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Predigt im Pontifikalamt nach syromalabarischen Ritus anlässlich des Ulrichsjubiläums am Christkönigssonntag, 26. November, in der Basilika St. Ulrich & Afra

„Wir sind Schafe und Hirten zugleich.“

27.11.2023 09:58

Liebe Mitbrüder im Priesteramt, ist es nicht als Fügung zu sehen, dass die Kirche uns heute am Christkönigsfest Texte vorlegt, die unmittelbar unser Hirtenamt betreffen?

Die Lesung aus dem Buch Ezechiel, obwohl um die schärfsten Formulierungen gekürzt und abgeschwächt, hält allen den Spiegel vor, die ihre Macht, ihre Autorität missbrauchen oder müde und längst abgestumpft sind, statt zu reflektieren und sich ins Gewissen reden zu lassen.

Ein erschreckendes Bild der Verantwortungslosigkeit von Führungskräften entfaltet sich da: „So spricht GOTT, der Herr: Siehe, nun gehe ich gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe aus ihrer Hand zurück. Ich mache dem Weiden der Schafe ein Ende. Die Hirten sollen nicht länger sich selbst weiden: Ich rette meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen nicht länger ihr Fraß sein. Denn so spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert an dem Tag, an dem er inmitten seiner Schafe ist, die sich verirrt haben, so werde ich mich um meine Schafe kümmern und ich werde sie retten aus all den Orten, wohin sie sich am Tag des Gewölks und des Wolkendunkels zerstreut haben.“ (Ez 34,10-12) – so lautet der erste Abschnitt der Lesung als Ganzes.

Hören wir, jeder einzelne von uns, diese Stimme Gottes auch zu sich selber sprechen? Wir sind beides, Schafe und Hirten, darin liegen Gefahr und Chance zugleich. Gefahr, weil sich aufgrund unserer Priesterweihe die Dienstbereitschaft mit dem Gefühl, etwas Besseres zu sein, mischen könnte und Chance, weil wir unser Leben ganz Christus und seinem Evangelium geweiht haben – wir sind „frei für Christus“! Doch sind wir es wirklich?

Stehen wir „inmitten der Schafe, die sich verirrt haben“, als ein aufrechter Zeuge für die Gerechtigkeit und Fürsorge? Ich bitte Sie, liebe Mitbrüder, nehmen Sie dieses Kapitel aus dem Propheten Ezechiel einmal zur Grundlage für eine ganz persönliche Standortbestimmung, für das innere Gespräch mit Ihrem Gott. Sie werden sehen, es ist - wie ein Reinigungsbad - eine sehr heilsame Erfahrung! - Im Deutschen gibt es die Redewendung: jemanden den Kopf waschen, wenn man ausdrücken will, dass man ihm „die Leviten gelesen hat“, also ein deutliches Wort sprechen musste. Sicher, angenehm ist es nicht, korrigiert und wieder zurecht-gerückt zu werden. Aber wir brauchen das alle und können dankbar sein, wenn wir einen vertrauten Menschen zur Seite haben, der die Correctio fraterna an uns ausübt. Das ist ein notwendiger Dienst, auf den keiner von uns Mitbrüdern verzichten sollte.

„Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil!“, mahnte der hl. Paulus seine Lieblingsgemeinde in Philippi (Phil 2,12). Er wusste, dass es verantwortungslos ist, im Angesicht der Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren. Jetzt, am Ende des Kirchenjahres, wollen uns auch die Lesungen auf die Wiederkehr Christi und das Jüngste Gericht hinlenken. Der hl. Ulrich von Augsburg, dessen Doppeljubiläum wir gerade feiern, war von benediktinischer Askese geprägt, die ebenfalls das „Memento mori“ immer wachhielt. Auch die meisten von Ihnen sind Ordensleute und wissen aus Erfahrung: Es ist gut, sich der Vergänglichkeit irdischen Lebens bewusst zu sein. „Wirket, solange es Tag ist“, steht auf der Sonnenuhr hier an der Südseite unserer Basilika St. Ulrich und Afra. Auch dies ist, ich wiederhole mich, heilsam, denn wir wären sonst in Gefahr, den Tod zu verdrängen!

Liebe Mitbrüder aus dem indischen Kulturkreis: Jeder von Ihnen könnte stundenlang erzählen, wie der Wechsel von seiner Heimat, die für die meisten von Ihnen wohl Kerala heißt, nach Europa und Deutschland mit einer Erschütterung, einer Verunsicherung und vielleicht auch immer wieder mit einer Kränkung verbunden war. Das Andere, das Fremde ist zwar oft auch interessant, aber wenn es uns zu einer (Verhaltens-)Änderung zwingt, fühlen wir uns oft übervorteilt und wehrlos. Aktuell steht unsere Welt vor einem epochalen Umbruch: Vieles von dem, was wir als „Weltanschauung“ und „Weltbild“ gelernt und verinnerlicht haben, auch in der religiösen Erziehung und im Studium, erweist sich als einseitig und unbeständig, ja manches sogar als falsch.

Da heißt es Abschied nehmen von liebgewordenen Gewohnheiten, von festgefügten Gedankengebäuden. Denn, wie es Papst Franziskus in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium (2013) unmissverständlich formuliert: „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ (Nr. 231). Erläuternd fügt er hinzu: „Die Wirklichkeit ist etwas, das einfach existiert, die Idee wird erarbeitet. Zwischen den beiden muss ein ständiger Dialog hergestellt und so vermieden werden, dass die Idee sich schließlich von der Wirklichkeit löst. Es ist gefährlich, im Reich allein des Wortes, des Bildes (…) zu leben.“ Hand aufs Herz: Wer könnte von sich behaupten, dass für ihn diese Gefahr nicht besteht?

Als „Studierte“ haben wir uns – oft unbewusst – eine Haltung angewöhnt, die uns unangenehme Fragen vom Leib halten und uns einen höheren Status verleihen soll. Nicht selten aber hören wir dann auch auf, weiter dazuzulernen und treten daher nicht in den fruchtbaren Dialog mit der Realität, den Erkenntnissen der Biologie und Psychologie, der Soziologie und Naturwissenschaften. Ja, manchmal kann dies sogar zu einer regelrechten Realitätsblindheit führen! Und das Bild, das wir als Hirten von uns selbst haben, ist meilenweit von dem entfernt, wie uns die sehen, die uns anvertraut sind – und vielleicht, so legt es das Prophetenwort nahe, auch von dem, wie Gott uns sieht!

Damit seine Jüngerinnen und Jünger nicht einer solchen Selbsttäuschung erliegen, schildert Jesus im Gleichnis vom Jüngsten Gericht sehr plastisch und unmissverständlich die Umstände, äußeren Bedingungen der geringsten Brüder (und Schwestern), in denen er sich inkarniert: Sie sind ER.

Um diese Glaubenswahrheit zu leben, braucht man kein Studium, ja nicht einmal eine Weihe, das kann auch ein Kind – und sicher oft besser als ein Erwachsener, der nicht immer bereit ist, dem inneren Impuls zur Empathie zu folgen.

Es sind nicht die Weihe, nicht die Funktion und die äußeren Insignien, liebe Mitbrüder, auf die es im Angesicht Gottes ankommt, sondern die Rechtschaffenheit und Lauterkeit des Herzens. Danach hat der hl. Ulrich gelebt und damit uns ein Vorbild gegeben.

An Glaube, Liebe und Hoffnung werden wir gemessen, das sind die wahren Erkennungszeichen für unseren Wert vor Gott – und den Menschen. Die Hoffnung steht, wir haben es im 1. Korintherbrief gehört, in diesen winterlich-dunklen Tagen, die von Kriegsszenarien und Todesmeldungen überschattet sind, im Vordergrund. Stärken wir sie in unserem Herzen und lenken wir unseren Blick, der oft gern in das schwarze Loch der Mutlosigkeit starrt, hin zum Fixstern unseres Glaubens: Jesus Christus, „den Ersten der Entschlafenen“ und dem Sieger über den „letzten Feind“, den Tod (1 Kor 15,20.26). Er ist der König und Herr der Geschichte.