Verkünde das Wort – wider die Fabeleien
Lieber Herr Posselt, liebe Schwestern und Brüder, eine bei vielen Menschen zu beobachtende Eigenheit des Älterwerdens ist es, dass man öfter über das Leben und seinen Sinn nachdenkt. Frauen und Männer reflektieren dann vermehrt über vergangene Entscheidungen, unerfüllte Träume oder wie es wohl weitergeht. Manche sehen eine Herausforderung darin, sich mit Vergangenem zu versöhnen. Andere verspüren den Wunsch, ihre Erfahrungen an die jüngeren Generationen weiterzugeben.
Ich weiß nicht, ob Ihr 70. Geburtstag auch für Sie, lieber Herr Posselt, einen Punkt darstellt, an dem Sie sich solche Fragen stellen. Doch möchte ich Sie und uns alle ermutigen, der Zukunft optimistisch entgegenzugehen. Als Christen haben wir allen Grund dazu, trotz mancher Probleme nicht in Angst und Unsicherheit zu verfallen, weil wir darauf vertrauen, dass der Herr uns auch in diesen Tagen nicht allein lässt, sondern mit seinem Heiligen Geist begleitet. Es geht darum, uns diesem Geist zu öffnen und in uns wirken zu lassen, denn er will uns Mut machen und dabei helfen, sorgfältig zu unterscheiden, was gut und was nicht gut ist. Dies gilt für uns persönlich, aber auch gesellschaftlich.
Die heutigen Tageslesungen machen dazu einige sehr konkrete Aussagen, und ich möchte Ihnen daran anknüpfend zwei Gedanken anbieten, die um die Frage kreisen, welchen Stimmen wir in unserem Innersten Raum geben, weil dies meiner festen Überzeugung nach entscheidenden Einfluss darauf hat, ob unser Leben im Sinne Gottes gelingt.
1. Wider die Fabeleien
Ich beginne mit den unheilvollen Stimmen. Wir haben vorhin einen Abschnitt aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an Timotheus gehört, in dem der große Völkermissionar vor der Gefahr warnt, sich gewissen „Fabeleien“ (2 Tim 4,4) zuzuwenden. Damit meinte er in erster Linie falsche Lehren über Gott und die Kirche. Aus heutiger Sicht aber könnten wir darunter auch falsche Narrative verstehen, denen viele unserer Mitbürger derzeit verfallen. Ich denke z. B. an die Erzählung von der sogenannten Erneuerung des christlichen Abendlandes, die einhergeht mit einem in vielen europäischen Ländern wieder aufkommenden völkischen Nationalismus. Offenbar wecken die großen Transformationsprozesse unserer Zeit bei nicht wenigen Leuten den Wunsch nach stärkerer Autorität und Volksidentität statt einer freiheitlichen Demokratie und vielfältigen Gesellschaft. Im Gegensatz zu jenen politischen Kräften, die diese Stimmung befeuern und einzelne Gruppen gegeneinander aufhetzen, will der Geist Gottes Menschen zusammenführen und Spaltungen überwinden. Wir alle sind als Christinnen und Christen an dieser Stelle berufen mitzuhelfen, den Parolen des Hasses die Frohe Botschaft Gottes entgegenzusetzen und uns aktiv für den gesellschaftlichen Frieden einzusetzen. Paulus sagt dazu sehr klar: „Verkünde das Wort, tritt auf, ob gelegen oder ungelegen, überführe, weise zurecht, ermahne, in aller Geduld und Belehrung!“ (2 Tim 4,2)
Sie, lieber Herr Posselt, sind dieser Berufung an vielen Stationen Ihres Lebens gerecht geworden. Ob als Abgeordneter im Europäischen Parlament, als Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, als Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft oder im Kuratorium des Forums deutscher Katholiken haben Sie sich stets für friedlichen Dialog und Versöhnung ausgesprochen. Ein besonderes Verdienst sehe ich in Ihrem journalistischen und politischen Eintreten gegen nationalistische Bewegungen aller Art und für ein vielfältiges Europa, in dem auch regionale Kulturen und Minderheiten geschützt werden. Dies ist umso wichtiger, da wir feststellen müssen, dass immer mehr Menschen den „Fabeleien“ von Populisten und anderen „Heilsverkündern“ folgen, die davon leben, Ängste zu schüren und einzelne Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzustacheln.
Um es klar zu sagen: Wir müssen die dahinter liegenden Sorgen durchaus ernst nehmen und dürfen auch Probleme in unserem Land und in Europa nicht kleinreden. Doch will ich nochmal deutlich unterstreichen: Dem Geist und der christlichen Prägung Europas entspricht es, sich einerseits eigener Sorgen und Interessen anzunehmen, sie aber andererseits in Dialog und Partnerschaft im gemeinsamen kontinentalen und globalen Miteinander zu übersteigen und Lösungen für alle zu erarbeiten. Ein Zurück zu „-ismen“ wie Nationalismen, Autokratismen, Rassismen, Populismen, Egoismen usw. ist unvereinbar mit den gemeinsam getragenen Werten von Menschenwürde und Solidarität. Christliche Weltanschauung und Glaube stehen als transzendente Wertegaranten im Dienst von Wohlstand und friedlicher Völkergemeinschaft. Ein Europa der Strukturen und Institutionen ohne diesen tragenden und belebenden Geist würde kraft- und ziellos werden.
Damit spannt sich der Bogen zu meinem zweiten Gedanken aus:
2. Verkünde das Wort
Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus die Menschen sieht. Da sind die Schriftgelehrten, die gerne die Ehrensitze einnehmen und vom Volk gesehen werden wollen, gleichzeitig aber völlig unsozial handeln (vgl. Mk 12,38ff.). Der Inbegriff von Scheinheiligkeit! Dem gegenüber steht die Witwe, die noch ihren letzten Groschen für die Armen gibt und von Jesus als heiligmäßiges Vorbild dargestellt wird (vgl. Mk 12,42ff.).
Dies kann uns allen, die wir heute in dieser prachtvollen Kirche St. Michael, mitten im Zentrum der Landeshauptstadt, versammelt sind, den Spiegel vorhalten. Fragen wir uns also: Entspricht unser Handeln immer den Worten unserer Verkündigung? Verkörpern wir in unseren verschiedenen Ämtern und Diensten glaubwürdig eine gewisse Demut und Fürsorge auch gegenüber anderen? Je höher der Rang, desto größer ist unsere Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.
Auch in diesem Punkt haben Sie, Herr Posselt, wichtige Zeichen gesetzt, insofern Sie sich über viele Jahre haupt- und ehrenamtlich engagierten für ethnische Minderheiten und Flüchtlinge. Uns beide verbindet ja der Umstand, dass Ihr Vater und meine Mutter aus dem (ehemaligen) Sudetenland stammten und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Leid der Vertreibung erfahren mussten. Damals wie heute zeigt sich wahres Christsein auch darin, Menschen in Not zu sehen und die Stimme Gottes in den Rufen derjenigen zu hören, die uns um Hilfe bitten. Vergessen wir dabei niemals die Worte Jesu: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)
Lieber Herr Posselt, Sie haben in Ihren siebzig Lebensjahren vieles getan, was dem katholisch-christlichen Glauben entspricht. Dafür will ich Ihnen persönlich danken und „Vergelt’s Gott“ sagen. Mögen auch die kommenden Jahre eine Zeit sein, in der Sie „mit dem Ohr des Herzens“ auf die Stimme Gottes und Ihrer Mitmenschen hören, wie es unser Augsburger Bistumspatron, der heilige Ulrich, einst lehrte, und zugleich weiterhin die Stimme erheben für Völkerverständigung und Versöhnung.
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und Gottes Segen!