Predigt von Bischof Bertram zum Dankgottesdienst anlässlich des 60. Kirchweih-Jubiläums am 8. Mai in Kaufering

Maria Himmelfahrt: Meine „Muttergemeinde“

08.05.2022 11:00

Liebe Schwestern und Brüder! Maria und Johannes stehen unter dem Kreuz. „Siehe, deine Mutter! Siehe, dein Sohn!“. Auf Jesu Wort hin wurde Maria zur Mutter seiner neuen Familie: Mutter der Kirche. Als vor 60 Jahren dieses Gotteshaus eingeweiht wurde, waren die Christen von Kaufering-West wie Maria und Johannes unter dem Kreuz. Ich erinnere mich noch an meine Ministrantenzeit, als nicht wenige Mitglieder unserer Gemeinde davon erzählten, wie gewöhnungsbedürftig das Kreuz war, das die moderne, etwas nüchtern wirkende Hallenkirche von Anfang an dominierte. Das riesengroße Kreuz war für manche wirklich ein Kreuz: als viel zu brutal, viel zu kalt, fast abschreckend, ja geschmacklos wurde es empfunden. Mit der Zeit wurde der Innenraum ausgestaltet und das Kreuz umrahmt von dem reichen Mosaik, das die Sakramente zeigt, die weder zu denken noch zu glauben sind ohne das Kreuz. Kreuz und Kirche gehören untrennbar zusammen. Maria unter dem Kreuz – die Gemeinde unter dem Kreuz: zwei Bilder, die sich zum Verwechseln ähneln. Ein evangelischer Theologe bemerkte einmal: Vor dem Auge unseres Glaubens „fließen die Gestalten der Mutter Gottes und der Kirche ineinander. Man kann von der einen immer nur so reden, dass die andere mitbetroffen ist“ (H. Asmussen). So hat es einen tiefen Sinn, dass eine Kirche, die der Muttergottes geweiht ist, beherrscht wird vom Kreuz.

1. „Bertram, siehe deine Mutter! Pfarrei Maria Himmelfahrt, siehe dein Sohn!“ Als die Kirche Maria Himmelfahrt eingeweiht wurde, war ich gerade zwei Jahre alt. Fünf Jahre später wurde aus der Filiale von St. Johann Baptist eine eigenständige Pfarrkirche. Nach meiner Erstkommunion habe ich hier mei-ne ersten Schritte getan als Ministrant.

Wer von denen, die mich schon kannten, wie ich als Dreikäsehoch bei der Messe einen Leuchter trug, der größer war als ich selbst, hätte sich vorstellen können, dass ich einmal – vor bald 37 Jahren! – als Neupriester mit meiner Heimatgemeinde Eucharistie feiern sollte! So war es neben meiner Familie die Pfarrgemeinde, die mich hineinwachsen ließ in die Freude eines lebendigen Glaubens.

Auf diese Weise ist sie gleichsam zur Wiege dafür geworden, dass meine Berufung zum Priester wachsen und gedeihen konnte. Dafür bin ich sehr dank-bar. Ich bin froh, um „Maria Himmelfahrt“ als meine Mutterkirche zu wissen, und bin in den Jahren des Studiums und auch später gern nach Hause, zu meinen Wurzeln, zurückgekehrt.

Heute verdienen diejenigen Erwähnung, die der Muttergemeinde als Väter vorgestanden sind und sie geistlich begleitet haben. Denken wir an Geistlichen Rat Josef Hartl, der den Kirchenbau aus Stein angeregt und verwirklicht hat. Geprägt hat mich der erste Pfarrer dieser Kirche, Geistlicher Rat Ludwig Epp, der mit Engagement und Herzblut dem geistigen Haus unserer Pfarrgemeinde ein Profil gegeben und seine ganze Kraft von der Priesterweihe bis zur Pensionierung in Kaufering investiert hat. Auf diesem Fundament konnte der kürzlich verstorbene Pater Franz Schaumann weiterbauen, und wir dürfen dankbar sein, dass er mit Einfühlungsvermögen darauf bedacht war, Bewährtes zu bewahren, aber auch Neues anzudenken und notwendige Veränderungen vorzunehmen. Denn eine Gemeinde hat nur dann Zukunft, wenn sie sich nicht nur an gestern erinnert, sondern sich auch mutig für morgen verpflichtet weiß. Aus diesem Impetus heraus leitet nun Pfarrer Helmut Friedl unsere Gemeinde, die mittlerweile zu einer Pfarreiengemeinschaft erweitert wurde.   

Was kann ich als Sohn dieser Gemeinde der Mutter zum 60. Geburtstag ihres Hauses mitbringen? Ich habe mich für eine geistliche Gabe entschieden. Ich möchte mit Ihnen bedenken, dass die Kirche selbst Mutter ist.

 

2. „Mutter Kirche“: Eine solche Redensart ist heute nicht selbstverständlich. „Mutter, ich lege mein Haupt in deine Hände“. So dichtete Gertrud von le Fort 1924 in ihren berühmten „Hymnen an die Kirche“. Unzählige engagierte Katho-liken teilten damals mit Begeisterung diese positive Einstellung zur Kirche. Deshalb konnte Romano Guardini um dieselbe Zeit das Wort wagen vom „Erwachen der Kirche in den Seelen“.

Doch was ist aus diesem Hochgefühl geworden? Können wir selbst einstimmen in solche Hymnen auf die „Mutter Kirche“? Auch dann, wenn wir in der eigenen Familie oder im Freundeskreis über Mutter Kirche in Kaufering, die Pfarrgemeinde Maria Himmelfahrt, reden?

Leider müssen wir erfahren, was schon um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine prophetische Stimme als Zeitansage angemerkt hatte: „Es gibt auch das ‚Sterben der Kirche in den Seelen’. Wir erleben es rund um uns, mitten unter uns, meistens als das langsame, schleichende, unmerkliche Sterben an geistlicher Unterernährung. Und in wie vielen Geistern kommt es weder zum Erwachen noch zum Absterben, sondern ‚Kirche’ ist und bleibt das unver-standene, durch die Taufe ‚zufällig’ auferlegte Joch, das aus Gewohnheit weiter-geschleppt oder eines Tages ‚verloren’ wird, ohne jemals innerlich bejaht zu werden“ (Ida Friederike Görres). - Doch auch Christen, denen der Glaube viel bedeutet, wissen mit „Mutter Kirche“ nicht viel anzufangen. Die Mutterrolle ist in den gesellschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit in eine tiefe Krise geraten. Die generelle Einengung der Frau auf ihre Funktion als Hausfrau und Mutter wird mit guten Gründen abgelehnt. Aber ist unsere Gesellschaft nicht gerade dabei, ins andere Extrem zu fallen?

Trotz aller Reserven wollen wir versuchen, uns behutsam in das Bild von der Kirche als Mutter hineinzutasten.

  

3. Wer ein rätselhaftes Bild entschlüsseln will, muss nach seinem Ursprung fragen. Mit dem Bild von „Mutter Kirche“ stoßen wir auf die Wurzeln des christlichen Glaubens. Eine brennende Frage bewegte damals die Theologen: Wie können wir das neue Leben, das der Christ in der Taufe empfängt, beschreiben? Wir verdanken es dem hl. Augustinus, der ein Bild wählte, das jeder Mensch verstehen konnte: das Bild der Mutter. Eine Frau ist ganz intim mit ihrem Kind verbunden. Auf diese Weise kann sie ihm das Leben vermitteln. Mutter sein bedeutet: leben im Leben; im eigenen Leben neues Leben wachsen sehen. Gott will uns das neue Leben schenken – und Er tut es durch Mutter Kir-che. Wie ein Kind über die Nabelschnur Anteil am Leben der Mutter hat, so sol-len Gottes Wort und Sakrament uns in Fleisch und Blut übergehen. Gottes Le-ben im menschlichen Leben! Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.

  

4. Liebe Heimatgemeinde! Es ist etwas anderes, eine Mutter zu haben, oder nur zu wissen, was eine Mutter ist. Was „Mutter Kirche“ bedeutet, kann man nicht aus Büchern studieren, man lernt es nur in lebendiger Beziehung zu ihr. Bei „Mutter Kirche“ sind nicht wir die Macher, sondern die Beschenkten. Wo sind Ereignisse im Leben, die ich nicht selbst gemacht habe, wo ich spürte, dass ich mich anderen verdanke, wie das Kind sich der Mutter verdankt? Manche Worte können wir uns nicht selbst zusprechen: „Ich bin froh, dass es dich gibt. Du kannst auf mich bauen. Deine Schuld ist vergeben. Von mir kannst du zehren. Dein Leben hat Sinn. Ich liebe dich“. Aus diesen Worten leben wir. Solche Worte möchte Gott, unser Vater, auch heute sagen – und Er tut es durch „Mutter Kirche“. Ich lade Sie ein, in unserer Pfarrkirche immer wieder zu schöpfen aus den Quellen des Lebens: Gottes Wort und Sakrament. Dass wir diese Quellen des Heils haben, darum dürfen wir heil-froh sein.

  

5. Um das Bild von „Mutter Kirche“ noch weiter auszuleuchten, lohnt es sich, in die Familien zu schauen. Was erlebt man da nicht alles für Überraschun-gen? Mich erstaunt es immer wieder, wie verschieden Kinder ein und desselben Elternpaares sein können – im Aussehen, in ihren Fähigkeiten und Anlagen! Da gibt es forsche und bedächtige, unauffällige und schwierige, anhängliche und eigenständige. Sie haben unterschiedliche Standpunkte und ebenso verschieden geartete Beziehungen zu ihren Eltern und Geschwistern. Gerade das macht den Reichtum einer Familie aus. Eine gute Mutter fördert die Vielfalt und sorgt für ein gutes Miteinander, damit in der Vielfalt die Einheit gewahrt bleibt.

Auch „Mutter Kirche“ steht für solche Einheit in Vielfalt. Das betrifft nicht nur die Weltkirche, die vom Papst zusammengehalten wird, und die Diöze-se, die im Bischof eine Klammer der Einheit hat. Das gilt auch für eine Pfarr-gemeinde wie Kaufering. In der Gemeinde dürfen und müssen nicht alle über einen Kamm geschoren werden. Gewiss gibt es Grenzen, und wir haben Maß zu nehmen am Grundsatz des hl. Augustinus: „Im Notwendigen Einheit, im Zwei-felhaften Freiheit, in allem die Liebe“. Doch in diesem Rahmen spannt sich der Freiraum auf für die Vielfalt im Beten und Singen, eine Vielfalt an Glaubens- und Lebenswegen, an Standpunkten und Meinungen, an Aufgaben und Dien-sten. Wer diese Vielfalt einebnen möchte, nimmt der Kirche das Leben. Danke allen, die sich bereitfinden, dem Pfarrer tatkräftig unter die Arme zu greifen, und ihre Talente für die Gemeinde einsetzen!

 

6. Wo Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Ansichten zusam-menleben, bleiben Spannungen nicht aus. Dürfen wir uns wundern, wenn sie auch unseren Gemeinden nicht erspart bleiben? Familien haben ihre eigenen Ge-setze, damit umzugehen: Die Mutter will keinen Streit unter ihren Kindern – und trotzdem greift sie nicht gleich in jedes Wortgefecht ein. Sie weiß, dass manches die Kinder unter sich ausmachen müssen.

Oder eine andere Erfahrung: Auseinandersetzungen können zur Zerreiß-probe werden, auch die Schwierigkeiten zwischen Eltern und Kindern oder die Kritik der Heranwachsenden an Vater und Mutter. Greift aber jemand von außen die Familie an oder gerät jemand in Not, halten doch alle zusammen wie Pech und Schwefel. Auf die Familie lässt man nichts kommen.

Wie schön wäre es, wenn das auch für unsere „Mutter Kirche“ gälte! Es darf Spannungen geben in der Gemeinschaft der Gläubigen, selbst wenn sie weh tun. Wir spüren sie zwischen Amtsträgern und Laien, zwischen Jung und Alt, zwischen denen, die auf Veränderungen drängen, und jenen, die alles beim Al-ten lassen wollen. Auch Sie werden davon erzählen können, dass die Stimmung in der Gemeinde nicht immer nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist. Doch das ist an sich nicht schlimm. Wichtig ist, dass sich die Mitglieder einer Familie nicht auseinanderdividieren lassen. Die festen Bande, die auch in schweren Zeiten eine Gemeinde zusammenschweißen, heißen herzliche Liebe und viel Geduld. Mütter wissen sie ihrer Familie in besonderer Weise zu schenken. Ohne Liebe und Geduld hält keine Gemeinschaft. Die jüdische Dichterin Nelly Sachs hat gesagt: „Mütter wiegen in das Herz der Welt die Friedensmelodie“. Keiner von uns kann glaubwürdig von der „Mutter Kirche“ reden, ohne selbst beizutragen, dass in ihr diese Friedensmelodie erklingt. Die Christen von Kaufering wiegen in das Herz des Ortes die Friedensmelodie. Kann es etwas Schöneres geben?

  

7.      Unsere Deutung von „Mutter Kirche“ bliebe unvollständig, würden wir nicht noch einmal in die menschliche Familie schauen. Zwar gilt die mütterliche Sorge den Kindern, doch bald wächst der Sohn oder die Tochter über den Rand der Familie hinaus Schritt für Schritt in die Welt hinein: Schule, Freunde, Beruf, Ehe und Familiengründung. Eine gute Mutter tut alles, um ihren Kindern ein Zuhause zu geben, aber sie lässt sie auch ziehen. Sie wäre eine schlechte Mutter, wenn sie klammern würde, so dass ihre Kinder nicht flügge werden könnten. Eine gute Mutter kann lassen. Auch wenn sie sorgt, ist sie gelassen.

So ist es auch mit der „Mutter Kirche“. Leider kehren ihr immer mehr Menschen den Rücken. Manche finden sie einfach zu altbacken und wenig attraktiv. Andere sind verletzt und verärgert über Missstände und Skandale. Doch die „Mutter Kirche“ ist nicht eingeschnappt; sie schließt die Tür nicht ab, sondern lehnt sie nur an, damit auch Fernstehende eintreten können, wenn sie ihre Nähe brauchen. Das wünsche ich unserer Gemeinde:

-        dass sie auch den nicht abschreibt, der sich entfernt hat;

-        dass sie für die betet, die sich verabschiedet haben;

-        dass sie mit jenen leidet, die an ihr leiden;

-        dass sie denen Mutter ist, die mutterseelenallein sind.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

         Ich habe jetzt viel geredet, vielleicht zu lang gepredigt. Doch um was es mir im Grunde ging, war dies: Es sollte eine Liebeserklärung sein, eine Liebes-erklärung an meine „Mutter Kirche“, meine „Muttergemeinde“, der ich in meinem bisherigen Leben viel verdanke als Mensch, Christ und Priester. Maria, aufgenommen in den Himmel, die Patronin unserer Kirche, hat mich zu dieser Betrachtung angeregt. Sie zeigt uns, was eine mütterliche Gemeinde ist. Maria mit dem Kinde lieb, uns allen deinen Segen gib. Amen.