Mit Maria auf der Lebensreise
Liebe Schwestern und Brüder in Christus, liebe Weggefährtinnen und Weggefährten auf der gemeinsamen Lebensreise hin zum ewigen Ziel, der synodale Prozess, den unser verstorbener Heiliger Vater Papst Franziskus 2021 angestoßen hat, und dessen vorläufiger Höhepunkt die Weltbischofssynode in zwei Sessionen im Oktober 2023 und 2024 war, setzt uns als Gläubige weltweit in Bewegung. Wer sich von den Leitworten des Schlussdokumentes „Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung“ ansprechen lässt und darüber mit Mitchristen ins Gespräch geht, der spürt, dass dadurch die Freude am Glauben wächst und der Zusammenhalt gestärkt wird. Besonders diejenigen, die schon Erfahrungen mit der synodalen Übung, dem Gespräch im Heiligen Geist, gemacht haben, sind meist erstaunt und geben ihrer Hoffnung Ausdruck, wie hilfreich diese Praxis für den Alltag in der Pfarrgemeinde ist.
Synodalität ist kein „Add-on“ oder gar „Nice-to-have“, sondern eine spirituelle Grundhaltung, die uns zur Quelle unseres Christseins, der gemeinsamen Nachfolge Jesu führt, weil wir durch sie Christus die Möglichkeit geben, uns von innen heraus zu erneuern.
Heute, am ersten Tag des Marienmonats, möchte ich Sie zu einigen Gedanken einladen, die das vatikanische Synodensekretariat im Blick auf die Wegbegleitung durch Maria, der Mutter Gottes, uns allen zur Betrachtung vorgelegt hat.[1] Sie orientieren sich an der im orthodoxen Christentum weit verbreiteten Ikone mit dem Titel „Hodegetria - Wegweiserin“ – Sie haben eine Darstellung dieser Art auf dem Liedblatt. Folgende meditativen Gedanken werden dazu entwickelt:
I. Den Weg zeigen
Eine der ältesten und am meisten verehrten Ikonen Mariens, der Gottesmutter, ist bekannt als die ‚Hodegetria‘: Die, die den Weg (way) zeigt.
Sie ist diejenige, die die Kirche auf ihrer synodalen Reise (journey) begleitet. Wie auf der Ikone dargestellt, lenkt sie unsere Aufmerksamkeit immer von sich selbst weg auf ihrem Sohn, zur Quelle unseres Heils und zum Zielpunkt unserer Hoffnung. Alle, die selbst Eltern sind, werden Marias einfache Geste verstehen: In dieser einen, natürlich liebevollen Bewegung eröffnet Maria einmal den Weg für die Reise der pilgernden Kirche, sodann verweist sie auch auf den Weg für die gesamte Menschheit, die nach Heilung und der Fülle des Lebens sucht.
Maria, die Mutter Gottes, ist immer mit uns auf dem synodalen Weg, denn sie ist auch ‚Mutter der Kirche‘ (Mater Ecclesiae); Mutter all derer, die Gefährten und Schülerinnen ihres Sohnes sind. Immer dann, wenn wir uns hinsichtlich des Weges verloren, verwirrt oder zaghaft fühlen, dürfen wir auf sie schauen, die uns den Weg zeigt.
Maria spricht nicht. Das muss sie auch nicht. Sie will nur unseren Blick auf ihren Sohn lenken. In dieser wortlosen Geste fasst sie die gesamte Sendung der Kirche zusammen. Sogar wenn das Volk Gottes ‚in via‘ ist – auf der
Reise –, ist es immer ‚auf Sendung‘. Beides kann nicht getrennt werden, denn es gibt nur einen Weg und ein Ziel unserer Sehnsucht, eine Quelle unseres Lebens und unserer Hoffnung: Jesus Christus.
Es geht darum, eine Reise zu unternehmen, damit wir zu der Gemeinschaft werden, in die uns der Heilige Geist bereits gerufen hat. Im gemeinsamen Gehen entdecken wir, dass wir einander brauchen, um teilzuhaben, an der Sendung, der Mission, die wir erhalten haben. Wie auch immer wir gehen, was auch immer wir mitbringen, sogar, wenn wir manchmal getragen werden müssen, wir sind niemals eine Last. Wie auch immer unser Stand oder unsere Lebensbedingungen sind, wir sind alle in der Lage und fähig, das Ziel unserer Liebe und die Quelle unserer Hoffnung und Freude bekannt zu machen: Jesus Christus, unseren Herrn und Erlöser, Sohn Gottes und Sohn Mariens.
II. Die gemeinsame Reise
In gewisser Weise war Marias ganzes Leben eine Reise: die innere Reise der Ganzhingabe ihrer selbst an Gottes Willen, auch dann, wenn sie nicht ganz versteht, wohin er sie mitnehmen will; aber auch im Blick auf die tatsächlichen Reisen, die ihr Leben bildeten: die Straße von Nazareth nach Bethlehem, der Fluchtweg nach Ägypten und der lange Rückweg. Wir finden sie bei den Pilgerreisen ihres Volkes, wenn man die großen Feste des Volkes Israels in Jerusalem feierte. Wir treffen sie auf der härtesten Straße von allen: indem sie ihrem Sohn in die dunkle Nacht von Kalvaria und Golgatha folgt.
Wir begegnen ihr in der Stille von Gottes Schweigen als einer Mutter, die auf die Erscheinung neuen Lebens wartet; die wach und lauschend darauf wartet, dass ihr auferstandener Sohn nach ihr ruft, und schließlich – am Ende ihres Lebens - folgt sie ihm auf der Reise in die Auferstehung. Insgesamt gibt es für Maria, ganz gleich, ob es sich um eine innere oder eine äußere, tatsächliche Reise handelt, eine Reise in das Exil oder Rückkehr, nur eine einzige Reise: Die Reise des Glaubens an ihren Sohn Jesus Christus, der ihr Weg ist.
Zusammen mit ihrem Sohn weiß Maria auch um alle Reisen, die wir unternehmen müssen. Sie ist wirklich ‚Unsere Liebe Frau vom Wege‘. Wie wir hat sie gelernt, wie man auf das WORT hört, das sie inmitten des Alltags, des Gebets, des Gottesdienstes und der Familie erreicht, und wie man darauf antwortet. Sie hat gelernt, die Wahrheit in Demut zu sagen, denn sie ist eine der ‚Anawim‘, eine Frau aus dem Volke; sie hat gelernt, wie man das Kommen des Reiches Gottes verkündet; sie hat gelernt, wie sie ihm mit unerschütterlichem Glauben und Mut dient - nicht indem sie ihren eigenen Weg sucht, sondern nur den, den Christus selbst beschreitet.
Eine ihrer ersten Reisen hatte den Besuch bei Elisabeth zum Ziel (die Heimsuchung). Hier zeigt uns Maria, dass die synodale Reise, wenn sie dazu dient, Gottes mächtiges Werk zu verkünden, auch generationenübergreifend wirkt. Auf dem Weg zum Wohnort der Elisabeth sehen wir, dass die Gaben der ‚Älteren‘ gebraucht werden, um die Gnaden der jüngeren Generationen zu erkennen, zu unterstützen und zu pflegen. Wie die junge Maria von Nazareth brauchen junge Menschen solche, die ihnen ein Zuhause geben können, damit die Gnaden/Charismen, die in sie hineingelegt sind, Zeit zum Wachsen haben. Indem sie sich gegenseitig mit einer willkommenen und verständnisvollen Gemeinschaft beschenken, geben Maria und Elisabeth bereits Zeugnis von jener neuen Gemeinschaft, die durch Gott gestaltet wird. Gemeinsam können sie das prophetische und freudige Lied, das Magnificat, singen, welches das Kommen von Gottes Reich ankündigt.
Ihr Lied besteht nicht aus einem vorgefertigten Text, sondern entsteht aus dem Geist, der in ihnen wirkt. Aus ihrer eigenen Gotteserfahrung haben sie ein ‚neues Lied‘ geformt, das die gesamte Tradition zusammenfasst, in der sie stehen. In ihrem gemeinsamen Gesang und ihrer gemeinsamen Stimme können sie nun verkünden, was Gott für sie getan hat. Obwohl sie innerhalb der prophetischen Tradition Israels stehen, sind sie keine Frauen, die zurückblicken. Sie sind vielmehr Frauen, die in die Zukunft gehen, die sie bereits aus ihrer Erfahrung von Gottes Gnade in ihrem Leben kennen.
Das Leben dieser beiden Frauen ist für immer miteinander verflochten. Sie wissen, dass ihr Leben nicht mehr ihnen gehört. Sie gehören jetzt der Zukunft Gottes und der Gemeinschaft, die noch geboren wird. Maria und Elisabeth nehmen die prophetische Kirche vorweg. Ihre Gegenwart erinnert diese daran, dass sie am wirkungsvollsten spricht, wenn sie aus ihrer Erfahrung von Gottes Gnade im eigenen Leben erzählt.
In Marias Reise zu ihrer Verwandten Elisabeth sowie Elisabeths Antwort wird uns der Weg zu einer synodalen Gemeinschaft der Willkommenskultur, der Zuflucht und Freude gezeigt. Dabei lernen wir, dass (nur) diejenigen, die auf das WORT hören, das unerwartete Geschenk Gottes, für den nichts unmöglich ist, empfangen und willkommen heißen können. Gemeinsam bilden Maria und Elisabeth und alle jene Generationen, die in ihren Gesang einstimmen, eine Hoffnungsgemeinschaft in der Überzeugung, dass Gottes Verheißungen in Jesus Christus niemals fehlgehen.
III. Die fürsorgliche Reise
In den Evangelien lesen wir, dass Maria immer mit Christus unterwegs ist, manchmal ängstlich um seine Sicherheit besorgt, doch stets folgt sie ihm mit einer diskreten, aufmerksamen und fürsorglichen Liebe. Wir spüren, dass sie so, wie sie Jesus ein Zuhause schuf, auch für seine Jünger und alle, die ihm folgen, ein Zuhause schafft. Weil ER ihr Zuhause ist, wie sollte sie nicht die Gnade/das Charisma der Gastfreundschaft leben? Wie sollte sie sich nicht um diejenigen kümmern, um die er sich sorgt, besonders um die Armen und jene am Rand, für die er einen besonderen Platz in seinem Herzen hat? Ihre Tür steht immer offen für diejenigen, die ihn suchen, und sie ist immer bereit, uns zu ihm zu führen, besonders die, die ihn am meisten brauchen. In diesem Sinne gilt: Maria ist die Königin des Himmelreiches und Mutter all jener, die wie sie in und für ihren Sohn und den Gott, den er offenbart, leben.
Am Fuße des Kreuzes ihres leidenden Sohnes und Herrn wird ihre Mission bestätigt: die Mutter der neuen Gemeinschaft zu sein, die aus seinem Opfer geboren wurde. Wir finden sie am Fuß des Kreuzes, in Gemeinschaft treuer Frauen, die in Liebe und Freundschaft jenseits der natürlichen Familienbande verbunden sind. Gemeinsam machen sie sich keine Sorgen, weil Sie als diejenigen angesehen werden, die ihn lieben; um Zeugnis abzulegen, in dem Moment, als alle anderen voller Angst sind und ihn verlassen haben. Während ihrer langen Wache bei seinem Leiden, in der sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, zeigen sie eine Liebe, die stärker und beständiger ist als jede weltliche Macht. Mit diesen Frauen wartet Maria darauf, den gequälten und leblosen Körper ihres Sohnes in ihre Arme zu nehmen und ihn ins Grab zu legen, um ihn Gottvater, der ihn ihr gegeben hat, zurückzugeben.
Doch selbst diejenigen Jünger und Anhänger, die ihn in dieser Stunde verließen, haben immer ein Zuhause bei ihr und den Frauen, die sich ihr solidarisieren. Das ist ihr besonderes Charisma; es ist zugleich das Charisma einer synodalen Kirche, zu der Maria und diese Frauen in ihrer erstaunlichen Liebe und ihrem tiefen Glauben uns weiterhin rufen. Sie hören nie auf, Zeugen für zukünftige Generationen zu sein und ihnen ganz gleich, wie weit diese sich entfernen, nahe zu sein. Alle Menschen werden immer ein Zuhause haben!
IV. Die Reise des pfingstlichen Magnificat
Es überrascht nicht, dass wir Maria, Gottesmutter und Mutter der Kirche, Zuflucht für Sünder und alle, die ein Zuhause suchen, bei den Jüngern zu Pfingsten finden, denn niemand weiß besser als sie, wie der in uns wohnende Geist seine Wohnung bereitet.
Wieder sehen wir, wie Maria - ohne ein Wort - die tiefe Quelle und der Orientierungspunkt der Wahrheit für Christi Jünger bleibt. Mit ihr in der Mitte könnten sie niemals einen anderen Christus erfinden. Obwohl Maria im Zentrum der Gemeinschaft steht, wird sie immer wissen, wer ER ist: der Herr und Retter der Welt. In Maria haben wir ein Bild für den sensus fidelium: zu jeder Zeit für all jene, die durch die Gabe des Heiligen Geistes Christus durch Liebe in ihren Herzen erkennen, seiner Wahrheit in ihrem Leben Gestalt geben und unbeirrt vertrauensvoll und treu zu ihm und seiner Kirche halten. Wie in ihr, der ‚Theotokos‘ – der Gottesmutter –, so wird in ihnen die Flamme von Pfingsten nicht kalt und ihr Licht wird nicht heruntergedimmt. Ganz gleich, wie dunkel oder wie schwierig und unmarkiert der Weg vor uns ist, das Licht des Heiligen Geistes führt das heilige Volk Gottes weiter.
In Maria lernen wir, wie wir als synodale Kirche zur Reise aufbrechen können. Wir lernen, uns in der Welt zu beheimaten und für alle, die ein Zuhause suchen, eine Heimat zu schaffen – einen Ort des Willkommens und der Zuflucht, der Heilung und Erlösung, einen Ort der Versöhnung, des Friedens und des Wissens um das ewige Leben. Dies ist die Kirche, nach der wir uns sehnen und die wir brauchen. Denn eines Tages werden wir alle zu Fliehenden, die eine (ewige) Heimat suchen.
Mit Maria, der Mutter der Kirche, lernen wir, wie man die Kirche, den Leib Christi, zu einem Ort macht, zu einem Volk in lebendiger Gemeinschaft, Teilhabe und Sendung. Mit ihr lernen wir in allen Lebensumständen unser „Fiat - Es geschehe“ zu sagen und uns dem großen Chor des Glaubens anzuschließen, der durch die Jahrhunderte widerhallt: ‚Magnificat anima mea Dominum‘ – ‚Hoch preist meine Seele den Herrn und mein Geist freue sich in Gott, meinem Erlöser‘. Solange dieser Chor nie verklingt, hat die Welt eine sichere Hoffnung. Wenn sie dem herrlichen Lied folgt, wird sie ihren Weg finden, zum unschätzbaren Geschenk des Lebens, das Jesus Christus ist.
Lesung: Joh 2,5 („Was er euch sagt, das tut.“)
[1] Eigene Arbeitsübersetzung von: TOWARDS A SPIRITUALITY FOR SYNODALITY, S. 47-55.