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Predigt am 19.12.2024 zum 60-jährigen Bestehen
des Internats St. Maria in Kaufbeuren

Der Heimweg ins Vaterhaus

19.12.2024 17:58

Liebe Schwestern und Brüder, im Evangelium haben wir von zwei Söhnen gehört, die sehr unterschiedlich mit dem Ihnen zustehenden Erbteil umgehen. Leider führen Erbschaftsangelegen­heiten nicht selten zu Streit und Konflikten – auch in den besten Familien.

Zunächst aber gilt positiv gesprochen: Wer ein Erbe erhält, dem wird etwas anvertraut. In der Regel darf sich, wer erbt, über den Zuwachs an Besitz freuen, wenngleich damit auch Verantwortung einhergeht. Ein Grund zur Freude ist der Anlass und das Erbe, das uns heute zur Feier zusammenführt: 60 Jahre Internat St. Maria.

Vielleicht begehen wir dieses Jubiläum in diesem Jahr mit einem lachenden und einem weinenden Auge, da erst vor wenigen Monaten zwei Schwestern ihr Leben zurück in die Hände Gottes gelegt haben; über lange Zeit haben die beiden das Internatsleben geprägt: Sr. Aurelia und Sr. Anna Maria. Die Schwestern standen für nötige Kontinuität und herausragende Innovation! Sie haben bereits zu Lebzeiten ihr Erbe mit vielen Generationen an Schülerinnen geteilt und es waren doch gerade ihre Eigenheiten, die dem Internat zuletzt ihr Profil gegeben haben. Vor zehn Jahren war das Gelingen der Feier zum 50. Internatsjubiläum zu einem großen Teil dem unermüdlichen Eifer von Sr. Anna Maria zu verdanken. Ihr Heimgang zum Vater hinterlässt Lücken. Das lässt Veränderungen heraufziehen; das betrifft auch die vier Schwestern, die ins Mutterhaus ziehen. Ihnen wünsche ich Gottes Geleit für diesen Schritt.

Liebe Franziskanerinnen, ihre eigene Geschichte mache ihnen Mut! Wer in die Chronik Eures Klosters blickt, erkennt, dass Veränderung ein steter Teil Eurer Identität am Standort Kaufbeuren ist. Ihre Gemeinschaft hat stets findig auf Herausforderungen reagiert. Ihre Geschichte zeigt geradezu: Not macht erfinderisch! Die neue Ausrichtung des Ordens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war aus der Not geboren. Die Übernahme von Schulunterricht verhinderte das drohende Aus des Klosters durch die Säkularisation. Das Internatswesen kam als Aufgabe für die Schwestern einige Jahrzehnte später (1858) hinzu. Der Bau an der Kemnaterstraße war von Beginn an mit den Marienschulen verbunden.[1] Der Glasgang und die Schulmensa stehen nicht nur symbolisch, sondern auch ganz praktisch für diese Verbundenheit.

Gemeinsam feiern wir heute das 60jährige Bestehen des Internats St. Maria hier an diesem Standort. Damit ist nicht nur Ihnen, den Franziskanerinnen des Crescentiaklosters, eine Aufgabe anvertraut. Auch Ihr, die Schülerinnen des Internats St. Maria, Ihr habt ein Erbe erhalten. Das Internat, Euer Lebensraum, er wurde durch viele Schwestern und Schülerinnen geschaffen, geprägt und weiterentwickelt.

Schauen wir noch einmal auf die Söhne im Evangelium: Beide sind Erben des Vaters und sie gehen sehr unterschiedlich damit um. Der eine verschleudert, was der Vater hart erarbeitet hat; der andere ist pflichtbewusst und verantwortungsvoll, aber sein Herz wird dabei eng und – Ihr habt es zum Ausdruck gebracht – er beginnt sogar verächtlich auf seinen Bruder zu schauen. Ihr habt die Geschichte in eigenen Worten fortgeführt und sicher kann jede von Euch Situationen aus dem Internatsleben dazulegen, die sich ähnlich ungerecht anfühlen. Ihr erlebt Unterschiedlichkeiten in Euren Lebensentwürfen; die Verhaltensweisen mancher Mitbewohnerinnen sind nicht immer nachvollziehbar, bisweilen sogar provokant. Ich bin mir sicher, sowohl anwesende Ehepaare und Familien als auch die Schwestern können bezeugen, dass das Leben in Gemeinschaft immer spannungsreich ist; jeder bringt seine Stärken und Schwächen, ja seine Eigenheiten mit. Das Zusammensein in einem gemeinsamen Lebensraum geht nicht ohne Konflikte ab. Können wir einander tolerieren, auch wenn wir grundverschieden sind? So habt Ihr am Ende Eures Anspiels gefragt und ich möchte Euch und Ihnen zwei Gedanken mit auf dem Weg geben, die uns dabei helfen können.

Den ersten Gedanken möchte ich mit einer Frage einleiten: Für wen ist das, was ich habe und was ich kann, gut? Im ersten Korintherbrief, den wir heute als Lesung gehört haben, heißt es: „Jedem wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt.“ (1 Kor 12,7) Paulus zählt in den darauffolgenden Versen verschiedene Gaben, Charismen, auf, die jeder Einzelne von Gott erhalten hat. Ich möchte den Satz heute mal so umformulieren: „Jedem werden Begabungen geschenkt, damit sie anderen nützen.“ Wir alle haben Begabungen mitbekommen, die wir freilich pflegen und entfalten müssen; aber sie sind uns grundsätzlich einmal geschenkt. Unsere Begabungen sind sowas wie das Erbe, das Gott uns für unser Leben gibt. Eine wichtige Frage für ein erfülltes Leben kann lauten: Für wen könnten meine Talente und alles, was ich im Leben erhalten habe, gut sein? Geht es dabei nur um mich? Natürlich sollen uns unsere Begabungen selber Freude machen; aber für gewöhnlich wird die Freude mehr und tiefer, wenn das, was wir tun und haben, auch anderen nützt! Beide Söhne des Lukasevangeliums beachten das auf ihre Art nicht!

Papst Franziskus hat sich kürzlich in einer Generalaudienz (20.11.24) diesem Thema gewidmet und betont, dass es hinsichtlich der unterschiedlichen Charismen und Gaben keine Christen zweiter Klasse gibt! Das gilt auch für eine Schul- und Internatsgemeinschaft. Jede Gabe ist gleich wichtig. Es muss nicht das spektakuläre und außergewöhnliche Talent sein. Das sorgt vielleicht für die meisten Klicks und Likes auf Social-Media-Kanälen, aber damit eine Gemeinschaft funktioniert, braucht es oft ganz Anderes: es braucht die Schülerinnen und Schüler, die auf andere zugehen können, es braucht die, die die gut reden und die, die gut zuhören können; es ist eine Gabe, wenn jemand weiß, wie Außenseiter zu integrieren sind; diejenigen, die viele Ideen haben werden ergänzt durch jene, die organisieren und anpacken können und umgekehrt. In einer Gemeinschaft profitieren alle von den Begabungen aller.

Wenn auf Grund Eurer Verschiedenheit mal wieder das Konfliktpotential allzu deutlich wird, dann vergesst nicht, dass in der Unterschiedlichkeit auch eine Bereicherung liegt. Es ist gut an einem Tag wie heute darauf zu schauen, was durch die Internatsgemeinschaft alles möglich wird, nicht zuletzt die vielen Feiern und lieb gewonnenen eigenen Traditionen im Laufe eines Jahres zeigen das. Das Gemeinschaftsleben im Internat ermöglicht euch, Projekte auf die Beine zu stellen. Was ich habe und kann, ist für alle nützlich und gut.

Ein zweiter Gedanke: Der ältere Sohn, ein pflichtbewusster und verant­wortungsvoller Mensch, ist von zwei Fragen besonders herausgefordert: Kann er dem Bruder das Fest gönnen und kann er ihm vergeben?

Auch wenn ihr Euch für das neue Jahr den Vorsatz fasst, auf das gute Miteinander in Internat und Schule zu achten und Euren Teil dazu beizutragen - das Zusammenleben mit Anderen wird nie frei von Konflikten bleiben. Manchmal wird uns Unrecht getan; selbst der besten Freundin, den fairsten Lehrern und Erzieherinnen gelingt es nicht immer, gut für alle zu handeln. Da werden die Fragen des älteren Sohnes schnell zu unserer eigenen Frage: Halte ich es aus, wenn eine Andere mehr hat als ich, und bin ich bereit, zu vergeben?

Ich möchte unseren Blick auf Weihnachten hinlenken: das Fest der Geburt des Sohnes Gottes. Wenn es einen Sohn gibt, dann muss es auch einen Vater geben. Daher können wir sagen: Weihnachten ist auch das Fest, das uns Gott als Vater zeigt. Jesus erzählt uns das Gleichnis vom Vater und den beiden ungleichen Söhnen, damit wir Gott besser kennen lernen. Wie ist dieser Gott, den Jesus uns näherbringen möchte?

Gott ist barmherzig. Wer sich an diesen Gott wendet, dem verzeiht er alles. Seine Vergebung brauchen wir, wenn wir offensichtlich Mist gebaut haben. Vergebung brauchen wir aber auch, wenn wir zu jenen gehören, deren Pflichtbewusstsein zu Verbissenheit oder Überheblichkeit neigt. Wenn Gott, der selbst ohne Fehler ist, uns vergibt, können wir davon lernen, dass wir uns auch gegenseitig vergeben – auch wenn das Zeit und Überwindung kostet. Im Vater Unser beten wir genau darum. Und wir bitten um alles, was wir täglich zum Leben brauchen. Auch das ist ein Kennzeichen des Vaters Jesu: er teilt alles, was er hat. Gott hat genug Gaben und Liebe für alle. Er übersieht niemanden. Es lohnt sich einen wachen Blick dafür zu entwickeln, was uns täglich geschenkt wird. Wer spüren darf: „Ich bin geliebt, ich hab’ genug“, der wird anderen gegenüber großzügiger sein.

So will ich am Ende dieser Predigt jeden und jede Einzelne ermutigen, die eigenen Begabungen in die Gemeinschaft von Schule und Internat einzubringen. Ich wünsche allen, dass Euch das Weihnachtsfest neu in Berührung bringt mit dem Vater Jesu, der unendlich liebt und verzeiht und für uns sorgt. Er möge alles, was Ihr einander schenkt, durch seinen Segen noch reicher und schöner werden lassen!

[1] Das Marien-Gymnasium und die Marien-Realschule gingen 1975 aus den Händen der Schwestern an das neu gegründete Schulwerk der Diözese Augsburg über.