am 18. August 2024 in Vilgertshofen
„Oberammergau des Lechrains“
Lieber Wallfahrtsdirektor P. Valerian, lieber P. Fernandes, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder aus nah und fern, kaum eine Briefstelle im Neuen Testament geht einem so nahe, wie die, die wir gerade aus dem Hebräerbrief gehört haben.
Denn hier wird eine Seite des irdischen Jesus gezeigt, die wir in den Evangelien nur ansatzweise kennenlernen: „Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht. Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt.“ (Hebr 5,7-8)
Das Ineinander von Menschheit und Göttlichkeit Jesu Christi ist ein Geheimnis, das wir nicht bis ins Letzte ergründen können und gerade die frühe Kirche hat sich daran fast wundgerieben. Es bedurfte einiger Konzilien, bis man sich im Jahr 451 in Chalcedon – das ist heute ein Stadtteil von Istanbul - auf die Konsensformel des „unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar“ einigte. Jesus Christus ist „wahrer Mensch und wahrer Gott“, so bekennen wir im Großen Glaubensbekenntnis.
In Jesus Christus ist Gott uns nahegekommen: „Er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“ heißt es im Philipperbrief (Phil 2). Das ist ein Geheimnis, das wir gar nicht genug betrachten können! Zugleich hat es wohl jeder von uns schon erfahren, dass die erlebte Nähe oder Ferne Gottes sehr individuell und je nach Lebensphase auch extrem unterschiedlich sein können. Die heutigen Lesungstexte, die dem Fest Mariä Schmerzen zugrunde liegen, geben dafür beredtes Zeugnis.
Wir sind als gläubige Menschen aufgefordert, wie ich es einmal las, „dem nahen Gott das Geheimnis seiner Ferne zu lassen.“ Dies setzt einen Menschen voraus, der in unserer Welt, die von Machbarkeit, Algorithmen und künstlicher Intelligenz so fasziniert ist, dass sie beinahe sich selbst zu verlieren droht, eine Haltung wiederentdeckt, die kaum mehr praktiziert wird. Schon das Wort dafür kommt nur noch in religiösen und poetischen Texten vor: ich meine die Ehrfurcht.
Ein ehrfürchtiger Mensch weiß um das Geheimnis allen Lebens, nicht nur des Göttlichen. Er achtet wie der heilige Franz von Assisi oder auch der evangelische Theologe und Arzt Albert Schweitzer das Leben an sich, weil er verstanden hat, dass nichts für sich bestehen kann, sondern alles mit allem in Beziehung steht. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ – Dies drückt die Ehrfurcht vor dem Leben aus, wie es der Urwaldarzt von Lambarene verstand. Er hat damit auch für jene Menschen eine Brücke zum Göttlichen geschlagen, denen Religion, das heißt Rückbindung an Gott, unbekannt oder fremd geworden ist.[1]
Ehrfurcht ist das Herz der Liebe. Wie sollen zwischenmenschliche Beziehungen gelingen und auf Dauer angelegt sein, wenn die Liebenden nicht mehr um das Geheimnis des anderen wissen und es achten? Wie kann sich der Mensch die Erde nutzbar machen, wenn er die Natur und Umwelt nicht als Schöpfung und Eigentum eines Höheren anerkennt?
Hier in der Wallfahrtskirche sehen wir die Passion Jesu anschaulich dargestellt; sie ist damals wie heute ein furchtbares Zeichen dessen, wozu der Mensch fähig ist, wenn er die Ehrfurcht verloren hat. Es ist schrecklich, was ein Mensch dem anderen antun kann, wenn er sein Geheimnis mit Füßen tritt.
- Nehmen wir als Beispiel die Dornenkrönung, die über uns dargestellt ist. Mit ihr verhöhnen die römischen Soldaten den zum Tod Verurteilten, sie treiben ihren Spott mit ihm. Weil ihnen Jesus mit Haut und Haar ausgeliefert ist, können sie ihrer entmenschlichten Phantasie freien Lauf lassen. Solches Verhalten ist leider nicht nur Geschichte, sondern bis heute furchtbare Gegenwart in vielen Gefängnissen und Folterkellern unserer Welt. Als Christen wissen wir: In jedem Menschen, dem Gewalt angetan wird, wird Jesus erneut gekreuzigt. Denn unser Herr solidarisiert sich nicht nur mit den Leidenden, sondern identifiziert sich ganz und gar mit ihnen – zu allen Zeiten bis zum Ende der Welt (vgl. Mt 25).
- Im großen Fresko über dem Mittelschiff ist dargestellt, was wir soeben im Evangelium in kurzen Versen hörten: Jesus gibt seinem Jünger eine Mutter und seiner Mutter einen zweiten Sohn – er stiftet also Gemeinschaft zwischen denen, die im Glauben an seine Gottessohnschaft einander seelenverwandt geworden sind. Machen wir uns bewusst, dass dies eine Zeichenhandlung ist, die auch uns gilt. Wir sind einander von Christus her geschenkt. Als Gläubige in der Pfarreiengemeinschaft Vilgertshofen-Stoffen sind wir Menschen, die in Christus miteinander verwandt sind. Kann man uns das anmerken, verhalten wir uns so, wie wir bei jedem Gottesdienst angesprochen werden, als „Brüder und Schwestern“, Geschwister Jesu Christi? Vielleicht kann das heutige Fest und vor allem die Stumme Prozession, in der uns die Passion Jesu so plastisch vor Augen geführt wird, dabei helfen, dies wieder neu zu üben! Heute sehen wir ein Passionsspiel. Für mich ist Vilgertshofen das Oberammergau des Lechrains.
- Und ein drittes: Wer hierher zum Gnadenbild kommt, hat das Vertrauen, im Blick auf die Schmerzensmutter Trost und Hilfe zu erfahren, ja vielleicht gibt es auch einige unter uns, deren Vertrauen so groß ist, dass sie ein Wunder erhoffen.
Auch am blutigen Kreuz hat Gott ein Wunder gewirkt, allerdings ganz anders als es die Anhänger Jesu erwarteten. Gottes Wege sind nicht die Wege der Menschen - das kann eine einschneidende und sehr schmerzhafte Erfahrung sein! Erinnern wir uns an den Hebräerbrief: „Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt.“ – Lernen durch Leiden? Ist das nicht schwarze Pädagogik und unbedingt zu vermeiden?
Sicher, wir Menschen suchen das Leiden nicht und wer es dennoch tut, der gerät schnell in die Nähe des Krankhaften. Doch Mitleiden mit Christus und Leiden um seinetwillen, das lehrt uns die Schmerzensmutter mit ihrem toten Sohn im Schoß. Auch sie musste „dem nahen Gott das Geheimnis seiner Ferne lassen“. Das Kind, das sie geboren und aufgezogen hatte, das ihr lieb und teuer war, folgte seinem göttlichen Auftrag und wurde nicht nur am Ende seines Lebens der eigenen Mutter fremd.
Was alle Eltern erleben, wenn die Kinder erwachsen und flügge werden, das wurde für die Muttergottes zu einer schweren Prüfung. Doch sie hielt stand, harrte unter dem Kreuz aus und suchte die Nähe ihres leidenden Sohnes. Keines seiner letzten Worte sollte ihr verloren gehen!
Im größten Schmerz ist sie uns Vorbild an Zuversicht. Ja, Sie haben richtig gehört: Maria hatte den Mut und das unbeirrbare Vertrauen zur Zuversicht in der ganz ursprünglichen Wortbedeutung als „Vertrauen in die Zukunft“. Sie glaubte an die Verheißung, die ihr einst der Engel Gabriel mitgeteilt hatte, und blieb ausgerichtet auf den Willen Gottes, auch dann, als sie ihn nicht mehr verstand. Sie schaute nach oben und war unablässig im Gebet für und zu ihrem Sohn. Noch zur Zeit des heiligen Bischof Ulrich um das Jahr 1000 drückte das Wort Zuversicht dies ganz konkret aus, denn es bedeutete „ehrfurchtsvolles Aufschauen und Hoffen“!
Lassen wir uns also davon anregen, es der Muttergottes und dem Lieblingsjünger Johannes nachzutun: Schauen wir mutig auf zum Gekreuzigten und erhoffen wir uns auch für uns ganz persönlich ein Wort, das uns weiterhilft, einen Fingerzeig des Höchsten, der uns nicht verzweifeln, sondern vertrauen lässt!
[1] Vgl. Albert Schweitzers Ehrfurcht vor dem Leben (albert-schweitzer-stiftung.de), aufgerufen am 29.7.2024.