Wachet auf, ruft uns die Stimme
Ich möchte Sie in den nächsten Minuten mit auf eine Reise nehmen. Folgen Sie mir in eine Kleinstadt in Westfalen, nach Unna. Wir schreiben das Jahr 1597. Ein lauer Sommerabend. Pfarrer Philipp Nicolai sitzt in seiner Stube. Draußen in den Gassen der Stadt ist es ruhig und dunkel geworden.
Hier von seinem Fenster aus blickt er direkt auf den Friedhof, der die große Stadtkirche von Unna umgibt. Auf einmal hört er Lärm, Schritte, Stimmen, ein Schrei. Fünf, sechs oder sieben Menschen eilen herbei, andere folgen. Es pocht an seiner Tür. Philipp Nicolai springt auf: „Haben Sie es schon gehört, Herr Pfarrer, wissen Sie es auch schon? Gott steh uns bei…! Der Stadtgraben liegt voll mit toten Ratten.“ Betretene Gesichter, immer mehr Menschen kommen in der Gasse zusammen. Tote Ratten im Stadtgraben – was das bedeutet, weiß jeder hier. Der schwarze Tod ist im Anmarsch, die Pest. Seit mehr als 100 Jahren zieht sie quer durch Europa, schickt ihre Vorboten: Zuerst sterben immer die Tiere. Philipp Nicolai will es nicht glauben, noch nicht, nicht so schnell, er läuft los, will es mit eigenen Augen sehen, vielleicht hat nur jemand Panik gemacht. Aber nein: Es gibt keinen Zweifel. Wenige Sekunden später sieht er es selbst: Der Stadtgraben liegt voll mit toten Ratten. Jetzt ist alles andere nur eine Frage von Tagen. Wenige Wochen später schreibt Pfarrer Nicolai an seinen Bruder:
„Die Pest wütet furchtbar hier in der Stadt; täglich werden zwischen 14 und 20 Menschen beerdigt. Meinem lieben Kollegen habe ich vor ein paar Tagen die Leichenpredigt gehalten. Der Küster besucht die Kranken und ich predige. Ich bin durch Gottes Gnaden noch ganz gesund, wenn ich gleich von Häusern, die von der Pest angesteckt sind, fast umlagert bin und auf dem Kirchhof wohne. Beinahe 800 Menschen hat die Pest in dieser Stadt schon getötet.“
Es vergehen viele Wochen. Ein Drittel der Bevölkerung Unnas, etwa 1.400 Menschen, rafft die Pest in jenem Winter 1597/98 hinweg. Wie können Menschen das aushalten? Mütter, Väter, Ehepartner, Freunde, …? Wie geht damit ein Pfarrer um, der über Wochen hinweg jeden Tag zwanzig Menschen beerdigen muss? Woher kommt Trost in solchen Zeiten?
Philipp Nicolai ist 41 Jahre alt. Er hat schon viel durchgemacht in seinem Leben, musste sich mehr als einmal durchbeißen: damals nach dem frühen Tod seiner Mutter, dann später im Studium, wo er sich das Essen für die nächste Woche oft selbst verdienen musste. In Unna starb seine Schwester, unmittelbar nachdem er dort als Pfarrer eingeführt wurde: die Schwester, die ihn – einen ursprünglich ehelos lebenden evangelischen Pfarrer – versorgt hatte.
Neben diesen Schicksalsschlägen prägen Pfarrer Nicolai die Glaubenskämpfe unter den Christen verschiedener Konfessionen. Lutheraner, Reformierte und Katholiken sind sich spinnefeind, sie bekämpfen sich bis aufs Blut. Pfarrer Nicolai bleibt nicht außen vor. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er streitet für die Lehre Luthers, attackiert seine Gegner heftig und nicht immer fair. So macht er sich viele Feinde – bis dahin, dass er steckbrieflich als „Papst-Hasser“ gesucht wird.
Dennoch: Die Monate, als Nicolai die Pestepidemie mit den Bewohnern der Stadt Unna durchstehen musste, übersteigen alles, was er bis dahin erlebt hatte. Des Streitens war er müde geworden. Nicolai geht in sich. Abende und Nächte verbringt er bei Kerzenschein in seiner Studierstube. Er liest in der Bibel; dort findet er Halt und Trost. Er fängt zu schreiben an: ein Büchlein mit dem Titel „Freudenspiegel des ewigen Lebens“ (1599). Nicolai hatte weder Musik noch Poesie studiert. Über seine polemischen Streitschriften redet heute niemand mehr, aber die beiden einzigen Lieder aus dem „Freudenspiegel des ewigen Lebens“ sind zum ökumenischen Liedgut geworden: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Lauschen wir noch einmal hinein in die Melodie des Liedes!
- Orgel -
Die Lust am Streiten war dem Pfarrer bei seinem schweren Dienst vergangen. Stattdessen entdeckt er neu, was der Kern des christlichen Glaubens ist. Als die Not am größten ist, kommt Gott ihm am nächsten. Philipp Nicolai muss erst die tiefsten Tiefen durchmessen, bevor er wegkommt von den konfessionellen Streitigkeiten und inspiriert wird zu den „königlichen“ Liedern, die bis heute Generationen von Menschen trösten.
Hier erschließt sich uns das Grundgesetz des Glaubens an Gott, der im Kommen ist: Nie ist die Kirche mehr eine singende und musizierende als in Not und Bedrängnis. Je mehr Sterbende Pfarrer Nicolai bis an das Tor zur Ewigkeit begleiten und je mehr Hinterbliebene er trösten muss, umso mehr weitet sich der Blick auf das himmlische Jerusalem. „Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen, sie wachet und steht eilend auf.“
In dem Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ hat Nicolai übrigens eine Widmung versteckt: Die Anfangsbuchstaben der drei Strophen, von hinten nach vorn gelesen, ergeben „GZW“. Das sind die Initialen für „Graf zu Waldeck“. Der Graf zu Waldeck war ein Junge, den Nicolai als Lehrer zu erziehen hatte. Dieser junge Mensch, der dem evangelischen Pfarrer ans Herz gewachsen war, starb mit 13 Jahren. Nicolai selbst hatte keine Kinder. Er heiratete erst viel später die Witwe eines Pfarrerskollegen und starb mit 52 Jahren. Um den jungen Grafen trauerte er wie um einen eigenen Sohn. Aber „Leid ist ein heiliger Engel“ (Adalbert Stifter). Nicolais Glaube war so gereift, dass er den Jungen als einen Menschen sah, der schon weiter war als er selbst: als einen, der in die Auferstehung vorausgegangen war, für den Advent Ernstfall und Wirklichkeit in einem wurde.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich spüre, dass die Worte und auch die Töne dieses Liedes mich schon hier und jetzt berühren und verändern. Dieser Aufbruchsstimmung kann ich mich nicht entziehen. Spätestens in der dritten Strophe keimt etwas auf von der endzeitlichen Freude und vom Jubel in meinem Herzen, ruft es auch in mir: „Gloria sei dir gesungen.“
Das ist mein Wunsch für uns alle in diesem Advent am Ende eines so bewegten und bewegenden Jahres. Suchen wir gerade in diesem Advent nach den Zeichen des Lebens! Hört hin, schaut hin, wacht auf! Vergrabt euch nicht in der Trübsal, sondern entdeckt die kleinen Strahlen der Hoffnung direkt vor eurer Haustür. Entdeckt die Sterne der Zuversicht, die dort aufgehen, wo niemand sie erwartet. Pater Alfred Delp hat ähnliche Erfahrungen wie Pfarrer Philipp Nicolai. Die Worte, die er mit gefesselten Händen in der Gefängniszelle schrieb, lesen sich wie eine Deutung unseres Liedes: „Wir wollen nicht müde werden, dem Stern der Verheißung zu folgen und den singenden Engeln ihr Gloria zuzugestehen, sei es auch in unseren dunkelsten Nächten, unter Leiden, Schmerzen und Tränen. Der Herr hat durch sein Hereintreten in unsere Armut alle menschliche Not auf sich genommen, unser Leid geadelt.“
Wir wissen für den Advent im Kalender und in unserem persönlichen Leben: Leiden und Tod haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort ist Leben. „Des jauchzen wir und singen wir das Halleluja für und für.“