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Predigt am Hochfest der Ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter
am 9. Dezember 2024 im Hohen Dom zu Augsburg

Maria, die Erwählte: „demütig, aber nicht kriecherisch“

09.12.2024 21:33

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, liebe Schwestern und Brüder in Christus, der Evangeliumstext, den wir soeben gehört haben, macht wie kaum ein anderer deutlich, wie gefährlich es ist, wenn Menschen einzelne Episoden oder sogar Wörter aus dem Kontext lösen und sie absolut setzen – denn das widerspricht der Intention derer, die die Frohe Botschaft von Jesus Christus aufgeschrieben haben und kann im Extremfall auch den Blick auf die Heilsgeschichte verdunkeln.

So tun wir gut daran, die Zeitangabe, mit der die Perikope des heutigen Festtags beginnt, in den Zusammenhang des Heilswirkens Gottes zu stellen: „Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt.“ – Gemeint ist der sechste Monat der Schwangerschaft von Elisabeth, der Verwandten Marias. Mit dem Fokus auf diese ungewöhnliche Zeitrechnung – die leider in ihrem Respekt vor dem Geheimnis der Weitergabe des Lebens in 2000 Jahren keine Fortsetzung gefunden hat – unterläuft der Evangelist das „normale“ Schema, demzufolge Zeitangaben entweder mit Herrschernamen oder mit kriegerischen und anderen traditionell für wichtig gehaltenen Ereignissen verknüpft wurden.

Heute, am Hochfest der Immaculata, der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau Maria, gedenken wir allerdings einer Empfängnis und Schwangerschaft, die keine biblische Grundlage hat, aber schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus als Voraussetzung für die gottgewirkte Menschwerdung Jesu Christi betrachtet wurde. Maria, die zukünftige Mutter des Gottessohnes, ist von Ewigkeit her erwählt: Obwohl wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, „mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams verbunden“, ist sie gleichzeitig „im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst und mit ihm in enger und unauflöslicher Verbindung geeint“ (LG 56). Wir feiern heute also das eng miteinander verwobene Geheimnis der Erwählung und der Erlösung. Maria, die Mutter Jesu Christi und unsere Mutter, zeigt uns als leuchtendes Beispiel, wie ein Mensch nach dem Herzen Gottes aussieht.

Die junge Frau, die mit dem Engel Gabriel in einen Dialog eintritt, ist demütig, aber nicht kriecherisch. Begabt mit einer raschen Auffassung, hat sie keine falsche Scheu nachzufragen, um besser zu verstehen – und, was sie besonders auszeichnet, sie lässt sich nicht blenden von der prachtvollen Zukunft, die ihr der Engel in Aussicht stellt. Wer von uns könnte das von sich sagen? Ist es nicht vielmehr so, dass gerade manche ambitionierten Eltern immer wieder in die Gefahr geraten, sich über ihre Kinder zu verwirklichen und ohne auf deren individuellen Stärken zu achten, Weichenstellungen für eine bestimmte, scheinbar erfolgversprechende Laufbahn vornehmen? Wieviel unglücklichen Kindern und Heranwachsenden kann man als Lehrerin oder Lehrer in der Schule begegnen: Sie sind hin- und hergerissen zwischen der tiefen emotionalen Bindung an ihre Eltern und sträuben sich zugleich innerlich dagegen, gegen ihre tatsächliche Neigung „verplant“ zu werden. Nicht zuletzt deshalb erkennen wir in zahlreichen Heiligenbiografien, dass der Bruch mit der Herkunftsfamilie manchmal der einzig gangbare Weg in die Freiheit der Berufung war…

Maria lässt sich also weder blenden noch gibt sie sich schnell zufrieden. Im Gegenteil: Ihre hartnäckige Nachfrage bringt den Engel dazu, sich noch näher zu erklären und sich damit auf Augenhöhe mit ihr zu begeben. Er stellt ihr schließlich mit der schwangeren Elisabeth ein Beispiel vor Augen, das sie überzeugt – genauso wie die Verheißung schlechthin: „Denn für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37).

Glauben wir, glaube ich das auch?

Gebe ich Gott so viel Raum in meinem Leben, dass er wirken kann? – Denn dass es genau darauf ankommt, das zeigt diese Szene unmissverständlich: Gott braucht das JA Marias, er will nichts gegen ihre Zustimmung tun.

Ist das nicht wunderbar? Wie anders würde unsere Welt aussehen, wenn wir uns diese respektvolle und zutiefst ehrfürchtige Haltung zu eigen machen würden: nicht, koste es, was es wolle, eigene Interessen durchsetzen oder gar beruflich bzw. privat „über Leichen zu gehen“, sondern das Gegenüber, die Menschen, die mir anvertraut sind, mitzunehmen, um Verständnis zu werben und sich für einen tragfähigen Kompromiss einzusetzen. Jetzt im Advent wäre die passende Zeit für eine Standortbestimmung und wo nötig auch eine Kurskorrektur: zeigt meine Kompassnadel auf Christus oder ist er im Alltag der krisengeschüttelten Zeit völlig aus dem Blick geraten?

Vielleicht ist uns bei einer solchen Selbstreflexion eine Erfahrung des Geigenbauers und behutsamen Bibeldeuters Martin Schleske hilfreich. Er schreibt in seinem Buch Werk / Zeuge: „Wenn das Unerwartete uns trifft, dürfen wir nicht flatterhaft sein. Die Seele sehnt sich in uns nach den Kräften der Ehrfurcht und nach der Stärke der Demut. Es ist die Ehrfurcht, zu wissen, dass unsere einzige Macht darin besteht, in der Liebe zu bleiben. Sie ist Macht und Schutz zugleich, wenn das Leben scheinbar jede Freundlichkeit und jede Leichtigkeit verliert.“[1]

Maria hat es in Ehrfurcht und Demut zur stillen Meisterschaft gebracht. Vertrauen wir uns ihr an und bitten wir sie um ihre Unterstützung auf dem Weg zum Ziel, das da heißt: Jesus Christus im Heiligen Geist bei Gott dem Vater und Schöpfer allen Lebens. Amen.

[1] Martin Schleske (2022), Werk / Zeuge, S. 99.