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Predigt im Rahmen der Vesper in der Pfarrkirche St. Ulrich in Kempten am 2. Juli 2023 anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens

Leitungsperson heißt Vorbild im Glauben sein

02.07.2023 18:00

Liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Dienst! Liebe Schwestern und Brüder! Was für Forderungen, die da im 1. Petrusbrief in Bezug auf Leitung und Führung um das Jahr 100 n. Chr. am Anfang des Christentums formuliert werden! Die Zeit der charismatischen Führungspersonen der Apostel ist vorbei.

Die erwartete Wiederkunft Christi bleibt aus. Die Christen beginnen, sich in dieser Welt einzurichten – die Entwicklung geht sozusagen von der „Jesus-Bewegung“ hin zu einer Institution. In den frühen Gemeinden entwickeln sich erste Strukturen, bestimmte Ämter kristallisieren sich heraus. Von den Ältesten, den Presbytern, ist in der Lesung die Rede. Verdienten Persönlichkeiten wird die Leitung der Gemeinde anvertraut, die im Verständnis des 1. Petrusbriefes als „heilige Priesterschaft“, als „geistiges Haus aus lebendigen Steinen“ (1 Petr 2,5) umschrieben wird.

Dem in der Autorität des Apostel Petrus schreibenden Briefverfasser liegt die Zukunft der Gemeinden am Herzen. Er weiß: Dafür braucht das geistliche Bauwerk des Volkes Gottes eine Form aus Regeln und Strukturen; Fundament und Statik des Gebäudes müssen stimmen. Deswegen ermuntert er eindringlich die Adressaten seines Briefes, die in der Diaspora im Raum Kleinasien, also den in der heutigen Türkei lebenden Christen zu einer Lebensführung, die heilig ist (vgl. 1 Petr 1,15). Er ermahnt zu einem rechten Umgang der Gemeindemitglieder untereinander – zwischen Sklaven und Herren, Frauen und Männern, Ältesten und Jüngsten. Generell ermuntert er zu einem christlichen Leben nicht abgeschottet vonder Welt, sondern einem, das Zeugnis ablegt von der Botschaft Jesu Christi indieser Welt. Und in dieser prekären Entwicklungsphase des Christentums braucht es eben auch einer klugen Führung der Gemeinden. Das traditionelle Bild vom Hirten wird bemüht um auszudrücken, wie christliche Führungskultur auszusehen hat. Dabei wird dreifach betont, wie das „Weiden der Herde Gottes“ nicht sein soll: nicht gezwungen, nicht aus Gewinnsucht und nicht als Beherrscher der Gemeinden. Darin klingt auch eine Problemanzeige an: Manche haben wohl ihre Aufgabe mehr dazu genutzt, „ihre eigenen Schäflein ins Trockene zu bringen“ als das Wohl der Gemeindemitglieder im Blick zu haben.

Leitungspersonen sollen vielmehr Vorbilder (vgl. 1 Petr 5,3) sein. Das könnte ein Satz aus einem modernen Managementseminar für Führungspersönlichkeiten der Wirtschaft sein! Erfolgreich leitet der, der selbst das tut, was er sagt und fordert. Nichts ist überzeugender als die eigene Glaubwürdigkeit! Als das maßgebliche Vorbild wird uns vom Verfasser des Petrusbriefes der „oberste Hirt“ (1 Petr 5,4) Jesus Christus vorgestellt. Auf ihn gilt es zu schauen, der durch sein Leiden am Kreuz und seine Auferstehung die Welt mit sich versöhnt hat. Glaubwürdig sind wir als Kirche, als Christen, liebe Gläubige, genauso wie als Leitungspersonen, liebe Mitbrüder, wenn wir die Nachfolge Jesu Christi „mit Hingabe“ (1 Petr 5,2) und überzeugend leben, wenn wir genauso „Zeuge der Leiden Christi“ (1 Petr 5,1) sind. Das bedeutet konkret, die Mitmenschen ernstzunehmen, ihre Ängste und Sorgen. Es geht nicht darum, dass die Kirche den Menschen sagt, wo es langgeht, sondern die zu ihnen hingeht, die da ist und hinhört auf das, was sie bewegt. Daraus erwächst letztlich „wahre Autorität“ von Führungspersönlichkeiten und neue Glaubwürdigkeit für die Kirche insgesamt, die in den letzten Jahren viel Vertrauen verspielt hat.

Einer, der als Hirte und Jünger Jesus Christi das in seinem Leben und Wirken überzeugend (vor-)gelebt hat, ist der Patron dieser Kirche, der hl. Bischof Ulrich (890-973). Mit Pferd oder Ochsenkarren machte er sich regelmäßig auf den beschwerlichen Weg, um die Pfarreien seiner Diözese zu visitieren und der notleidenden Bevölkerung Trost und praktische Hilfe zu bringen. Zahlreiche Pastoralreisen führten ihn dabei auch ins Allgäu, jene Landschaft also, die er und seine Zeitgenossen damit maßgeblich mitgeprägt haben, so dass der christliche Glaube Fuß fassen konnte. „Sein Geist“ ist hier also nach wie vor sehr lebendig, nicht zuletzt auch deswegen, weil er über 20 Jahre lang Abt des 752 gegründeten Benediktinerklosters Kempten war. Als 62. Nachfolger des hl. Ulrich bin ich dankbar für die damalige Entscheidung der Verantwortlichen, diesen Kirchenbau auf dem Lindenberg vor 60 Jahren dem Schutz unseres Bistumspatrons anzuvertrauen. In ihm haben Sie, liebe Pfarrangehörige, ein leuchtendes Vorbild!

Aus Anlass des 1100. Jahrestag seiner Bischofsweihe und seinem 1050. Todestag habe ich für das Bistum Augsburg für 2023/24 ein Jubiläumsjahr ausgerufen. Dieses besondere Freudenjahr steht unter dem Leitwort „Mit dem Ohr des Herzens [hören]“, das einer zeitgenössischen Lebensbeschreibung entnommen ist (vgl. Ulrichsvita I,9). Bischof Ulrich hörte auf die Nöte der Menschen seiner Zeit, er nahm sich der Armen und Kranken an. Er sorgte für eine ordentliche Ausbildung der Priester und baute die durch die damals einfallenden Ungarn zerstörten Kirchen wieder auf.

So können wir hier und heute quasi regional dieses Doppeljubiläumsjahr „in seiner Allgäuer Form“ eröffnen! Im gesamten Bistum wollen wir somit intensiv hinhören auf das, was uns der hl. Ulrich heute noch zu sagen hat. Ich würde mir wünschen, dass von diesem Jubiläumsjahr ein starker Impuls zur Vertiefung des Glaubens und unseres Handelns ausgeht. Das Motto „Mit dem Ohr des Herzens hören“ bietet uns dazu, meine ich, zahlreiche wertvolle Anregungen.

Daran anknüpfend und mit Rückgriff auf den 1. Petrusbrief möchte ich einen Gedanken vertiefen: Mit den „Hirten und Schäfchen“ ist das heutzutage in der Kirche ja so eine Sache… Viele sehen ein derartiges (Kirchen-)Bild kritisch. Die damals sich ausbildenden Strukturen werden von vielen als nicht mehr zeitgemäß angesehen, die Leitungsämter tragen nicht mehr und sind letztlich überholt. In den Diskussionen um mehr Mitsprache und Mitentscheidung ist das katholische Ämterverständnis und mit ihr sogleich auch die gesamte sakramentale Struktur von Kirche angezählt… Verstehen Sie mich bitte richtig: Reformdebatten sind wichtig, damit Kirche am Ende nicht stehen bleibt. Aber wenn sie das Einzige sind, bleiben Strukturen „geistlich hohl“.

Die Grundproblematik liegt meines Erachtens, wie bereits in den Anfängen der Kirche, primär in der Art und Weise, wie Leitung konkret ausgeführt und ausgestaltet wird und wie die Autorität in einem Amt gesehen wird: Entspringen Entscheidungen dem eigenen oder gar kirchenpolitischen Machtkalkül oder aus der Liebe zu Gott und den Menschen? Sind einzig die Paragrafen des kirchlichen Gesetzbuches alleiniger Maßstab oder die pastorale Zuwendung und die Barmherzigkeit Gottes Richtschnur unseres kirchlichen Handelns?

Mit seinem Anstoß zur Entwicklung einer „synodalen Kirche“ hat Papst Franziskus der Kirche wahrlich einen Modernisierungsschub „verordnet“. Das heißt: Als Volk Gottes aus Laien wie Klerikern sind wir gemeinsam als „Weggemeinschaft“ unterwegs – als Hörende aufeinander und, das sollte „nicht unter den Tisch gekehrt werden“, vor allem auf Gott! Als Bischof der Ortskirche von Augsburg wünsche ich mir, wie ich es schon bei verschiedenen Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht habe, dass sich unsere Diözese hin entwickelt zu einem, ganz dem Motto des Ulrichsjubiläum verpflichtet, „hörenden“, ja „synodalen Bistum“: Das nimmt alle in die Pflicht! Für mich als Bischof wie für Euch, liebe Mitbrüder, bedeutet dies, in Verantwortung für die „ganze Herde“, die Gläubigen zu einer mündigen Christenschar anzuleiten, die mitträgt, die frohe Botschaft Jesu Christi in die Welt hinauszutragen. Für die Christgläubigen bedeutet es, sich in Liebe und offenherziger Achtung voreinander zu begegnen und sich in Geduld „in der Sache“ sowie im Miteinander zu üben. Gemeinsam aber stehen wir für die Aufgabe ein, Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).

Liebe versammelte Festgemeinde, wenn wir heute 60 Jahre Kirchenbau St. Ulrich feiern, so erinnern wir uns auch an die in dieser Pfarrei wirkenden Geistlichen. Jeder hat mit seinem je eigenen Charisma das Schiff der Gemeinde von St. Ulrich durch das „Meer der Zeit“ (vgl. Untertitel der Jubiläumsbroschüre „50 Jahre St. Ulrich Kempten“) gesteuert. Mit viel Herzblut und Hingabe haben sie zusammen mit zahlreichen engagierten haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Gemeinde aufgebaut und das pfarrliche Leben gestaltet. Halten wir ihre Verdienste in würdiger Erinnerung!

In diesen 60 Jahren hat sich viel auf dem Linderberg getan. Die gesellschaftlichen Entwicklungen brachten nicht zuletzt auch innerkirchlich große Veränderungen mit sich und die Verantwortlichen und alle Beteiligten mussten zahlreiche Herausforderungen meistern – sie sind Ihnen nur zu gut bekannt. Zwei davon seien herausgegriffen: Zum einen ist da die sukzessive Zusammenlegung der Pfarreien im Kemptener Osten zu nennen. Damit geht die Herausforderung einher, über (frühere) Pfarrgrenzen als geistliche Gemeinschaft neu zusammenzuwachsen. Zum anderen erinnere ich an die Sanierung der Kirche St. Ulrich mit der Neugestaltung des Innenraumes. Keine Frage, der damalige Prozess war langwierig, kräftezerrend und nervenaufreibend. Und dennoch ist für mich der damals gefundene Kompromiss ein leuchtendes Beispiel von Kirche wie ich sie mir wünsche: nicht reaktionär, sondern innovativ, nicht revolutionär, sondern kreativ!

Liebe Gläubige in Christus, markant steht er da, der Turm der Kirche St. Ulrich, Blickfang und Orientierungspunkt im Kemptener Osten. Der nach oben ragende Kirchturm will uns zeigen: Unsere Heimat ist im Himmel. Gott ist unser Wegweiser, unser Ziel. Auf diesem Weg sind wir aber nicht allein unterwegs. Seien wir einander Stütze und Halt, teilen wir Freude und Leid miteinander – hören wir aufeinander, seien wir füreinander da und tragen uns gegenseitig im Gebet. Haben Sie als Gläubige, als Pfarreiengemeinschaft dabei ein wachsames Auge gerade auch für ihre Mitmenschen „außerhalb“ des Schiffleins St. Ulrich – seien Sie nicht „Arche“, die Kirche „bis nach der Flut“ bewahren will, sondern „Rettungsboot“! Dazu haben Sie kraftvolle Fürsprecher wie Ihren Pfarr- und Bistumspatron, den hl. Ulrich, an der Hand und nicht zuletzt das Vorbild schlechthin, Jesus Christus, der Hirte und Lamm zugleich ist.