Dienstanweisung für Diakone
Gleich geht‘s los. Die Weihehandlung beginnt. Wenn ich an meine eigene Diakonenweihe 1984 zurückdenke, fällt mir als erstes dieses Bild ein: Zusammen mit meinen Mitbrüdern liege ich vor dem Altar ausgestreckt am Boden, das Gesicht zur Erde. Die Heiligen werden angerufen – in dieser Lage. Und dann wiederholt es sich – ein Jahr später 1985 bei der Priesterweihe und am 6. Juni 2020 noch einmal: im Augsburger Dom bei der Bischofsweihe. Da bin ich erneut gelegen – am Boden, verfügbar für den Herrn.
Vielleicht wird es Ihnen, liebe Weihekandidaten, in Zukunft ähnlich ergehen. Gleich werden Sie hier auf dem Boden liegen. Das geht unter die Haut. Da wird die Liturgie auf einmal sehr direkt und handgreiflich: Erwachsene Leute liegen in weißen Gewändern am Boden. Was soll das? So fragen viele. Aber muss ich das erklären? Eigentlich kann doch jeder ablesen, was das bedeutet: nicht hoch hinaus, sondern unten am Boden. Das ist die Wahrheit über das Sein eines Diakons, das ist sein Platz. Es ist allemal glaubwürdiger, dass wir unsere eigene Zerbrechlichkeit eingestehen, als dass wir uns aufplustern und vermeintliche Stärke demonstrieren. Jeder soll wissen, wen er auch nach der Weihe vor sich hat: einen zerbrechlichen Menschen. Das trifft für einen Diakon ebenso zu wie für einen Priester oder Bischof. „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen.“ Zerbrechliche Gefäße sind wir, dem Boden nahe, angeschlagen, brüchig, fragil. „Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen,“ ruft uns Blaise Pascal zu, selbst einer, der unter Zweifel und Unsicherheit litt.
Die jüdische Dichterin Nelly Sachs schreibt in einem ihrer späten Gedichte:
Die Auferstehungen
deiner unsichtbaren Frühlinge
sind in Tränen gebadet.
Der Himmel übt an dir
Zerbrechen.
Du bist in der Gnade.[1]
Wie kann der Himmel an einem Menschen Zerbrechen üben? Ist das nicht die Hölle? Es gibt ein Zerbrechen, das kein Unheil ist, sondern Gnade. Nirgendwo wird das so deutlich wie im Paschamysterium: Im Zerbrechen Jesu am Kreuz offenbart sich die Gnade der Auferstehung. Wir sind zerbrechliche Gefäße, schreibt Paulus an die Korinther – damit niemand auf die Idee kommt, wir seien diejenigen, von denen das Heil zu erwarten ist; wir werden die Sache der Kirche schon schaukeln. Gott bewahre uns vor dieser Hybris! Er verschone uns vor den „Machern“ in der Kirche, vor den Strategen, die alles im Griff haben wollen, am Ende Gott selbst. Das ist Vortäuschung falscher Tatsachen. Wer sind wir denn?
Wir sind „zerbrechliche Gefäße“. Aber bei aller Zerbrechlichkeit am Boden liegend sind wir Träger eines Schatzes: des Schatzes, der Jesus Christus heißt. Um ihn geht es. Er muss durchkommen. Er muss strahlen. Jesus und sein Evangelium zum Strahlen bringen: Das ist unsere Mission. Wir dienen nicht nur der „Sache Jesu“, sondern ihm selbst. Lassen Sie, liebe Weihekandidaten, es Ihre größte Sorge sein, dass dieser Schatz in Ihnen nicht unter frommer Routine verkümmert. Nichts brauchen wir heute weniger als religiöse Routiniers oder Funktionäre. Wir brauchen Schatzträger mit Herz!
Vier junge Männer darf ich heute zu Diakonen weihen. Diakon oder Machthaber: Das ist die Alternative. Machthaber: Das gehört doch hier gar nicht hin. Wir sind doch in der Kirche. Aber im heutigen Evangelium, das sich die Weihekandidaten – wie übrigens auch die Lesung – selbst ausgesucht haben, ist von der Macht die Rede. An die Apostel gerichtet, spricht Jesus sogar von Machthabern und vom Machtmissbrauch. Anscheinend war das Problem schon im Apostelkreis virulent: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ Dieses Wort aus Jesu Mund gibt zu denken, gerade bei einer Diakonenweihe.
Schauen wir genauer auf unseren Sprachgebrauch. In der Kirche reden wir allzu gern vom Dienen, so als gäbe es bei uns gar nichts anderes. Wir tun so, als sei Macht bei uns ein Fremdwort, allemal tabu. Wir haben unsere Ideale vom Dienen sehr hochgeschraubt und merken schließlich gar nicht mehr, dass wir sie unterlaufen. Macht gibt es bei uns nicht, sagen wir, nur geistliche Vollmacht, das sei etwas ganz anderes. Und wir merken gar nicht, wie wir in der kirchlichen Praxis oft bewusst oder unbewusst Machtinteressen fromm kaschieren. Man muss nicht alles auf dem Synodalen Weg gutheißen, aber die Verwechslung von Dienst und Macht im kirchlichen Leben ist eine Versuchung, die der Reformprozess in Deutschland mit Recht aufgezeigt hat.
Spielen wir uns nichts vor! Die in der Kirche etwas zu sagen haben, verfügen über Macht. Das ist sonnenklar. Pfarrer sind in der Regel Dienstvorgesetzte, bisweilen wie in einem mittelständischen Betrieb. Der Bischof ist in unseren Diözesen Dienstgeber, ob er’s will oder nicht. Vieles kann er an Generalvikar und enge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter delegieren, die Letztverantwortung aber bleibt bei ihm.
Der Weg ist also vorgezeichnet vom Diakon zum Dienstvorgesetzten. Was verändert sich alles auf diesem Weg? Da wird dem Dienst buchstäblich etwas „vorgesetzt“. Das hat mit Macht zu tun. Davor die Augen zu verschließen und es zu verdrängen, es „wegzuspiritualisieren“ hilft nicht. Machtmissbrauch scheint fast vorprogrammiert. Dagegen hilft nur Transparenz, die Macht offen beim Namen nennt und richtig damit umzugehen weiß.
In der Regel läuft es so in der Welt: Man macht andere herunter, um selbst groß herauszukommen. Man profiliert sich auf Kosten anderer. Was Jesus vorschwebt, ist ein radikales Kontrastprogramm: Wahre Größe zeigt sich darin, dass ich andere in meiner Umgebung groß werden lasse. Das ist nicht Schwäche, sondern Stärke. Mein Vater – ein überzeugter evangelischer Christ – hat mir vorgelebt, was es heißt, sich am Wachstum des anderen freuen zu können. Er hat meinen Weg zum Diakon und Priester voll Freude mitgetragen.
In der Nachfolge Jesu gilt die Autorität des Dienstes. Denn Jesus selbst hat sich und seine Sendung so verstanden – bis zur Hingabe seines Lebens. Dieser seiner Autorität verdankt sich jede kirchliche Autorität. Anders gewendet: Das Amt erhält seine Autorität allein von Jesus Christus her: woher denn sonst? Glaubwürdig und überzeugend wird ein Diakon nur dann, wenn er sich am Verhalten Jesu orientiert. Denn „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.
Jesus hat das Amt in der Kirche nicht eingesetzt, damit die einen über die anderen herrschen und schließlich noch ihre eigenen Machtgelüste und Herrschaftsallüren auslassen können, sondern damit die Kirche ihrer Sendung in der Welt treu bleibt. Die Leute sollen sehen: Mensch, es geht auch anders! Die Ersten lassen sich nicht bedienen, sondern sie dienen. Wenn ich Ihnen die Frage nach Ihrer Bereitschaft stelle, „den Armen und Kranken beizustehen, Heimatlosen und Notleidenden zu helfen“, dann ist sie ganz ernst gemeint. Welche Konsequenzen hat dieses Versprechen für unseren Dienst? Sind wir nur „grundsätzlich“ für die Armen und Notleidenden da oder tatsächlich? Wer sind unsere Gäste? Haben wir Freunde unter den Armen, oder begegnen wir ihnen nur aus der Distanz, etwa in den Medien? Jesus hat sich nicht nur für die hingegeben, die ihm gefolgt sind, sondern für alle Menschen. Er hat sich in erster Linie denen zugewandt, die von den allermeisten übersehen oder abgeschrieben werden. Er hat „die am Rande“ in die Mitte gerückt.
„Wo die am Rande sind, da ist die Mitte.“ So steht es auf einer Spruchkarte der Schweizer Caritas. Papst Franziskus ist nicht müde geworden, uns einzuladen, „an die Ränder zu gehen“. Sich nicht bedienen lassen, sondern selbst dienen: Das ist die Dienstanweisung für einen Diakon. Wer Jesus finden will, der muss sich auf den Weg einlassen, den er uns vorausgegangen ist. Jesus ist herabgestiegen, in die Tiefe gegangen, um auch den Ärmsten, den Allerletzten noch Bruder zu sein. Sein Weg endet nicht im Tod. Wie er auferstanden ist, so werden auch wir aufstehen, uns mit ihm vom Boden erheben dürfen.
Liebe Weihekandidaten, Sie werfen sich zu Boden. Doch Sie bleiben dort nicht liegen. Sie stehen auf, um Jesu Spuren zu folgen und den Menschen zu dienen. Das ist der Weg des Diakons. Ich wünsche Ihnen viel Freude – nicht nur am heutigen Tag, sondern ein Leben lang. Die Freude am Herrn ist unsere Stärke, die Freundschaft mit ihm unsere Kraft. Amen.
Schrifttexte: 2 Kor 4,1-2.5-7; Mt 20,20-28
[1] Späte Gedichte, Frankfurt 1968, S. 21.