Die Tugend der „Anrufbarkeit“ pflegen
Liebe Brüder im Bischofsamt, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Ordensleute, liebe Schwestern und Brüder in Christus, der Glaube kommt vom Hören, so lautet das geflügelte Wort, das sich auf diese Stelle im Römerbrief bezieht, die wir eben hörten. Die Bibel ist voll von Gotteserfahrungen, die weitererzählt werden und andere mit der Sehnsucht nach dem Glauben „anstecken“. Doch kennen wir auch das Gegenteil: Unzählige Märtyrer haben den Glauben bezeugt, ohne dass man ihnen Vertrauen schenkte, ja, sie wurden wegen ihres unerschrockenen Bekenntnisses mundtot gemacht und haben ihr Leben für den Glauben hingegeben.
Der hl. Ulrich, dessen 1.050 Todestag wir morgen begehen, war ein großer Bekenner Christi, benediktinisch geprägt und von vorbildlichem Lebenswandel. Doch etwas anderes machte auf seine Zeitgenossen einen tiefen Eindruck: die gelassene Heiterkeit (hilaritas), die Ulrich ausstrahlte. Er hatte natürliche Autorität, weil er auf Christus hin durchsichtig war, weil er Christus in den Ärmsten und den Hilfsbedürftigen sah und mit ihnen Auge in Auge verkehrte. In einer von Krieg und Elend geprägten Zeit trug er 50 Jahre lang das Bischofsamt. Noch einmal: Bei aller Freude über diese hohe Aufgabe, die ihm übertragen war, trug Ulrich das Bischofsamt – ein Amt, das er spätestens im Alter auch als überschwere Bürde empfand. Doch er hatte sich dem Herrn ganz zur Verfügung gestellt, vertraute auf den Glauben, den er von seinen Eltern und Lehrern übernommen hatte. So ging er das Wagnis ein, alles auf eine Karte, alles auf Jesus Christus zu setzen. Er ließ sich hineinnehmen in das Geheimnis der Nachfolge des Gekreuzigten: Glaube bedeutete für den hl. Ulrich auf seinem Posten auszuharren, standzuhalten in der Bedrängnis und Rede und Antwort zu stehen, wenn politisches Kalkül gegen Treue und Wahrheit ausgespielt wurde. Ulrich von Augsburg war ein verlässlicher Mann, der wusste, dass Verantwortung untrennbar mit der Antwort, der Rechenschaft gegenüber Gott verbunden ist. Ulrich war ein Mensch der Transparenz und Konsequenz.
Wir haben das Doppeljubiläum seiner 1.100 Bischofsweihe und die 1.050 Wiederkehr seines Todes unter das Leitwort: „Mit dem Ohr des Herzens“ gestellt. Ein Wort, das unmittelbar der ältesten Lebensbeschreibung des Heiligen entnommen wurde - von seinem Begleiter, Dompropst Gerhard, zwanzig Jahre nach Ulrichs Tod, 993, verfasst. Dieser berichtet von den Predigten des Bischofs, in denen er immer wieder empfohlen hat, alles „sorgfältig mit den Ohren des Herzens wahrzunehmen“ (Vita I,9: auribus cordis caute perspicere).
Schon der junge König Salomo hatte sich ein „hörendes Herz“ (1Kön 3,9) gewünscht und auch der Mönchsvater Benedikt stellt seiner Regel die Bitte voran: „Mein Sohn, neige das Ohr Deines Herzens“ (Prolog). Wir alle sind mit einem Herzen, das hören kann, begabt, wir alle bekamen die Anrufbarkeit (Hartmut Rosa) in die Wiege gelegt. Zugleich erleben wir bei uns und anderen, wie erschreckend wenig Einfühlung, Zuwendung, Empathie unseren Alltag, ja die Gesellschaft insgesamt bestimmen. Wie sieht es mit der Empathie bei uns in der Kirche aus? Wie einfühlsam und ehrlich gehen wir miteinander um? Auch in den Seelsorgeteams, in den Gremien, in den Klöstern?
Möge uns die Beschäftigung mit unserem ersten Bistumspatron sensibel machen für einen respektvollen Umgang untereinander, für die rechte Wortwahl und für die Dankbarkeit, die uns immer tiefer die Wahrheit dessen erkennen lässt, was Paulus in der ernsten Frage zusammenfasst: Was hast du aber, das du nicht empfangen hättest? (1 Kor 4,7) Der Glaube kommt nicht von uns, sondern von denen, die uns den Weg zu Christus gewiesen haben. Dazu zähle ich auch den hl. Ulrich. Eifern wir ihm nach! Das tut auch der Atmosphäre im Bistum gut. Amen.