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Predigt beim Festgottesdienst zum Abschluss der Renovierung der Pfarrkirche St. Jakobus in Villenbach

„Das war eine Meisterleistung"

22.07.2023 18:10

Liebe Villenbacher, liebe Gäste aus nah und fern! Liebe Schwestern und Brüder! Eine merkwürdige und doch sehr lehrreiche Begegnung, die uns da im heutigen Evangelium erzählt wird. Im Mittelpunkt steht eine ehrgeizige Mutter mit ihren beiden Söhnen – die Jünger Johannes und Jakobus der Ältere.

Gemäß christlicher Tradition wird Salome, die unter dem Kreuz Jesu steht (vgl. Mk 15,40; Mt 27,56) und nach seiner Auferstehung als erste ans leere Grab kommt (vgl. Mk 16,1), als die Mutter der beiden „Donnersöhne“ (Mk 3,17) identifiziert.

Recht forsch drängt sie sich an Jesus heran und fordert von ihm für ihre Söhne den gebührenden Platz, der ihnen ihrer Meinung nach als Lohn für deren Einsatz zusteht. Vielleicht ist es ja die ehrgeizige Forderung einer hyperfürsorglichen „Helikopter-Mama“, die sich nicht damit abfinden kann, dass ihre Söhne in ihren Augen so leichtfertig und naiv, ohne jegliche Absicherung Jesus nachgefolgt sind? Rückblende: Denken wir an ihre Berufungsgeschichte: Wie zufällig und doch sehr bestimmend trifft Jesu Ruf Jakobus den Älteren und seinen jüngeren Bruder Johannes. Sie kommen gerade mit ihrem Vater Zebedäus vom Fischen. Wie uns die Evangelien berichten, lassen sie alles zurück; und zwar sofort: „sogleich“ lassen sie alles stehen und liegen und folgen Jesus nach (vgl. Mt 4,21f.; Mk 1,19f.). Von da an zählen Jakobus und Johannes zusammen mit Petrus zu Jesu engsten Vertrauten. Nur die Drei werden Zeugen seiner Verklärung (vgl. Mt 17,1-9 par.) und der Auferweckung der Tochter des Jaïrus (vgl. Lk 8,51 par.).

Von daher klingt das Drängen ihrer Mutter verständlich. Jesus reagiert ruhig und gelassen; im Gegensatz dazu die menschlich verständliche, völlig aufbrausende und verärgerte Reaktion der anderen Jünger. Einmal mehr macht Jesus deutlich: Seine Forderungen und Erwartungen sind ganz andere, sie bemessen sich gerade nicht an den üblichen menschlichen Maßstäben und Vorstellungen: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“ (Mt 20,26), ermahnt Jesus die Apostel. In einem Atemzug verweist er auf sich als das Vorbild schlechthin: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28).

Daraus folgt: Unser christlicher Glaube ist nichts Abstraktes. Er besteht nicht darin, stur irgendwelchen Vorschriften zu folgen oder moralischen Normen Genüge zu leisten. Der Glaube hat ein konkretes Gegenüber, eine Person: Jesus Christus! Diesen „Schatz der Erkenntnis des göttlichen Glanzes“ tragen wir wie die „Apostel in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Kor 4,7), so haben wir es in der Lesung gehört. Auf ihn, den Sohn Gottes, ist die Kirche gegründet. Ihr Auftrag ist es, die in Christus offenbarte Liebe Gottes den Menschen kund zu tun. An Jesus Christus orientiert sich unser Glaube – seine Worte sind der Kompass für unser Leben, sein Handeln ist die Richtschnur unserer Nachfolge als Jüngerin und Jünger! Der Glaube tröstet die Traurigen, ermutigt die Ängstlichen und stärkt die Schwachen. Von ganzem Herzen ermutige ich Sie: Eifern Sie Jesus Christus in ihrem Leben nach! Begegnen Sie ihm in den Sakramenten, allen voran in der gemeinsamen Feier der Eucharistie, im Gebet und in der Betrachtung der Evangelien. Suchen und erfahren Sie ihn im Trubel des Alltags und in Gottes Schöpfung.

So werden Sie immer mehr Christus ähnlich in seiner „Pro-Existenz“. Will heißen: Jesus kennzeichnet eine „Haltung des Daseins“, die ganz auf das Hinhören auf den Willen Gottes, des Vaters, und auf die Mitmenschen ausgerichtet ist. Der christliche Glaube ist nie bloß „individualistisch“, gar „selbstreferentiell“, also nie allein nur auf sich selbst gerichtet. Er fordert jede und jeden einzelnen auf zu einem „Da-Sein für… andere“. Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., hat das schon als junger Theologieprofessor beschrieben: „In dem Stichwort ‚Für‘ [ist] das eigentliche Grundgesetz der christlichen Existenz ausgedrückt.“ Deswegen wird im Zentrum der Eucharistiefeier „die Existenz Jesu Christi als Existenz ‚für die vielen‘ – ‚für euch‘ erläutert, als die offene Existenz, die die Kommunikation aller untereinander durch die Kommunikation in ihm ermöglicht und schafft.“ (Einführung in das Christentum, 1968, S. 205). Konkret heißt das: Indem er sein Leben „als Lösegeld für [!] viele“ (Mt 20,28) am Kreuz hingab, ist uns ein neuer Weg zu Gott geebnet. Das feiern wir in jeder hl. Messe. In der Kommunion empfangen wir seinen Leib; so werden wir mit ihm verbunden, von ihm her gestärkt und durch ihn zu einer Gemeinschaft miteinander auferbaut. Aus dem „Für“ Jesu für mich speist sich mein „Für“ zu meinem Nächsten, folgt Jesu Auftrag an mich, als Christ / Christin „Licht und Salz“ in der Welt zu sein.

Eine wahre „Gemeinschaft des Glaubens“ verwirklicht sich nur dort, wo auch ein würdiger Ort ist, wo der Glaube sich ausdrückt, wo er gelebt und gefeiert werden kann. Ein Kirchenraum ist so ein Ort. Er ist auch, wie es das Zweite Vatikanische Konzil ausdrückt, „Zeichen und Symbol überirdischer Wirklichkeiten“ (SC 122). Das haben Sie, liebe Villenbacher, deutlich gespürt, sonst hätten Sie all die Mühen und Kosten nicht auf sich genommen, um die sanierungsbedürftige Pfarrkirche wiederherzurichten. Ein Gotteshaus ist also nicht bloß ein Versammlungsraum, sondern auch ein „Ermöglichungsraum“ für die Begegnung mit Gott, ein Raum der Ruhe und Besinnung, ein „Anders-Ort“ gegenüber den üblichen „Alltags-Orten“, ein „heiliger Ort“, kurzum: Gottes Wohnstatt mitten unter den Menschen!

Seit 270 Jahren steht „Ihre“ Pfarrkirche, leicht erhöht, inmitten des Dorfes und präsentiert sich – nun wieder, innen wie außen fein rausgeputzt – in neuem Glanz. Knapp zwei Jahre dauerten die Arbeiten, die wohl insbesondere im Bereich des Dachstuhls, wie ich hörte, recht aufwendig waren. So können wir jetzt mit Freude und Stolz ausgiebig feiern! Monate großer Anstrengungen bei allen an der Renovierung Beteiligten liegen hinter ihnen. Die Pfarrei hat die „Runderneuerung“ durch ihr Gebet begleitet und unterstützt mit einer Eigenleistung von 1.300 (!) Arbeitsstunden. Überhaupt wurde durch die hohe Spendenbereitschaft die Sanierung überhaupt erst möglich. Nicht zuletzt haben die Pfarreiangehörigen die Bauarbeiten durch Geduld und Genügsamkeit mitgetragen: Als Gottesdienste nicht mehr möglich waren, wurde die Pfarrei gastfreundlich in den Vereinsheimen der Feuerwehr und der benachbarten Schützenvereine aufgenommen. Ich danke von Herzen allen, die durch ihre z.T. kreative Hilfe zur Gesamtrenovierung der wunderbaren Pfarrkirche beigetragen haben, allen voran dem Kirchenpfleger Bernhard Lernhard. Vergelts Gott für Ihren großen und Ihrer aller Einsatz! Das war eine Meisterleistung.

Als gesamtes Dorf, als Gemeinschaft haben Sie die Renovierung möglich gemacht und getragen. Das werte ich als ein starkes Signal! Für mich ist es ein Zeichen dafür, dass die Kirche lebt – auch wenn manche Stimmen ihr in der heutigen Zeit den Untergang prophezeien. Nach wir vor gibt es in den Pfarreien viele Getaufte, die sich engagieren und keine Stunden zählen. Als Bischof stehe und plädiere ich für eine Kirche am Ort, nah bei den Menschen. Kirche lebt von den verschiedenen Charismen und Talenten aller Gläubigen. In diesem Sinne seien wir einander nicht Beherrschende, sondern Dienende!

Manchen kommt die gegenwärtige Situation der Kirche so vor wie die Lage der Christen zur Zeit des Paulus: Von allen Seiten in die Enge getrieben, gehetzt und niedergestreckt (vgl. 2 Kor 4,8f.). Ich bin mir als Hirte für die Gläubigen im Bistum Augsburg der gesellschaftlichen Umbrüche und deren Folgen bewusst. Zudem wurde in den letzten Jahren viel Vertrauen verspielt. Darüber hinaus zermürben wir uns innerkirchlich in Struktur- und Reformdebatten. Viele denken bei Kirche deswegen nur mehr an „Krise und Kritik“. Das greift meines Erachtens zu kurz. Nach wie vor leistet die Kirche durch das Engagement der Hauptberuflichen und der Ehrenamtlichen insbesondere im sozial-caritativen Bereich, der Seelsorge oder im Bildungssektor Großartiges! Das sollten wir nicht unter den Teppich kehren. Wir brauchen uns als Getaufte nicht zu verstecken. Wagen wir den neuen „Aufbruch“ (vgl. EG 27), gehen wir „raus“ und bezeugen Gottes Liebe in Wort und Tat. Denn: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“ (Bischof Jacques Gaillot).

Liebe Villenbacher, liebe Gäste aus nah und fern! Der weithin sichtbare Turm mit seiner markanten Zwiebelhaube strahlt prachtvoll ins Zusamtal hinein. Er weist nach oben; das heißt: Unsere Heimat ist im Himmel. Der Himmel ist unser Ziel. Die Kirche bietet uns Orientierung, um in den Himmel zu kommen. Als Pilgernde sind wir nicht allein unterwegs. Hören Sie aufeinander, helfen Sie sich gegenseitig und stützen Sie einander! Seien Sie für-einander da! In Ihrem Kirchenpatron, dem hl. Jakobus den Älteren, haben Sie einen starken Fürsprecher an Ihrer Seite! So kommt zum Tragen, was Paulus den Korinthern zuspricht, dass nämlich „immer mehr Menschen aufgrund der überreich gewordenen Gnade den Dank vervielfachen, Gott zur Ehre“ (2 Kor 4,15). Ihre Kirche ist erneuert ad maiorem Dei gloriam, zur größeren Ehre Gottes.