, aber es wendet sich an die Freiheit. … Das Unfassliche kann geschehen, dass Gott sagt; Ich will, der Mensch aber: Ich nicht. Dann ist das Reich von der Mauer der Finsternis abgewehrt… Der Augenblick kommt, da Jesus sieht, dass der Weg versperrt ist… Da kehrte er sein Angesicht nach Jerusalem.‘“[1] Guardini schildert es wie einen Wendepunkt im Leben Jesu, dass er sich seinem tödlichen Leidensweg entgegenstellen muss, um die Menschheit zu erlösen. Hindurch schimmert die nicht ergriffene Möglichkeit, dass der Mensch dem fleischgewordenen Wort auch ohne das Kreuzesgeschehen hätte Folge leisten können. Guardinis Gedankengang kehrt das Ausmaß der Tragik hervor, dass der Gerechte ans Kreuz genagelt wird.

Das lässt uns verstehen: Jesu Mitgefühl ist nicht abstrakt! Der christliche Gott liebt nicht aus der Ferne. Wo Menschen Leid erfahren, da fühlt er wirklich mit. Der menschgewordene Gott hat es am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn Liebe auf Hartherzigkeit stößt und das eigene Lebensziel von Hass, Machtstreben, Zwietracht und Verrat durchkreuzt wird. Die einzelnen Lebensschicksale so vieler Gewaltopfer – sie sind ernst genommen und sie sind mithineingenommen in den Tod Jesu Christi. Leid und Tod sind zu Orten der Gottesbegegnung geworden, die Leben und Auferstehung verheißen.

Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde (Mt 27,25). So schildern es uns die synoptischen Evangelien. Es ist die Finsternis, die sich dem Ruf eines Gottes verweigert, der der Welt Licht und Heil bringen will. Von dieser Finsternis spricht Guardini, dass sie den Menschensohn zum Schweigen zwang. Seine göttliche Stärke mit Gewalt aufzuzeigen, war keine Option. Es ist kein Schauspiel, sondern eine echte Tragödie, die wir im Kreuzweg betend zu verstehen suchen. Der Gerechte stirbt am Kreuz, weil die Herzen zu vieler Menschen seiner Botschaft gegenüber verschlossen blieben. Die Finsternis, die Jesu zu Fall brachte, bringt bis heute im Herzen der Menschen Gewalt und Hass hervor. Der Fluch der Schlange wurde am Kreuz gebrochen, doch die Freiheit, zwischen Licht und Finsternis zu wählen, ist geblieben. Gutes oder Böses, Frieden oder Krieg - es macht einen Unterschied, wie wir uns entscheiden. Gewaltverzicht öffnet Türen, durch die der Friede einziehen kann. Mit jedem Menschen, der in der Nachfolge Christi steht, lebt die Hoffnung auf, dass die Welt heil wird.

Vor diesem Hintergrund scheint auch die Macht des Gebets neu auf. Wenn wir beten, öffnen wir unsere Welt für sein Reich, öffnen wir unsere Herzen für den Heilswillen Gottes. Bitten wir um die Gnade, dass unser gemeinsames Gebet Türen öffnet, durch die der Friede einzieht, der Christus selbst ist.

 

V: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…

[1] Romano Guardini, Das Bild von Jesus dem Christus im Neuen Testament, Würzburg 1953, 114f.