Steigbügel für das Wirken des Heiligen Geistes
Liebe Schwestern und Brüder, wir sind auf der Zielgeraden. Ein Jahr lang haben wir uns vom hl. Ulrich begleiten lassen. Eine Vielzahl an Gottesdiensten, Veranstaltungen und Aktionen hat uns das Lebens- und Glaubenszeugnis dieses Heiligen neu in Erinnerung gerufen.
Was Ulrich in den 50 Jahren als Bischof bewirkt hat, darüber können wir staunen. Seine Zeit war geprägt von materieller Not und religiöser Dürre. So kümmerte er sich um Kranke und linderte die Not der Armen. Er sorgte für eine solide Ausbildung der Priester und baute die von den Ungarn zerstörten Kirchen wieder auf. Das Evangelium Jesu Christi war ihm Richtschnur für sein Wirken, kurz: Er diente Gott und den Menschen; er verkündete das Evangelium in Wort und Tat. Er pflegte keine „Couch-Pastoral“! Will heißen: Er wartete nicht darauf, bis die Menschen zu ihm kommen. Vielmehr suchte er die Begegnung mit ihnen, er reiste viel in seinem Bistum umher. Der Hirt kannte seine Schafe. Richtschnur und Quelle war ihm für sein Leben und Wirken zeitlebens das stete Gebet und das Vertrauen in Gottes Beistand. Die Lebensbeschreibung des hl. Ulrich erzählt eindrücklich, wie er auf Reisen die Zeit auf dem Ochsenkarren mit dem Beten des Psalters zubrachte.
Nehmen wir Maß an diesem heiligen Mann Gottes. Seien wir wie Ulrich zuerst authentische und glaubwürdige Zeugen Jesu Christi. Die gegenwärtige Zeit braucht überzeugende Christinnen und Christen, keine stummen Wegweiser, keine kalten Verwalter des Glaubens. Rechtgläubigkeit verkünden ist das eine, Glaubwürdigkeit vorleben das andere. Nehmen Sie als pastoral Mitarbeitende die Menschen vor Ort in den Pfarreien ernst. Das sage ich weniger als Kritik denn als Ermunterung! Seien Sie als Hauptamtliche offen für die Ideen und das Engagement der Ehrenamtlichen; unterstützen Sie diese beim gemeinsamen Kirche-Sein. Seien wir uns bewusst: Aus der Übereignung an Gott durch Weihe oder Gelübde resultiert keine herausgehobene Rolle, kein Machtanspruch gegenüber den Gläubigen. Ordensleute, Priester und pastorale Mitarbeiter sind nicht „die Macher der Kirche“, sondern „dienendes Werkzeug Gottes“, wenn man so will: „Steigbügel“ für das Wirken des Heiligen Geistes!
Hand aufs Herz: Können wir unseren Glauben ins Wort bringen? Oder bleiben wir lieber stumm? Wir wollen mündige Christen sein, doch habe ich den Eindruck, dass wir oft sprachunmündig sind. Ich wünsche uns die Sprachfähigkeit, über den Glauben zu reden. Über Glauben und Religiosität zu sprechen, ist nicht exklusiv – etwas für auserwählte Expertinnen und Experten. Zugleich haben gerade Priester und Ordensleute eine spezielle Verantwortung in der Begleitung von Glaubenden sowie in der Begegnung mit (religiös) suchenden Menschen. Das setzt eine eigene lebendige Gottesbeziehung und eine stete Weiterbildung voraus, um empathisch und professionell zu agieren.
Igeln wir uns als Kirche nicht ein, verschanzen wir uns nicht wie in einem Elfenbeinturm! Die Türen der Kirche sind, wie es Papst Franziskus immer wieder betont, offen für alle. Das Liebesangebot Gottes gilt allen Menschen. Diese Offerte allen anzubieten, ist vordringlicher Auftrag von Kirche! Ziehen wir uns nicht wie in ein Schneckenhaus zurück, sondern zeigen wir als Christinnen und Christen klare Kante.
Es wäre verfrüht, jetzt schon ein Resümee des Jubiläumsjahres zu ziehen. Ich war und bin jedoch überrascht, wieviel Kreativität sich unter dem Leitwort „Mit dem Ohr des Herzens“ entfalten konnte, das uns wie ein Fixstern in diesem Jubiläumsjahr begleitete. Unter diesem Motto übten wir uns im Bistum ein im Hören auf Gott, aufeinander und die Anrufe unserer Zeit. So waren und sind wir als „Weggemeinschaft der Glaubenden“ unterwegs.
Für die Zukunft der Kirche von Augsburg wird vieles davon abhängen, ob wir zu einem guten Verständnis finden zwischen Amtsträgern und Gemeinden, zwischen haupt- und ehrenamtlichen Männern und Frauen, zwischen Bischof, Weltpriestern, Diakonen und Ordensangehörigen, zwischen Gruppierungen und Strömungen. Ich habe keine Angst vor der Vielfalt und den damit möglicherweise einhergehenden Konflikten und Spannungen, wenn nur der einende Blick auf Jesus Christus, unsere Mitte, gewahrt bleibt!
Die aktuellen Diskussionen um strukturelle Veränderungen in der Kirche in Deutschland wie auch im Bistum Augsburg haben Sinn, damit wir nicht stehenbleiben, sondern in Zeiten der Transformation unserem Auftrag nachkommen. Dabei muss es vordringlich um eine Profilierung kirchlicher Angebote gehen. Die Kirche soll sich geistlich erneuern. Wo die sakramentale Struktur der katholischen Kirche verwässert wird, droht sie unterzugehen.
Die Sakramente begleiten und vertiefen unsere Beziehung zu Gott, sie stehen an wichtigen Wegmarken. Im priesterlichen Dienst wird die Mission Jesu Christi über die Zeiten hinweg bis zu seiner Wiederkunft authentisch fortgesetzt und das Liebesangebot Gottes an uns Menschen vermittelt. So steht für mich fest: Eine priesterlose Kirche ist nicht mehr katholisch. Nochmal: Kirche lebt von der Vielfalt ihrer Berufungen und Charismen. Wie es der Theologe Johann Adam Möhler treffend in seiner Abhandlung über die Kirche formulierte: „Es muss … weder einer noch jeder alles sein wollen; alles können nur alle sein, und die Einheit aller nur ein ganzes. Das ist die Idee der katholischen Kirche.“[1]
So ermutige ich Sie zum Gebet um glaubwürdige Menschen, die sich von Gott in einen besonderen Dienst der Nachfolge Christi rufen lassen. Denn: In ihnen findet die Kirche Leben und Halt! Auf die Fürsprache des hl. Ulrich möge Gott seinen Segen dazu geben.
[1] Johann Adam Möhler: Die Einheit der Kirche oder Das Prinzip des Katholizismus, 1825, zuletzt 1957, S. 237.