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Vortrag von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Jahreskonferenz der Edith-Stein-Gesellschaft-Deutschland in Augsburg

Schlaglichter auf den Stand der Ökumene

24.04.2026 09:18

Das Anliegen der Begegnung und des Dialogs durchtränkt das Leben und Denken Edith Steins, der späteren Schwester Theresia Benedicta vom Kreuz. Als Brückenbauerin zwischen Philosophie und Theologie, Judentum und Christentum, Theorie und Praxis inspiriert und fasziniert diese mutige Frau all jene, die sich für eine Einheit mit starken geistigen Fundamenten, aber auch greifbaren praktischen Ergebnissen einsetzen. Mit der Kraft ihres Denkens und Zeugnisses für das Evangelium ermutigt sie die leider noch immer getrennten Christen dazu, einander näher zu kommen.

Mein Vortrag will einen Überblick zentraler Aspekte des ökumenischen Dialogs aus römisch-katholischer Perspektive anbieten, freilich ohne Anspruch auf Vollständigkeit. In welcher Phase befindet sich der Versuch, die Einheit der Kirche wiederherzustellen? Welche Fragen beschäftigen die Kirchen in ihren Beziehungen zueinander? Wo liegen Hindernisse? Ausgehend von ökume­nischen Impulsen der letzten beiden Päpste werde ich kurz die Dialogprozesse betrachten, die die römisch-katholische Kirche mit der orthodoxen und der protestantischen Welt führt. Mit Blick auf die Zukunft werde ich Themen stichwortartig benennen, deren ökumenische Relevanz immer mehr wächst. 

I. Römisch-katholische Kirche und Ökumene im Übergang zwischen zwei Pontifikaten

In diesen Tagen jährt sich der Tod von Papst Franziskus, dessen Beitrag zum Dialog der Kirchen sich im Wort „Herzlichkeit“ zusammenfassen lässt – in seiner Sorge um das menschliche Gesicht der Ökumene. Der argentinische Pontifex hinterließ nicht nur Texte voller mutiger ökumenischer Impulse, sondern arbeitete auch systematisch am Aufbau von Vertrauensbeziehungen zu einem sehr breiten Spektrum christlicher Traditionen. Ohne die Integrität des Glaubens zu relativieren, stellte er in den ökumenischen Beziehungen das pastorale und persönliche Kriterium in den Vordergrund.

Papst Franziskus zögerte nicht, auch Beziehungen zu schwierigen Gesprächs­partnern zu pflegen. Er empfing sie in Rom, ging sie besuchen oder traf sich mit ihnen an dritten Orten – von Vertretern des sogenannten „charismatischen Christentums“ bis hin zum Moskauer Patriarchen Kyrill. Im Dialog muss man die eigene Komfortzone verlassen: daran erinnert uns sein Beispiel.

Zentrale Themen seines Pontifikats – wie die Anklage gegen Armut, das Anliegen sozialer Gerechtigkeit und der Respekt vor der Umwelt – fanden Resonanz in der gesamten christlichen Welt. Nicht zufällig wurde während seiner Amtszeit aus anderen Konfessionen die Stimme laut, der Papst könne eine Rolle als „Sprecher des Christentums“ einnehmen. Die schwierige Frage nach der Rolle des Papstes in der Ökumene wurde in einem vatikanischen Dokument („Der Bischof von Rom“) beschrieben, das ein ökumenisches Vermächtnis von Franziskus darstellt und die Grundlage legt für eine frucht­bare Weiterarbeit am Thema des Primats.

Sein Nachfolger, Papst Leo XIV., betont mit einem neuen Stil die Kontinuität zu zentralen Anliegen seines Vorgängers. Bereits zu Beginn seiner Amtszeit hat er sich deutlich für die Ökumene ausgesprochen.[1] Seine Ausrichtung auf die Förderung der Synodalität, die eine klare ökumenische Bedeutung besitzt, lässt hoffen, dass die römisch-katholische Kirche unter seinem Pontifikat weitere solide Schritte in Richtung Dialog machen wird.

 

II. Der Dialog mit der orthodoxen Welt: Theologische Nähe und historische Herausforderungen

Der durch das Zweite Vatikanische Konzil eingeleitete Paradigmenwechsel in der römisch-katholischen Wahrnehmung anderer christlicher Traditionen gab dem Dialog mit der Orthodoxie – sowohl der byzantinisch-chalkedonischen als auch der vorchalkedonischen Tradition – starken Auftrieb.

Seit der Aufhebung der gegenseitigen Bannflüche zwischen Rom und Konstantinopel (1965) hat sich der Dialog mit der östlichen Orthodoxie als sehr fruchtbar erwiesen. Eine Reihe gemeinsamer ekklesiologischer Texte – etwa zur Bedeutung der Eucharistie und zur Rolle des Bischofs – bezeugen die große bestehende theologische Nähe. Zugleich offenbart der gemeinsame Weg aber auch kulturelle Unterschiede und historische Wunden, die noch nicht verheilt sind.

Die römisch-katholische Kirche hat aus diesem Dialog wichtige Impulse für das Verständnis der Synodalität gewonnen, die ein zentrales Element ortho­doxer Ekklesiologie ist. Umgekehrt wurden die Kirchen des Ostens zum Nachdenken über die Bedeutung des Primats angeregt. Gerade dieses Thema steht in engem Zusammenhang mit der Krise, die die Orthodoxie seit fast einem Jahrzehnt prägt, ausgelöst durch die Debatte über die Autokephalie der Kirche der Ukraine. Der Konflikt zwischen Moskau und Konstantinopel erschwert die innerorthodoxe Kommunikation. Die weltweite Orthodoxie kann folglich heutzutage nicht mit einer einheitlichen Stimme im ökumenischen Dialog sprechen.

Die Lage hat sich durch die Haltung der Führung der Russischen Orthodoxen Kirche zum Krieg gegen die Ukraine weiter verschärft. Der Versuch einer theologischen Rechtfertigung durch Patriarch Kyrill – teilweise mit stark antiwestlicher Rhetorik – hat die christliche Welt nicht nur entfremdet, sondern vielmehr schockiert.

Unter diesen Umständen waren die Begegnungen von Papst Leo XIV. mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios in Rom, Nizäa und Konstantinopel sowie ihre gemeinsame Erklärung vom November letzten Jahres besonders hoffnungsvolle Ereignisse. Durch den Dialog mit der Orthodoxie treten wir in Kontakt mit tief verwurzelten christlichen Traditionen, die heute beginnen, sich fruchtbar mit den Herausforderungen der Moderne auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, den eingeschlagenen Weg trotz aller Hindernisse fortzusetzen.

Bedeutsam ist auch die Beziehung der römisch-katholischen Kirche zu den altorientalischen Kirchen, die durch ihre Zurückhaltung gegenüber dem Konzil von Chalkedon (451) verbunden sind. Beim Jubiläum des Ersten Ökumenischen Konzils (Nizäa 325) wurde erneut die christologische Nähe deutlich, ebenso wie der Wert ihres Zeugnisses für das heutige Christentum, da sie sehr alte Traditionen bewahren, die aus geschichtlichen Gründen für große Teile der Christenheit jahrzehntelag unsichtbar blieben.

Die Schwierigkeiten des Dialogs mit den altorientalischen Kirchen hängen mit den historischen Herausforderungen zusammen, denen sie heute gegenüber­stehen. Die koptische und die syrisch-orthodoxe Kirche waren insbesondere in den letzten Jahren einem sehr starken Druck durch den Islamismus ausgesetzt. Das Drama in Syrien, das natürlich nicht nur die Christen betrifft, ist weltweit bekannt. Weniger bekannt ist der Bürgerkrieg in Äthiopien, von dem auch die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche nicht unberührt geblieben ist. Die harte Diktatur in Eritrea hat ebenfalls bittere Folgen für die orthodoxe Kirche des Landes.

In Armenien findet ein scharfer Konflikt zwischen der Führung der Regierung und derjenigen der Kirche statt, der zu einer tiefen Spaltung der armenischen Gesellschaft sowie der Armenischen Apostolischen Kirche selbst führt. Auch die Kirchen der indischen Tradition sehen sich mit einer Regierung konfron­tiert, deren Ideologie der Hindu-Nationalismus ist, mit allen Konsequenzen, die dies für die Rechte der Christen in der indischen Gesellschaft mit sich bringt. Die Schwierigkeiten, mit denen die orientalischen Kirchen konfrontiert sind, machen die Fortsetzung des Dialogs mit ihnen umso notwendiger – auch als Ausdruck christlicher Solidarität.

Der Dialog mit der orthodoxen Welt hat in den letzten Jahren durch die Veröffentlichung des vatikanischen Dokuments „Fiducia supplicans“ einen Rückschlag erlitten. Die Koptische Kirche hat sogar die Entscheidung getroffen, ihre Teilnahme am offiziellen Dialog mit der römisch-katholischen Kirche auszusetzen. Die Kommunikationsbrücken sind jedoch nicht abgebro­chen worden, und Bedenken konnten gemildert werden. Mit seinen Besuchen in der Türkei und im Libanon hat Papst Leo wiederholt seinen tiefen Respekt für das Zeugnis der altorientalischen Kirchen zum Ausdruck gebracht.

 

III. Der Dialog mit der protestantischen Welt: Gemeinsames Zeugnis und Sorgen um die Einheit

Auch der Dialog mit der protestantischen Welt wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil stark gefördert. Trotz wesentlicher Unterschiede in der Ekklesiologie zeigt sich, dass die Gemeinsamkeiten zwischen der römisch-katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen überwiegen.

Ein zentrales Beispiel ist die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungs­lehre“, die 1999 in Augsburg unterzeichnet wurde und als einer der wichtigsten Erträge des ökumenischen Dialogs gilt.

Besonders in Deutschland und Nordeuropa ist die Zusammenarbeit zwischen katholischer und protestantischer Seite heute selbstverständlich. Die Feier des Reformationsjubiläums von 2017 als Christusfest zeigte den Willen, kon­fessionelle Grenzen zu überwinden und gemeinsam Verantwortung für das christliche Zeugnis in einer zunehmend säkularisierten Welt zu übernehmen.

Natürlich darf die Vielfalt des Protestantismus und die Herausforderungen, denen er gegenübersteht, nicht vergessen werden. Themen wie die Ordination von Frauen oder die Haltung gegenüber der Homosexualität betreffen nicht nur die katholisch–evangelischen Beziehungen, sondern werden auch zu Anlässen für starke Spannungen, ja sogar schmerzhafte Spaltungen innerhalb des Protestantismus.

Die Entwicklungen der letzten Jahre in der Evangelisch-methodistischen Kirche und noch mehr in der Anglikanischen Gemeinschaft sind dramatisch und machen sowohl theologische als auch kulturelle Unterschiede sichtbar, die kaum überbrückbar erscheinen. Je mehr sich die Spaltungen vermehren, desto größer wird jedoch auch die Verantwortung für die Wiederherstellung der Einheit und die Notwendigkeit gemeinsamer Anstrengungen zur Heilung der Konflikte.

Augsburg wird aufgrund des Jubiläums der Confessio Augustana, das an das Jahr 1530 erinnert, erneut weltweit ins Zentrum des Dialogs mit dem Protes­tantismus rücken. Hier wird unter anderem die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes stattfinden. Das Jubiläum wird Anlass geben, sich an den theologischen und historischen Kontext des Bekenntnisses zu erinnern, vor allem aber darüber nachzudenken, wie die gemeinsame Zukunft von Katholiken und Lutheranern – oder weiter gefasst: von Protestanten – gestaltet werden kann. Wie kann man den Wert der Themen, die das Bekenntnis in der Sprache seiner Zeit behandelt, in einer Welt vermitteln, die größtenteils nicht mehr christlich ist? Welche ökumenische Hermeneutik können wir entwickeln, um zentrale Texte der christlichen Geschichte gemeinsam und versöhnlich zu verstehen? Wie können wir eine ökumenische Kultur fördern, die Raum für Unterschiede lässt und Spaltungen möglichst verhindert, ohne jedoch die christliche Wahrheit zu relativieren? Der Begriff der „versöhnten Verschie­denheit“ besitzt eine Dynamik, die noch nicht vollständig ausgeschöpft ist.

Wenn ich von den evangelischen Gemeinschaften spreche, kann ich die evangelischen Freikirchen nicht außer Acht lassen; der Dialog hat zur Auflösung jahrhundertealter Missverständnisse und zu Prozessen der Versöhnung geführt. Besonders erwähnen möchte ich das Täuferjubiläum, das letztes Jahr begann und heuer besonders in Augsburg gefeiert wird. Die Freikirchen erinnern uns an den Wert der bewussten, auf persönlicher Entscheidung beruhenden Nachfolge Christi. Der Einsatz moderner Mittel im Gottesdienst lässt uns über neue Wege nachdenken, damit die Botschaft des Evangeliums die jüngeren Generationen erreicht.

In den letzten Jahren hat die Annäherung auf verschiedenen Ebenen an den Bereich der Evangelikalen sehr bedeutende Früchte getragen. Mit Blick auf unser Land denke ich insbesondere an die Annäherung zwischen der ACK in Deutschland und der Evangelischen Allianz.

Zugleich sind im evangelikalen Spektrum weltweit auch besorgniserregende Entwicklungen zu beobachten: ein aggressiver Antiökumenismus und Biblizismus, die Versprechungen des sogenannten Wohlstandsevangeliums, eine theologische Aufwertung des Nationalismus sowie äußerst konservative Auffassungen, die nur wenig mit der Freiheit zu tun haben, die das Evangelium schenkt.

 

IV. Themen des Dialogs: Blick in die Zukunft

Welche Themen werden den theologischen Dialog in den kommenden Jahren beschäftigen? Diese Frage kann ich mit einer Leseempfehlung beantworten: Lesen Sie die soeben erschienene revidierte Charta Oecumenica, die sich mit zentralen Themen befasst, welche die Ökumene – aus der Perspektive der Selbstverpflichtung der Kirchen Europas – prägen, um nicht nur bei Worten zu bleiben, sondern praktisch in einem breiten Spektrum von Bereichen zusam­menzuarbeiten, damit die Sache der christlichen Einheit vorankommt.

Über diese Anregung hinaus möchte ich jedoch – ganz knapp – Ihre Aufmerksamkeit auf einige für die ökumenische Bemühung gewichtige Begriffe lenken:

Christozentrik: Als Motto hat Papst Leo den augustinischen Satz „In illo uno unum“ (In dem, der eins ist, sind wir eins) gewählt, der zugleich auch ein ökumenisches Programm darstellt. Christus ist Maßstab, Zentrum und Ziel der Ökumene. Wir streben nach Einheit, weil wir nur vereint ihm wirklich nahe sein können. Und nur indem wir Jesus Christus wirklich nahe sind, können wir einander nahe sein.

Katholizität: Die Kirche richtet sich an alle, sie lädt alle ein. „Todos, todos, todos“, wie Papst Franziskus es häufig wiederholte. Wie können innerhalb der Kirche und der Kirchen die Stimmen nicht nur der Nichtordinierten, sondern auch der Frauen, der Schwachen und der Minderheiten Gehör finden? Wie können ihre Gaben wirksamer genutzt werden? Wie verhalten sich Vielfalt und Einheit in der Kirche zueinander? Die Diskussion über Synodalität hat große ökumenische Bedeutung, die untrennbar mit der Frage nach der Rolle des Primats in der Kirche und in der Gemeinschaft der Kirchen verbunden ist.

Ethik: Die ethische Betrachtung der Sexualität, aber auch Fragen zum Anfang und Ende des Lebens oder zur künstlichen Intelligenz werden die ökumenische Diskussion auch in Zukunft beschäftigen. Wie können Räume geschaffen werden, in denen Menschen darüber sprechen können, ohne dass Spaltungen entstehen? Wie kann die Kultur des Zuhörens, die im Katholizismus in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der Diskussion über Synodalität eingeübt wird, zu diesem Gespräch beitragen? Wie können wir die Einflüsse des jeweiligen kulturellen Kontextes auf unsere Theologie tiefer erkennen, ohne jedoch die eigentliche theologische Argumentation, die jede Position trägt, voreilig zu relativieren?

Prophetie: Angesichts der Bedrohung durch totalitäre Ideologien, die auch Religionen für ihre Ziele instrumentalisieren wollen, ist es wichtig, dass die ökumenische Bewegung in Richtung eines prophetischen Ökumenismus arbeitet. Christen müssen mit einer Stimme gegen Ungerechtigkeit, Ausbeu­tung, Krieg und ökologische Zerstörung sprechen. Nur gemeinsam sind wir glaubwürdig.***

Ein Vortrag über Ökumene im Rahmen einer Edith-Stein-Tagung kann nur mit der Erinnerung schließen, dass Ökumene gelebte Realität ist. Sie betrifft uns alle. Das Bemühen um die Einheit ist Aufgabe des ganzen Volkes Gottes. Unser gesamtes Leben soll Zeugnis ökumenischer Offenheit sein.

Viele Menschen aus verschiedenen Kirchen mussten ihre Treue zum Evangelium mit dem Preis ihres Lebens bezahlen. Papst Franziskus sprach in diesem Kontext oft von der „Ökumene des Blutes“, die konfessionelle Mauern überwindet und daran erinnert, dass Leid, Verantwortung und Hoffnung allen Christen gemeinsam sind. Angesichts der weltweiten Verfolgung unserer Glaubensgeschwister ist dieser Gedanke heute besonders aktuell. Edith Stein gehört zu einer Wolke von Märtyrern verschiedener christlicher Traditionen, die bezeugt haben, dass Christus die Zukunft ist, die Angst und Tod überwindet und zur Einheit ruft. Bitten wir den Herrn, dass er uns auf die Fürbitte der heiligen Theresia Benedikta vom Kreuz in unserem ökumenischen Einsatz stärke

[1] Ansprache des Heiligen Vaters an die Vertreter anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften und anderer Religionen, Sala Clementina, 19. Mai 2025, https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/speeches/2025/may/documents/20250519-altre-religioni.html