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Katechese von Bischof Bertram beim "Cantate Domino" zum 1. Advent

Betrachtungen zu den O-Antiphonen: "O Sapientia - O Weisheit"

02.12.2023 18:00

O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten – die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.5

„Die Dimension der Sehnsucht freizulegen ist die eigentliche Askese des Advents,“6 mit diesem Wort eines Schweizer Liturgiewissenschaftlers lade ich Sie ein, sich auf die behutsame Suche nach Ihren eigenen Sehnsuchtswegen zu machen. Sie mögen teils durch Enttäuschungen und – bildlich gesprochen – wie mancher Weg im Gebirge durch Hangabrutsch verschüttet sein, doch tief im Herzen tragen wir gleichsam eine Landkarte, die in unserer Jugend angelegt wurde und nach der wir unseren persönlichen Lebensweg gestalten. Vielleicht erkennen wir auch Umwege, sind dankbar, an einem Scheideweg gut abgebogen zu sein, oder bedauern, die falsche Richtung eingeschlagen zu haben. Nicht selten kommen wir Menschen an den Punkt, wo wir nicht mehr weiterwissen, weil wir das Gefühl haben, plötzlich – wie es neudeutsch heißt – im Nowhere, im weglosen Niemandsland, zu stehen. Da hilft es nicht, in Panik zu geraten oder gar alles hinzuwerfen. Denn die Vergangenheit ist mir entzogen, jetzt geht es darum, mit neuen Einsichten Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Am besten ist es, in einer solchen Situation, sich nicht nur auf die eigene Interpretation des „Warum und Wieso“ zu verlassen, sondern andere Menschen ins Vertrauen zu ziehen, die mir mit ihrer Sicht auf die Dort gibt es auch Hinweise auf die entsprechenden Lieder im Gotteslob, deren Texte leicht variieren.
Dinge einen größeren Horizont eröffnen können. Auch im Privaten gilt es lösungsorientiert zu denken. Als Christinnen und Christen ist uns gerade in Krisenzeiten die Hinwendung zu Gott und seinen Heiligen wichtig. Denn wer sollte mich besser kennen als der, dem ich mein Leben, mein Dasein verdanke? Dabei kann es tröstlich sein, sich mit jenen Betenden zu verbinden, die lange vor mir in einer ähnlichen Lage waren. So darf ich innerlich ruhig werden und mich zum Beispiel von den vertrauensvollen Worten des Psalms 121 tragen lassen:

„Ich erhebe meine Augen zu den Bergen: /
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, /
der Himmel und Erde erschaffen hat.
Er lässt deinen Fuß nicht wanken; /
dein Hüter schlummert nicht ein.
Siehe, er schlummert nicht ein /
und schläft nicht, der Hüter Israels.
Der HERR ist dein Hüter, /
der HERR gibt dir Schatten zu deiner Rechten.
Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden /
noch der Mond in der Nacht.
Der HERR behütet dich vor allem Bösen, /
er behütet dein Leben.
Der HERR behütet dein Gehen und dein Kommen /
von nun an bis in Ewigkeit.“

Namentlich nicht bekannte Gläubige wie der Verfasser dieses Psalms oder auch jener der O-Antiphonen im 7. Jahrhundert nach Christus hatten keine Scheu, Gott um Hilfe anzuflehen. Sie wussten: Selbst wenn der Weg vor uns unklar ist oder im Dunkeln liegt, der Himmel ist immer offen! Der Vater Jesu Christi, unser aller Vater, weiß um unsere Not und wird keinen im Stich lassen, der sich an ihn wendet. Durch das Gebet lässt sich auch die Angst bezähmen, die mir die Kehle zuschnürt und die Luft zum Atmen nimmt. Angst ist ja sprachlich mit „Enge“ verwandt und wir alle wissen, wie sich das im Brustkorb anfühlt!

Die im Original lateinischen O-Antiphonen sind nach dem ersten Laut benannt, der sie alle miteinander verbindet. Im Alltag entfährt uns das „O“, wenn wir überrascht, verärgert oder erschüttert sind. Wir kennen umgangssprachlich „O Gott, o Gott!“ und Kinder vielleicht auch das „Mannomann“ oder „Mannomama“, eine Verdoppelung bzw. Zusammenziehung, in der bei der Anrede des Gegenübers auch Entrüstung mitschwingen kann. Liturgisch ist das „O“ der hörbare Auftakt zum Gebet und damit zur Wendung nach oben, über den mitmenschlich-irdischen Bereich hinaus. In den adventlichen Magnifikat-Antiphonen, die jeweils am Beginn und Ende des marianischen Lobpreises stehen, werden teils menschliche Eigenschaften, teils Gegenstände in bildhaftem Vergleich mit Christus verbunden und durch die unmittelbare Anrede personifiziert. Dies gilt auch für die erste Anrufung: O Weisheit – O sapientia.

Da in den Sprachen der Bibel – wie im Deutschen – das Wort für Weisheit grammatikalisch weiblich ist, wird in der jüdischen Theologie traditionell „Frau Weisheit, die ihre Lehre als Lebensweisheit des Alltags verkündet, mit der Tora identifiziert, ist (dann auch) Gegenstand der jüdisch hellenistischen Philosophie und geht im Neuen Testament in die Vorstellung von Christus als Lehrer der Weisheit ein“, erklärt die Alttestamentlerin Christl Maier.7 Besonders anschaulich lässt sich diese Entwicklung im biblischen „Buch der Weisheit“ nachvollziehen, dessen einschlägige Passagen uns auch durch ihre Aufnahme in die Leseordnungen des Kirchenjahres vertraut sind. Dieser Text entstand in der Zeit kurz vor bzw. nach dem Auftreten des Jesus von Nazareth und atmet dadurch gewissermaßen dieselbe „Luft“ wie Jesus und seine Jünger mit den ersten christlichen Gemeinden. Eine weitere sehr bekannte Stelle zur Person gewordenen Weisheit findet sich im 8. Kapitel des Buches der Sprichwörter. Dort ermahnt sie, stellvertretend für Gott, die Menschen zur Rückkehr auf den rechten Weg: „Nun, ihr Kinder, hört auf mich! / Selig, die auf meine Wege achten.“ Die Reihe der Aufforderungen schließt mit dem wunderbaren Bild der Frau Weisheit als sympathischer Gastgeberin und kluger Ratgeberin: „Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, /ihre sieben Säulen behauen (…) sie lädt ein / auf der Höhe der Stadtburg: Wer unerfahren ist, kehre hier ein“ (Spr 9,1.3-4) – dieses Bild hat u.a. den    Architekten unseres Augsburger Priesterseminars zur Gestaltung der Seminarkapelle inspiriert.

Übrigens sollte man Weisheit nicht einfach mit Klugheit gleichsetzen. Sie wird dann allzu rasch auf die rein kognitive Intelligenz, die angeborene Fähigkeit zur Aufnahme von Informationen und deren Verknüpfung, verkürzt. Demgegenüber ist Weisheit gerade nicht die Frucht einer Anhäufung von Wissen, sondern basiert auf dem Fundament der Lebenserfahrung. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn Wissensinhalte können heute ja auch über virtuelle Medien abgefragt werden, Erfahrungen aber sind untrennbar mit dem menschlichen Leben verbunden. Daher stellte schon der Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola (1491–1556) fest: „Nicht das viele Wissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das ‚innerlich die Dinge verspüren und schmecken.‘“8

In allen Kulturen vermuten wir deshalb bei Menschen vorgerückten Alters, dass sie aufgrund eigener, oft schmerzlicher Suchbewegungen nach dem gelingenden Leben anderen als Wegweiser und Ratgeberinnen dienen können. So wird ganz natürlich der Zusammenhalt unter den Generationen gefördert und gleichzeitig bleibt im vertrauensvollen Gespräch die urmenschliche Regung der Sehnsucht präsent, die ja in der Jugend noch sehr stark ausgeprägt ist. Das „Freilegen“ der „Dimension der Sehnsucht“, vom der wir oben sprachen, kann so im Miteinander geschehen und den Dialog besonders fruchtbar, ja zu einer Sternstunde werden lassen.

Ich persönlich erinnere mich immer wieder gerne an die Gespräche, die ich als Kind mit meinem Großvater führte. Unsere Vertrautheit ging so weit, dass ich sogar seine Gehbehinderung, die er mit einem Stock auszugleichen suchte, in kindlicher Empathie nachahmte. Er war mir kleinem Knirps Vor-Bild im ganz wörtlichen Sinne, bevor ich alt genug wurde, um über die großen menschlichen Fragen mit ihm zu sprechen.

„O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten – die Welt umspannst du von einem Ende zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: o komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.“

Wer sich diese Gebetsanrufung zu eigen macht, signalisiert, dass er lernbereit ist. Das schließt immer auch die Bereitschaft ein, sich korrigieren und verbessern zu lassen, was, wie wir alle wissen, nicht ohne mühsam zu erwerbende Frustrationstoleranz – das spirituelle Wort dafür ist: Demut – möglich ist. Der „Weg der Weisheit“ setzt also unbedingt „Einsicht“ voraus und ist ohne sie nicht zu haben. Auch dann, wenn ich, was ganz natürlich ist, einige Zeit brauche, bis ich die Kränkung der Korrektur verarbeitet habe, sollte das Ziel sein, ein solches Erlebnis im Lichte meiner Beziehung zu Gott zu sehen. Der abendländische Mönchsvater, der hl. Benedikt von Nursia (480–547), dessen tiefe Menschenkenntnis immer wieder neu überraschen kann, gibt dazu in seiner Lebensregel folgenden Hinweis:

„Es kann sein, dass ein fremder Mönch von weither kommt und als Gast im Kloster bleiben möchte. Wenn er mit der Lebensweise, die er dort antrifft, zufrieden ist und nicht etwa durch übertriebene Ansprüche Verwirrung ins Kloster bringt, sondern sich ohne Umstände mit dem, was er vorfindet, begnügt, nehme man ihn auf, und er bleibe, solange er will. Sollte er in Demut und Liebe eine begründete Kritik äußern oder auf etwas aufmerksam machen, so erwäge der Abt klug, ob ihn der Herr nicht vielleicht gerade deshalb geschickt hat (RB 61,1-4).9

Wenn wir wirklich ernst machen mit dem Vertrauen, dass sich in unserem Leben nichts ereignet, was nicht zugleich auch ein Anruf Gottes an uns ist, dann ist der Hinweis des hl. Benedikt auch nach über 1.500 Jahren für jeden von uns – besonders aber für alle Verantwortungsträger:innen – ein Impuls, über den sich nachzudenken lohnt. Keiner wird leugnen, dass es Zeichen von menschlicher Reife ist, einen Fehler zuzugeben bzw. anderen einen Fehler zu verzeihen. Ja, wir sprechen in Wissenschaft und Forschung von einem Klima der Fehlerfreundlichkeit, das unbedingt notwendig sei, weil sonst keine neuen Einsichten gewonnen werden können. Doch auch im menschlichen Miteinander spornt eine wohlwollende, versöhnliche Atmosphäre zu Freimut, größerem Vertrauen und damit auch freudiger Verantwortungsübernahme an.

Die erste O-Antiphon ist, wie bereits erwähnt, eine Art Türöffner für die letzte Woche im Advent, salopp gesagt: der Countdown läuft! Weihnachten ist jetzt in Sichtweite und dafür braucht es nicht nur schön verpackte und adressierte Geschenke, einen gefüllten Kühlschrank und eine herausgeputzte Wohnung inclusive hoch gewachsenem Christbaum, sondern eben auch das hochzeitliche Gewand, von dem Jesu im Gleichnis (Mt 22,11) spricht.

Als gläubigen Menschen ist uns bewusst, der Advent – adventus heißt Ankunft –, ist die Zeit der Erwartung, jedoch nicht nur auf das jährlich wiederkehrende Weihnachtsfest, sondern der tatsächlichen Wiederkehr des auferstandenen Christus. Nur wenn wir dieser Sehnsucht Raum geben, dann entfaltet auch das bittende „O komm“ seine Wirkung und bleibt nicht gedankenlos und formelhaft. Die Christinnen und Christen der ersten Jahrhunderte sehnten sich mit der ganzen Kraft ihres Herzens nach dem Erlöser: als Sklav:innen, die vor dem Gesetz Sachen (res) und keine Menschen (homines) waren; als religiöse Minderheit im Römischen Reich, die dem Kaiser nicht göttliche Verehrung zuteilwerden ließ und damit die unerbittliche Härte des Militärapparates zu spüren bekam; als Menschen mit oft geringer Bildung, deren kurzes Leben kaum Zeit ließ für die Erkenntnis der eigenen Würde und die Reflexion über das Woher und Wohin. Demgegenüber war die befreiende Botschaft Jesu Anstoß zu einem neuen Selbstverständnis als einzigartiges geliebtes Geschöpf Gottes, zu einem Miteinander, das geprägt ist von Respekt, gegenseitiger Wertschätzung und der Förderung der jeweiligen Gnadengaben/Charismen, wie es im 1. Petrusbrief heißt: „Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! Wer redet, der rede mit den Worten, die Gott ihm gibt; wer dient, der diene aus der Kraft, die Gott verleiht. So wird in allem Gott verherrlicht durch Jesus Christus. Sein ist die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit“ (1 Petr 4,10f).

Weil wir trotz unserer Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft als Menschen immer in Gefahr sind, „Herrlichkeit“ und „Macht“ uns selbst anzumaßen statt Gottes Wirken in unserem Leben Raum zu geben, deshalb brauchen wir jedes Jahr eine Adventszeit – und schließen uns dem Flehen an: Komm, o Heiland, „komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht!“

5 Die deutsche Übersetzung ist entnommen: O-Antiphonen | Liturgisches
Lexikon | Gottesdienst (herder.de) aufgerufen am 03. 08.2023.

6 Martin Brüske, a.a.O.

7 Maier, Christl M.A., Weisheit (Personifikation) (AT), in: Das Wissenschaftliche
Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de), 2007, S. 2, http://
www.bibelwissenschaft.de/stichwort/34659/ (aufgerufen am 03.08.2023).

8 Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Nr. 2, 2-4. Nach dem spanischen Autograph übersetzt von Peter Knauer SJ, 1998, Würzburg, S. 28.

9 Zit. n. http://benediktiner.benediktiner.de/index.php/die-ordensregel-des-hl-benedikt/die-aufnahme-ordnung/die-aufnahme-fremder-moenche.html (aufgerufen 03.08.2023)