Das Haus Simeon als Himmelspforte
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Familie Heigl, liebe Schwestern und Brüder im Vertrauen auf den Gott, der uns Leben und Heimat ist, beim Hören dieser Lesungstexte wird mir jetzt im Hochsommer ganz weihnachtlich zumute – vielleicht geht es Ihnen genauso: Da sehe ich den Boten, von dem der Prophet Maleachi spricht, leichtfüßig von weitem auf die Stadt zulaufen, seine frohe Kunde trifft auf offene und bereite Herzen. Ersehnte Veränderung wird Wirklichkeit – aber dann fast unvermittelt die ernste, fast erschreckte Frage: „Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint?“ (Mal 3,2). Das erinnert an das Kinderspiel, bei dem die Mitspielenden aus voller Kehle alle Angst verneinen, dann jedoch der Ruf „Und wenn er aber kommt?“ bei allen ein plötzliches Auseinanderstieben in alle Richtungen auslöst.
Was ersehnen wir und wovor haben wir Angst? Sind das nicht zwei Parallelen, die sich im Unendlichen treffen? Wenn Simeon im Tempel das kleine unscheinbare Kind ärmlicher Eltern als „Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel“ preist, dann weckt dies in uns die stille Hoffnung, dass auch wir einst mit unseren Augen sehen dürfen, „was“, wie der Apostel sagt, „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, [nämlich] was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9). Und im gleichen Augenblick wird uns bewusst: Dies ist nur möglich, wenn wir unsere irdischen Augen für immer geschlossen haben. Eine Begegnung mit dem Ewigen, mit unserem Schöpfer und Herrn, mit dem Christus, dem wir nachgefolgt, ja dem wir Priester unser Leben geweiht haben – eine solche Begegnung ist ohne den Tod nicht zu haben!
Das weiß auch der alte Simeon, den Sie, liebe Familie Heigl, sehr bewusst zum Patron dieses Hauses für Priester im Ruhestand ausgesucht haben. Doch ohne an Altersdepression zu leiden ist Simeon gelassen und – überglücklich, dass er das Kommen des Erlösers in dessen kleinen Anfängen noch sehen durfte. Er ist von ganzem Herzen bereit, zu gehen und die Welt hinter sich zu lassen. Welch ein Vorbild für uns, die Verkünder der Frohen Botschaft und Ausspender der Sakramente des Heils!
Das Evangelium aus der Kindheitsgeschichte Jesu stellt uns einen Mann und eine Frau vor Augen, die geistbegabt den Heilsplan Gottes erkennen und ihn mutig und unerschrocken vor allen bezeugen. Es sind Menschen, die, wie wir an der sprechenden Biografie der Prophetin Hanna sehen, nicht auf der Sonnenseite des Lebens standen und verschont blieben von den Stürmen des Schicksals – nein, sie haben sich gegen Überdruss, Niedergeschlagenheit, Gottesanklage und Verzweiflung zur Wehr gesetzt, wie Hiob nicht den fragwürdigen Freunden und Wohlmeinenden Gehör geschenkt, sondern ausgeharrt und sich standhaft erwiesen in der Versuchung, alles hinzuschmeißen und Gott den Rücken zu kehren.
Liebe ältere Mitbrüder,
wenn ihr euch nun dieses Haus, diese Kapelle und den Altar, den wir heute weihen, vertraut macht und, was ich euch wünsche, zu einer Gemeinschaft in Christus zusammenwachst, dann denkt daran, was Simeon und Hanna vorleben: die Ausrichtung der schwächer werdenden Augen nach dem Licht, das wärmt und erhellt, die Öffnung des dumpfer werdenden Ohres nach der leisen, aber beglückenden Botschaft der Liebe Gottes und das Atmen in Seiner Gegenwart.
Dieses Seniorenheim für Priester ist nicht so sehr letzte Station des Lebens als vielmehr „Porta Coeli“, eine Himmelspforte - ein Obergemach der Gemeinschaft mit Christus, der uns alle mit herzlicher Stimme einlädt: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus!“ (Mk 6,31). Immer wieder findet Jesus Raum zum persönlichen Gespräch mit seinen Jüngern; im vertrauten Kreis pflegt er eine Sprache, die nicht hemmt, sondern heilt, die nicht mit Gericht droht, sondern Frieden und Freiheit verspricht. Es ist die Sprache von Freunden: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15,15). Solche Worte kann man nicht von den Dächern rufen, sondern nur im kleinen Kreis verbreiten, wenn eine Atmosphäre der Vertrautheit herrscht. Ein solcher Satz passt nur ins Obergemach!
Erst recht gilt dies für das Zwiegespräch mit Gott: dafür hat sicher jeder von euch einen Ort, der ihm lieb ist, wo vielleicht Bilder, kleine Erinnerungszeichen, das Kreuz und die Bibel den Blick und das Herz zur Ruhe kommen lassen. Damit unser Gebet lebendig bleibt, damit es immer mehr ein fruchtbarer gott-menschlicher Dialog wird, müssen wir für uns selbst ein unsichtbares Türschild mit der Aufschrift schaffen: „Zurzeit keine Sprechstunde: Zurückgezogen ins Obergemach.“ Auch unser Herr im Tabernakel freut sich über Besuch und das lebendige Ewige Licht ist tröstliches Zeichen dafür. Vielleicht darf man hier später auch eine Kerze anzünden, ohne Sorge zu haben, dass sie vergessen wird und Schaden anrichtet.
So wie jede unserer Wohnungen einen ganz persönlichen Bereich, eine Klausur hat, so brauchen wir Zeiten und Räume, geistliche „Obergemächer“, die nur Gott und uns vorbehalten sind. Das ist in der aktiven Seelsorgerzeit wichtig, um nicht auszubrennen, doch auch im Ruhestand sollte man diesen Schutzraum nicht unterschätzen. Wer sich Zeit für die innere Sammlung nimmt, spürt vielleicht, dass es wieder einmal angeraten ist, dem Menschen, der für mich Liebensdienste tut, einkauft und sonstige Aufträge erfüllt, oder der Pflegekraft, die mich umsorgt, „Vergelt’s Gott“ zu sagen und sich darin zu üben, nichts selbstverständlich zu nehmen. Auch Anteil zu nehmen an der geschäftigen Welt und ihren Sorgen ist ein nicht zu unterschätzender Dienst an der unsichtbaren Kirche, damit sie wächst und sich tief in Gott verwurzelt.
Wir alle kennen doch jenes geflügelte Wort von Reinhold Schneider aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs: „Allein den Betern kann es noch gelingen…“ – Auch heute brauchen wir dringend das Gebet, brauchen wir Menschen wie Simeon und Hanna, die sich im Tempel aufhalten, bewusst die Nähe Gottes, des Allerheiligsten suchen und ihm alles hinhalten, was durch Sünde und Schuld verwundet ist. Die Gemeinden in Ephesus und Kolossä mahnt der Völkerapostel fast mit denselben Worten: „Nutzt die Zeit, denn die Tage sind böse.“ (Eph 5,16) und „Seid weise im Umgang mit den Außenstehenden, nutzt die Zeit!“ (Kol 4,5)
Ja, liebe Mitbrüder, die Ihr hier in Zukunft wohnen werdet: ich bin euch jetzt schon dankbar für euer beharrliches Gebet, mit dem Ihr in unserem Bistum den Himmel offenhaltet – und ich danke Familie Heigl und allen, die an der Realisation dieser wunderbar fürsorglichen Idee mitgewirkt haben, ein Heim zu schaffen für Priester, die im Dienste Christi alt und gebrechlich geworden sind.
Legen wir diesen Dank und alle Anliegen, die wir im Herzen tragen, jetzt auf den Altar, den wir durch die Weihe aus dem profanen Alltag herausnehmen und Christus überantworten, so wie er derzeit unsere Seele von dieser Welt in seine Herrlichkeit geleiten wird.