„Löscht den Geist nicht aus“ (1 Thess 5,19)
Liebe Wallfahrer und Brüder im Glauben, seit mehr als 70 Jahren findet diese Männerwallfahrt zum heiligen Ulrich statt. Sie verbindet Frömmigkeit und Tatkraft – ganz im Sinne unseres Bistumspatrons, eines Heiligen, der aus einer tiefen Glaubenskraft heraus stets unterwegs war, um allen zu dienen, die seiner bedurften.
Das Motiv des Unterwegsseins ist für das Christentum von zentraler Bedeutung, ja überhaupt für das Leben, das untrennbar mit Bewegung und Entfaltung verbunden ist. Was sich nicht bewegt, entwickelt sich nicht; es ist tot oder wird bald sterben.
Jesus zog bei seinem öffentlichen Wirken unermüdlich von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, um das Kommen des Reiches Gottes zu verkünden. Seine letzten Worte auf Erden waren eine Einladung zum Aufbruch: Geht zu allen Völkern, verkündet das Evangelium und tauft die Menschen auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes (vgl. Mt 28,19-20).
Was ist das Ziel dieses Weges? Mit zwei Worten: Gott selbst – die Begegnung mit ihm in der neuen Welt seines Reiches. Wer ist eingeladen, an diesem Weg teilzunehmen? Alle, ohne jede Ausnahme. Keinem fehlen die Voraussetzungen, um gleichberechtigt daran teilzuhaben. So darf die Kirche, die zu diesem Weg einlädt, niemals jemanden ausschließen. Zugleich ist sie aber ebenso wenig berechtigt, jemanden zum Mitgehen zu zwingen, wie dies leider im Laufe der Geschichte immer wieder im Namen des Evangeliums versucht wurde. Als freie Menschen machen wir uns auf den Weg – und gerade auf diesem Weg werden wir, darin liegt sein Geheimnis, immer freier.
Dieser Weg ist ein geistlicher Weg, vor allem deshalb, weil er vom Geist Gottes inspiriert und geleitet wird. Wenn der Apostel mahnt: „Löscht den Geist nicht aus!“, dann fordert er uns auf, nicht auf die göttliche Kraft und das Licht zu verzichten, die unsere Schritte leiten. Wir sollen die Zusage Gottes nicht geringachten, dass wir unser Ziel erreichen und dem Herrn begegnen werden. Vertrauen wir ihm!
Manchmal meinen wir, die Orientierung verloren zu haben. In Wahrheit gehen wir jedoch nicht ins Ungewisse. In der heutigen Lesung schenkt uns der Apostel Paulus Gewissheit: Gott selbst ist es, der uns ruft. Er hat uns erwählt, und durch seinen Heiligen Geist wird er uns helfen, die vielen Hindernisse zu überwinden. Gott hält seine Verheißungen; er bleibt dem Bund treu, den er mit der Menschheit geschlossen hat. Diese Treue Gottes ist ein Schlüssel zum christlichen Verständnis der Geschichte und ihrer Herausforderungen. Sie war zugleich der Kompass im Leben der Heiligen – auch des hl. Ulrich.
Niemand kann allein zum Herrn gelangen. Dieser Weg ist seinem Wesen nach ein Weg der Gemeinschaft. In den letzten Jahren sprechen wir viel von Synodalität. Das griechische Wort „Synodos“ bedeutet wörtlich: gemeinsam unterwegs sein. Es beschreibt eine grundlegende Dimension der Kirche. Es handelt sich also keineswegs um ein Modewort, sondern um einen Begriff, der eine tiefe theologische Wirklichkeit und zugleich einen Auftrag für die Gestaltung unseres kirchlichen Lebens ausdrückt.
Diese Gemeinschaft ermöglicht jene Solidarität, zu der der Apostel Paulus aufruft: „Wir ermahnen euch, Brüder und Schwestern: Weist die zurecht, die ein unordentliches Leben führen, ermutigt die Ängstlichen, nehmt euch der Schwachen an, seid geduldig mit allen! Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun!“ (1 Thess 5,14–15)
Doch es geht um mehr als um gegenseitige Ermahnung. Die Gemeinschaft bewirkt, dass jeder den anderen stärkt und dass die Charismen, die der Heilige Geist jedem Einzelnen geschenkt hat, einander ergänzen. „Löscht den Geist nicht aus!“ bedeutet deshalb auch: Verpasst nicht die Gelegenheit, einander zu bereichern und gemeinsam die Kirche mit den Gaben aufzubauen, die Gott euch anvertraut hat. Verschließt euch nicht der Vielfalt und dem geistlichen Reichtum, den die Kirche zu bieten hat!
Liebe Männer, der Glaube ist nichts für das stille Kämmerlein, der Glaube gehört in die Öffentlichkeit. Danke für Euer Glaubenszeugnis – hier bei dieser Wallfahrt. Euer Dasein zeigt: Religion betrifft nicht nur die Frauen, sie geht auch uns Männer an. Schämt Euch nicht wegen Eures Glaubens. Im Gegenteil: Seid unverschämt katholisch! Bezieht Stellung, wenn über Jesus und die Kirche gelästert wird. Schwimmt gegen den Strom und bekennt euch zu Jesus.
Auf dem Weg zu Gott sind wir nicht allein. Es beteiligen sich Menschen aus allen Teilen der Erde. Die Offenheit gegenüber den unterschiedlichen Prägungen ist bereits ein Zeichen der Katholizität der Kirche. Sie umfasst nicht nur alle Menschen der Gegenwart, sondern auch die Generationen der Vergangenheit. Der Weg, von dem ich spreche, besitzt daher nicht nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Dimension. Er verbindet uns mit den Christen vergangener Jahrhunderte, die uns gleichsam den Staffelstab weiterreichen. Wir sind gemeinsam mit allen Heiligen unterwegs – so auch mit dem hl. Ulrich, dem Patron unserer Stadt und unseres Bistums Augsburg.
„Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles; denn das ist der Wille Gottes für euch in Christus Jesus.“ (1 Thess 5,16–18)
In nur drei Versen fasst der Apostel Paulus die Grundhaltung zusammen, die den geistlichen Weg der Christen prägen soll: Freude, unablässiges Gebet, Dankbarkeit für alles und das Vertrauen, dass Gott uns will und stärkt. Es ist schön, im Namen des Evangeliums unterwegs zu sein. Allzu oft vergessen oder unterschätzen wir diese positive Dimension des Glaubens. Wie alles Ernsthafte kann auch das Evangelium nur in Freude verstanden und gelebt werden. Gleich zu Beginn seines Pontifikates erinnerte uns Papst Franziskus (+ 2025) an die Freude des Evangeliums, indem er der Kirche das gleichnamige Apostolische Schreiben Evangelii gaudium schenkte. „Löscht den Geist nicht aus!“ bedeutet auch: Lasst euch von niemandem die Freude des Glaubens nehmen oder den Glauben als eine langweilige und bedrückende Last darstellen.
Auf unserem Weg durch die Welt begegnen wir dem Bösen, ohne seine Realität zu verharmlosen. „Meidet das Böse in jeder Gestalt!“ (1 Thess 5,22), mahnt der Apostel eindringlich und ruft zu Wachsamkeit und zur Unterscheidung der Geister auf. Freude bedeutet keine naive Blindheit. „Löscht den Geist nicht aus!“ heißt vielmehr: Bewahrt eure geistliche Urteilskraft im Licht des Evangeliums und vermeidet billige Kompromisse mit dem Geist dieser Welt.
Liebe Brüder, im Evangelium sagt der Herr zu uns: „Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9) Untrennbar verbindet er dies mit dem Halten seiner Gebote. Denn niemand kann einen Menschen lieben, ohne seine Worte ernst zu nehmen. Vor allem aber fordert uns Jesus auf, einander zu lieben. Wenn wir in seiner Liebe bleiben, leben wir nicht mehr als Knechte, sondern als Freunde Christi. Schon in der Antike war die Freundschaft ein Ausdruck höchster Wertschätzung. Nach unserem Glauben erweist uns der Herr selbst diese Ehre. Wir begegnen ihm im Wort des Evangeliums, im Brot und Wein der Eucharistie, aber ebenso im Antlitz unserer Mitmenschen, besonders der Bedürftigen und Schwachen.
„Löscht den Geist nicht aus!“ bedeutet deshalb auch: Lasst die Liebe unter-einander nicht erlöschen – jene Liebe, die all unser Denken und Handeln auf dem Weg zur vollendeten Gemeinschaft mit Gott in seinem Reich bestimmen soll.
Bischof Ulrich gehört zu jenen Menschen, die den Geist nicht ausgelöscht, sondern ihm Raum gegeben haben, seine Schönheit, seine Kraft und seine Lebendigkeit in ihrer Seele zu entfalten – zum Dienst am Evangelium und an den Menschen in seinem Bistum Augsburg.
Bitten wir den hl. Ulrich, dass er in diesen Festtagen unsere Herzen für das Wirken des Heiligen Geistes öffnet. Möge das Feuer des Geistes auch uns neu entflammen. Möge der hl. Ulrich für uns alle Fürsprache einlegen und unsere Schritte auf dem Weg zu Christus begleiten!
Lesungen: 1 Thess 5, 14-24; Joh 15, 9-17