„Nicht klammern hilft, sondern loslassen und freilassen“
Liebe Schwestern der bisherigen und der neuen Generalleitung, liebe Kapitularinnen, liebe Mitbrüder, in der Lesung hörten wir die Worte des Engels, die Sie als Motto über Ihr Generalkapitel gestellt haben: „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich“ – ein anrührendes Zeichen göttlicher Fürsorge und ein gutes Leitwort für Ihre Kapitelsarbeit in unserer Zeit, die von Umbrüchen und Abschieden geprägt ist!
Seit Jahrzehnten beklagen wir das Ausbleiben von Ordens- und Priesterberufungen: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiterinnen und Arbeiter“ können wir mit dem Herrn ausrufen (Mt 9,37) und viele von Ihnen werden mit Recht sagen: Aber wir beten doch ausdauernd und treu um Nachwuchs, doch Gott erhört unser Gebet wohl nicht. Deshalb ist uns der Prophet Elija so nah, der im Einsatz für den Herrn müde geworden war und einfach nicht mehr wollte!
Menschlich betrachtet, absolut verständlich: aber er hat nicht mit der Hartnäckigkeit Gottes gerechnet: Gott ist es eben nicht egal, wie es mit Elija weitergeht und ihm sind auch die Menschen nicht egal, für die der Prophet Stachel im Fleisch und zugleich Wegweiser zum Heil sein sollte. Deshalb richtet er Elija wieder auf und auch wir, auch Sie, dürfen darauf vertrauen, dass Gott noch einiges mit Ihnen vorhat!
Allerdings: Die Geschichte des Elija zeigt auch, was an vielen Stellen der Bibel zu lesen ist: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr“ (Jes 55,8/1 Sam 16,7). Gott ist der semper maior, immer der Größere. So liegt es an uns, kreativ zu werden, aus den gewohnten Gleisen aufzubrechen wie Abraham, wie viele Ordensgründer und heiligen Vorbilder - und zu überlegen, wie wir uns auf IHN zu bewegen oder mit einem theologischen Begriff: wie wir die „Zeichen der Zeit“ erkennen können.
Als Bischof bin ich mir der besonderen Verantwortung für Ihre und für alle Gemeinschaften Bischöflichen Rechtes wohl bewusst; ich will meinen Beitrag dazu leisten, wenn Sie - auch als kleiner und älter werdende Gemeinschaft - einerseits Ihren Gründungsauftrag hochhalten und andererseits proaktiv nach Möglichkeiten suchen, um den Bedürfnissen der einzelnen Ordensmitglieder und der Gesellschaft als ganzer gerecht zu werden.
Daher verfolge ich mit großem Interesse, was im deutschsprachigen Raum an, wenn man so will, Pilotprojekten mit Signalwirkung entsteht. Sicher sage ich Ihnen nichts Neues, wenn ich z.B. an die Initiative des Benediktinischen Zentrums im Frauenkloster Sarnen in der Schweiz erinnere: Dort haben sich Schwestern aus drei Abteien zusammengetan, um 2019 einen geeigneten Standort, eben das Kloster in Sarnen in der Zentralschweiz, das auch als Wallfahrt zum Sarner Jesuskind bekannt ist, so umzugestalten, dass sie Synergieeffekte vor allem in der medizinischen Versorgung und Pflege erzielen, ohne dabei ihre spezifische Prägung oder die gewohnte Gemeinschaft aufzugeben. Im Gegenteil: Unter einer nun von allen Schwestern gewählten Priorin können die Benediktinerinnen durch ihre Gebetspräsenz, geistliche Begleitung und ein kleines Gästehaus ihren spirituellen Auftrag weiterhin erfüllen und dabei ruhig und gelassen der Zukunft entgegenschauen.
Doch wir müssen gar nicht so weit gehen: Auch die Barmherzigen Schwestern in Göggingen haben mit der Gründung der St.-Vinzenz-Stiftung und dem Entschluss, ihren großen Mutterhausgarten zugunsten des Wohnquartiers St. Vinzenz zu verkleinern, ein mutiges, zukunftsfähiges Modell für die Augsburger Kongregation der Vinzentinerinnen geschaffen.
Ich bin zuversichtlich, dass Sie, liebe gewählte Generaloberin Sr. Solange, zusammen mit den Ratsschwestern und der ganzen Gemeinschaft von Maria Stern, die Sie auf eine so stolze Geschichte zurückschauen, Ihr franziskanisches Charisma neu in den Blick nehmen und sich wie der hl. Franziskus und die hl. Klara der Führung Gottes anvertrauen. Dabei wird auch der Freiheitsbegriff eine Rolle spielen müssen, wie es etwa die Franziskanerinnen von Reutte im Hinblick auf Indonesien vorgemacht haben. Nicht klammern hilft, sondern loslassen und freilassen. Mobilität tut not!
Daher ist für mich – trotz der vollzogenen Wahl – diese Feier auch ein Bittgottesdienst: Ob und wie lange die neue Personal-Konstellation Bestand hat, wissen wir nicht. Es wird auch angezeigt sein, dass es zeitnah zwischen Ihrer Gemeinschaft und dem Bistum Augsburg zu Gesprächen darüber kommt, wie künftig die Beziehung zueinander ausgestaltet werden soll.
Kehren wir wieder zum Geschichte des Elija zurück: Nachdem Gott sich ihm „im sanften, leisen Säuseln“, also im fast unhörbaren Schweigen geoffenbart hatte, fordert er Elija durch eine Gewissensfrage heraus: „Was willst Du hier, Elija?“ (1Kön 19,14). Diese Frage stellt ER jedem von uns mehrfach im Leben – immer wieder neu. Wir Menschen brauchen von Zeit zu Zeit eine Standortbestimmung, den Anstoß zurückzublicken, abzuwägen und sich neu zu orientieren im wahrsten Sinne, indem wir nach Osten (= Orient) schauen, dahin, wo der Morgenstern aufgeht (2 Petr 1,19), der Stern von Bethlehem – IHR Stern, liebe Schwestern, dem eine jede von Ihnen ihr Leben geweiht hat!
Daher wünsche ich Ihnen allen, dass die Verheißung Jesu, die wir im Evangelium hörten: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich Euch auftrage“ (Joh 15,14), Ihnen in Fleisch und Blut übergehe und wie die Speise sei, die Elija zum Weitergehen befähigte – denn wir wissen ja: „Wohin gehen wir? Immer nach Hause“ (Novalis). – Feiern wir nun Eucharistie zum Dank für Gottes Führung und dafür, dass er uns nährt mit seinem Leib und seinem Blut, damit wir immer mehr werden, was wir durch die Taufe längst geworden sind: Glieder am Leib Christi, fruchtbare Reben und mit einer göttlichen Sendung ausgestattete Botinnen der ewigen Liebe. Amen.