Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum Sebastianifest in Landsberg

„Statt Schalmeienklänge klare Kante für das Evangelium!“

23.01.2022 12:07

Fürchtet euch nicht! Vor wenigen Wochen klang diese biblische Ermutigung noch ganz anders. „Fürchtet euch nicht!“ Das sagte der Engel zu den Hirten bei Bethlehem und wir waren – trotz Corona – in entsprechend festlich-gefühlvoller Stimmung. „Fürchtet euch nicht!“

Heute sagt das kein Engel, sondern Jesus selbst: dreimal zu seinen Jüngern. Wem tut eine solche Aufmunterung nicht gut, wenn er sie nicht nur an die Jünger von damals, sondern ganz persönlich an sich gerichtet hören darf! Fürchte dich nicht! Besonders wird ein solcher Satz den anrühren, der etwas Besonderes fürchtet oder überhaupt mit Lebensangst zu kämpfen hat. Fürchte dich nicht! Dieses Wort kann Balsam sein für eine verängstigte, aufgeschreckte und furchtsame Seele.

Ob diese Ermutigung nicht gerade uns Christen heute gesagt ist? Ich denke an die ca. 100 Millionen Christen auf der Welt, die allen Grund haben, sich zu fürchten: von Diskriminierung in der eigenen Heimat angefangen bis zum Verlust von Arbeit und Eigentum reicht die Bedrohung. Nicht wenige Christen werden benachteiligt, bedrängt und ums Leben gebracht. Verfolgungen sind wir, Gott sei Dank, in unseren Breiten nicht ausgesetzt. Wir dürfen unseren Glauben leben, ungefährdet und ungeniert - noch! Bei offiziellen Anlässen ist hierzulande in der Regel auch ein Beitrag der Kirchen erbeten. In vielerlei Weise gehört der Segen mit Grußwort der Kirchenvertreter bei unseren Festlichkeiten noch dazu. Auch Imame werden mittlerweile eingebunden: Tendenz steigend. Sind Gesten der Religionen mehr als schmückendes Beiwerk?

Fürchtet euch nicht! Dieses Thema ist auch bei uns aktuell.

Furcht – wenn ich mich am Arbeitsplatz ständig so bedeckt halte, dass ich mit meiner Glaubensüberzeugung ja bei niemandem anecke.

Furcht – wenn ich im Gespräch mit Freunden und Kollegen meinen christlichen Standpunkt nicht einbringe und offenlasse, um es mir mit keinem zu verderben. Aber aufgepasst: Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht mehr ganz dicht!

Furcht – wenn ich in der Familie um des lieben Friedens willen den Besuch des Gottesdienstes und das Engagement in karitativen Anliegen ganz unterlasse.

Furcht – wenn ich in der Pfarrgemeinde, am Arbeitsplatz, im privaten Umfeld keine Courage habe, um Jesu willen für die einzutreten, die keine Lobby haben, und gegen den Strom zu schwimmen, weil ein paar Meinungsführer(innen) schon einen anderen Kurs ausgegeben haben.

Wir sind also ertappt. Unser Verhalten als Christen ist nicht angstfrei; manche Masche, mit der wir unser Lebensmuster stricken, ist besetzt von Furcht. Öffentlich tragen wir weder Kopftücher noch Turbane, maximal ein Kreuz auf dem Revers oder als Schmuckstück am Hals; vom Äußeren allein erkennt man uns nicht, wobei Äußerlichkeiten bekanntlich nur wenig über das Innere eines Menschen sagen. Vermitteln wir nicht oft den Eindruck: Wir Christen fürchten uns? Wir meiden das Statement, das Bekenntnis mit Konsequenz. Gerade jetzt sind überzeugte und überzeugende Christen gefragt: keine Schlaftabletten, sondern Vitaminspritzen für die Gesellschaft. Wir sind weder Opium für ein aufgewühltes Volk noch Beruhigungsmittel für aufgescheuchte Seelen; vielmehr sollen wir unsere Zeitgenossen in heilsame Unruhe versetzen. Klare Kante braucht die Kirche. Sie hat nicht den Auftrag, Schalmeienklänge universaler Harmonie zu predigen, sondern Ernst und Freude am Evangelium! Gerade jetzt ist vielen von uns die Angst auf die Pelle gerückt. Sebastian ist u.a. Patron gegen die Pest - den schwarzen Tod, der sich einst in Wellen durch unsere Heimat, auch die Stadt Landsberg, wälzte. Die Pest von damals heißt heute Corona. So ist in dieser Pandemiezeit der hl. Sebastian hochaktuell. Er ist ein Fürsprecher in den Nöten unserer Stadt. Seit 1402 wird er von den Bürgern hier groß gefeiert. Auf einem Deckenfresko in dieser prächtigen Stadtpfarrkirche sehen wir Sebastian, wie er mit einem Schild den Zorn Gottes von der Stadt abhält.

Der hl. Sebastian ist aber nicht nur Pestpatron, er ist vor allem Glaubenszeuge, Märtyrer. Gerade jetzt wird uns das hautnah bewusst. Corona lässt uns Christen in den Spiegel der Wahrheit schauen. Ja, die Kirche(n) selbst werden in Frage gestellt: Wozu braucht man uns? Welche Rolle haben wir in der multireligiösen Gesellschaft, die auch in Landsberg Einzug gehalten hat? Sind wir mit unserer Botschaft und den Angeboten, die wir den Menschen machen, systemrelevant? Um es klar zu sagen: In den sozial-caritativen Einrichtungen, die wir tragen, halte ich uns für systemrelevant. Und in vielem, was wir unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern sonst noch bieten, sind wir lebens-, sogar überlebensrelevant. Mehr noch: Wir sind existenzrelevant. Denn wir machen ein Angebot, das über das Irdische hinausreicht: Wir Christen halten den Himmel offen. Wenn wir von der Erde reden, eine menschlichere Welt gestalten wollen, dann treibt uns der Glaube, dass der Himmel offensteht. Umgekehrt gilt: Wenn wir vom Himmel reden, stehen wir mit beiden Beinen auf der Erde. Ich meine: Unser Leben ist verflacht; der Gottesdienst oft zu glatt und oberflächlich. Manche Predigten sind plätschernde Plaudereinen, mit wenig Biss und kaum noch Trost. Mehr Tiefgang braucht die Kirche. Das erwarten die Leute von uns. Wir dürfen sie nicht enttäuschen. Das ist unser Kerngeschäft, nicht die Bürokratie. Zur Natur des Menschen zählt seine religiöse Antenne. Dass diese besondere Antenne gerade jetzt, auch in der Kirche, oft vernachlässigt wird, halte ich für grob fahrlässig. Denn was nützt es uns, wenn wir körperlich unversehrt bleiben, aber die Seele Schaden nimmt? Ich stelle fest, dass gerade in der Pandemie immer mehr Leute, auch Jugendliche, seelisch krank werden. Der Rückzug in die digitale Welt, die Verlagerung der Kontakte ins Virtuelle, Videokonferenzen und Internetkanäle haben vielen nicht gutgetan. Es hat geschadet, Vereinzelung und Vereinsamung gefördert und trägt dazu bei, dass sich „Blasen“ bilden, in die wir uns einigeln. Leider ist der Umgangston im Netz nicht immer zimperlich. Zu Hass und Hetze führt oft nur ein Klick. Hüten wir uns vor digitalen Brandstiftern! Lassen wir uns nicht mitreißen vom Sog der Wortgewalt, die im Netz um sich greift.  

Fürchtet euch nicht! Jesus meint uns: Verkriech dich nicht in deiner Angst! Lass dir den Schneid nicht abkaufen! Wenn du zu meinen Jüngern gehören willst, dann darf sich das nicht nur abspielen in der Sakristei, in deiner guten Stube, in der Kammer deines Herzens. Es geht also darum, dass sich der Glaube nach außen klappt, dass wir ihm unser Gesicht geben, Hand und Fuß.

Hinter der Angst, die uns Christen bewegt, steht wohl auch ein massiver Glaubensschwund. Manchmal frage ich mich: Warum sollten Christen in Europa den Islam fürchten, wäre ihr Glaube lebendiger? Eine echte Stärkung der eigenen Identität erfolgt nicht durch Ablehnung des anderen und Fremden, sondern durch Vertiefung und Verlebendigung des Eigenen. Wie Recht doch Peter Scholl-Latour (1924-2014) hatte mit seiner These: „Ich fürchte weniger die Stärke des Islam als vielmehr die Schwäche des Christentums.“

Fürchtet euch nicht! Dieses Wort bekommt Ernst und Tiefe, wenn wir es in den Zusammenhang stellen, in den es Jesus gesprochen hat. Er hat erfahren, dass die Kunde vom Reich Gottes nicht nur Applaus hervorruft. Es gibt auch Widerstand und Protest. Des Evangeliums wegen wurde Jesus nicht nur aufs Kreuz gelegt, auf sein Wort hin wurde er darauf sogar festgenagelt. Bis heute werden in vielen Teilen der Erde Jesu Jünger belächelt und veräppelt, benachteiligt, bedroht und verfolgt, gefoltert und ermordet. Da kann es einem angst und bang werden. Messerscharf ist die Analyse, die Roland Freisler, der Vorsitzende des Volksgerichtshofes, vor dem angeklagten Alfred Delp SJ herausbrüllte: „Was Sie und uns verbindet, das ist, dass wir beide den ganzen Menschen wollen.“ Der brutale Jurist Freisler, vom ehemaligen Kommunisten zum fanatischen Nazi mutiert, hat damit sogar Recht. Jesus Christus will nicht nur einen Teil von uns, er will den ganzen Menschen. Es gibt Ideologien, die das nicht ertragen können. Sie wollen jeden und alles total bestimmen: Totalitarismus in vielen Facetten. Jesus hält entgegen: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele ins Verderben stürzen kann.“

Wir dürfen unsere Seele nicht verlieren. Oft reden wir von der Seele. Wenn wir uns etwas von der Seele reden können, fühlen wir uns erleichtert. Gerade jetzt brauchen die Menschen Nahrung für die Seele. Die Gesundheit des Leibes ist wichtig – ohne Zweifel. Aber sie ist nicht alles. Unsere Mitmenschen brauchen Seelennahrung, Brot fürs Herz. Sonst kann es sein, dass sie körperlich gesund bleiben, aber seelisch krank werden. Das sollten wir verhindern helfen. Gerade die Kirche darf ihr Seelenleben nicht vergessen. Sonst wird sie ein seelenloser Apparat. Wir werden nur punkten, wenn wir uns wieder auf unser Kerngeschäft besinnen: die Seelsorge; dann gehört die Seele in die Mitte unseres Mühens. Ein alter Pfarrer hat bei seinem Priesterjubiläum den zahlreichen Wegbegleitern und Mitarbeitern gedankt: „Ich habe versucht, den Leib Christi in der Gemeinde, die mir anvertraut war, zu beseelen.“ – Wir brauchen nicht alles selbst machen, unser Wert besteht nicht allein im Funktionieren und Organisieren, es geht vor allem darum zu beseelen: dem Raum, den wir bewohnen, eine Seele zu geben.

Fürchtet euch nicht! Wichtig ist, dass eure Seele keinen Schaden nimmt. Das legt auch Pater Alfred Delp seinem Patenkind Alfred Sebastian ans Herz, dem er am 23. Januar 1945, heute vor 77 Jahren, schreibt: „Lieber Alfred Sebastian, als große Freude und Ermunterung erhielt ich heute die Nachricht von deiner Geburt. Ich habe dir gleich mit meinen gebundenen Händen einen kräftigen Segen geschickt, und da ich nicht weiß, ob ich dich im Leben je sehen werde, will ich dir diesen Brief schreiben, von dem ich aber auch nicht weiß, ob er je zu dir kommen wird. Du hast dir für den Anfang deines Lebens eine harte Zeit ausgesucht. Aber das macht nichts. Ein guter Kerl wird mit allem fertig. Du hast gute Eltern, die werden dich schon lehren, wie man die Dinge anpackt und meistert. (…) Ja, mein Lieber, ich möchte deinem Namen auch noch eine Last, ein Erbe hinzufügen. Du trägst ja auch meinen Namen. Und ich möchte, dass du das verstehst, was ich gewollt habe, wenn wir uns nicht richtig kennen lernen sollten in diesem Leben; das war der Sinn, den ich meinem Leben setzte, besser, der ihm gesetzt wurde: die Rühmung und Anbetung Gottes vermehren; helfen, dass die Menschen nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit leben und Menschen sein können. Ich wollte helfen und will helfen, einen Ausweg zu finden aus der großen Not, in die wir Menschen geraten sind und in der wir das Recht verloren (haben), Menschen zu sein. Nur der Anbetende, der Liebende, der nach Gottes Ordnung Lebende, ist Mensch und ist frei und lebensfähig. (…) Es segne und führe dich der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“ Dein Patenonkel Alfred Delp.