„Wie eine Live-Schalte nach Jerusalem“
Liebe Schwestern und Brüder! Vielleicht waren im Jahr 2003 einige von Ihnen dabei – damals habe ich als Mitglied des Domkapitels die Wiedereröffnung dieser Kirche mit Ihnen gefeiert. Heute bin ich Bischof und meist gibt es einen besonderen Anlass, wenn ich in eine Pfarrei komme und der Messe vorstehe.
In diesem Gottesdienst wird der Ambo gesegnet und der Altar geweiht. Wir sagen dazu auch „Tisch des Wortes“ und „Tisch des Brotes“ - zwei Tische also, auch wenn der Ambo mehr wie ein Rednerpult aussieht. Wir sehen es am Material und an der Gestaltung – sie gehören zusammen und sie sind wertvoll. An dieser Stelle sage ich allen Vergelt´s Gott, die von der Planung bis zur Fertigstellung daran beteiligt waren, dass Ambo und Altar heute hier stehen. Ich finde, das Werk ist gelungen und wir dürfen uns heute freuen, dass wir Ambo und Altar an dem Platz sehen, für den sie bestimmt sind.
Wir alle haben Tische zu Hause: Esstische, Schreibtische, Nachttische… auch sie dienen je einem ganz bestimmten Zweck. Aber ich bin mir sicher – die sind nicht gesegnet. Warum also schenken wir diesen Tischen heute so eine große Aufmerksamkeit?
Der Ambo war gerade schon im Einsatz und es sind kleine bedeutsame Worte, die uns darauf hinweisen, wofür er da ist: „Wort des lebendigen Gottes“ sagen die Lektorinnen und Lektoren nach den Lesungen; „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“ – so wird die Frohe Botschaft von Diakonen und Priestern verkündet, die uns durch Matthäus, Markus, Lukas und Johannes überliefert ist. Es ist nichts, was sich jemand hier von Ihnen ausgedacht hat, sondern wir glauben: all das ist Wort Gottes. Er spricht zu uns - durch die unterschiedlichsten Texte der Bibel. Im Evangelium, das den Höhepunkt der Wortgottesfeier bildet, erfahren wir aus dem Leben Jesu, so wie es uns von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes überliefert ist. Hinzukommen die zahlreichen Briefe im Neuen Testament an die neu entstehenden Gemeinden, die das Christsein eben erst erlernen. Der Hebräerbrief gehört sicher zur schwereren Kost; aber auch wenn uns die kulturell-religiösen Hintergründe der ersten Christen teils fremd sind, so können wir doch viel von ihnen lernen. Und schließlich - ich habe die Reihenfolge rückwärts begonnen – haben wir in der Ersten Lesung von Jakobs Traum erfahren. Es ist eine von vielen Erzählungen des Alten Testaments, die uns oft in einer anschaulichen Bildwelt vor Augen führt, dass Gott mit seinem Volk Geschichte schreiben wollte! Das kleine Israel – an der Seite Gottes kam es ganz groß raus. Jakob gehört zu den Urvätern unseres Glaubens und ich werde ihm in wenigen Minuten etwas gleichtun: er nahm den Stein und goss Öl darauf (vgl. Gen 28,18); so wurde es uns vorgelesen. Ähnliches passiert bei unserer Altarweihe heute. Der Altar wird mit Chrisam gesalbt und damit zum Zeichen für Christus selbst.
Ambo und Altar sind Orte der Gottesbegegnung. Eine solche hatte Jakob nämlich in seinem nächtlichen Traum, und es hat ihn dazu veranlasst, ein Heiligtum zu gründen – einen Bereich auf Erden, der allein Gott vorbehalten ist. Die ersten Christen hatten noch keine Kirchen – der Hebräerbrief, der in jener Zeit verfasst wurde, betont, dass unsere einzige Sicherheit in Christus liegt und das nur bei ihm die wahre und letztgültige Heimat ist. Das ist bis heute richtig, und trotzdem glaube ich, es ist gut, dass wir unsere Kirchen haben. Sie sind das sichtbare Zeichen unseres Glaubens – und solche Zeichen sind gerade heute Gold wert - inmitten einer Gesellschaft, in der die Bedeutung unseres kirchlichen Glaubens eine rasante Talfahrt erlebt hat. Wir brauchen Orte, die Raum für Gott schaffen, wo wir den Glauben mit allen Sinnen begreifen können.
Gottes Worte sind immer gültig – auch wenn die Texte schon alt sind. Inhalt und Sinn bleiben aktuell. Im Besondern gilt das für die Worte Jesu aus dem heutigen Evangelium. Sie sind uns wohlvertraut. In jeder Eucharistiefeier spricht der Priester jene Worte, die Jesus im Abendmahlssaal vor seinen Jüngern gesprochen hat. So wird er im Zeichen des Brotes leibhaftig gegenwärtig. Es ist nicht Magie oder Zauberei, die in unseren Gotteshäusern geschieht, sondern der Auftrag Jesu, den er seiner Kirche mitgegeben hat.
Schauen wir nochmal auf den Patriarchen Jakob. In seinem Traum sieht er eine Treppe, die von der Erde bis in den Himmel reicht, und Gott selbst sichert ihm reichen Segen zu. Die Szene ereignet sich auf der Flucht; Jakob hatte einiges auf dem Kerbholz und ist daher wohl umso verwunderter über die nächtliche Gottesbegegnung. Sie geschieht unverdient. Im Hebräerbrief fiel das Stichwort des Opfers. In der Umwelt der ersten Christen war die Vorstellung noch weit verbreitet, dass man sich Gott oder die Götterwelt durch Opfer gnädig stimmen muss. Im Christentum braucht es keine Tieropfer. Das, was auf dem Altar geschieht, ist die neue Himmelsleiter, die uns zum Vater führt. Sie ist nicht vom Menschen erbaut, sondern Gott hat sie errichtet. Der Sohn ist selbst die Stufen herabgestiegen, um unsere Vergehen und Lasten ans Kreuz zu binden. Jesus Christus hat sich mit Leib und Seele, mit Haut und Haar für uns hingegeben; nach ihm kann kein größeres Opfer mehr kommen. Wenn wir Eucharistie feiern, dann ist das nicht einfach eine Erinnerung an Jesu Leiden, Tod und Auferstehung. Es ist viel mehr: wenn wir uns um den Altar versammeln, dann wird das, was Jesus getan hat, für unser Leben Wirklichkeit. Wir sind live mit dabei – die Eucharistiefeier ist wie eine Live-Schalte nach Jerusalem vor 2000 Jahren. Durch das Erlösungswerk Jesu Christi haben wir Zugang zum Vater im Heiligen Geist. Er nimmt uns die Himmelstreppe mit hinauf.
Auf eine letzte Besonderheit, die den Altar betrifft, möchte ich noch hinweisen: bei der Weihe werden in den Altar Reliquien von Heiligen beigesetzt. In unserem Fall befinden sich Reliquien der hl. Agatha und des hl. Severin in der Truhe. Ihre Pfarrei in Hofstetten ist also mit der ganzen Kirche verbunden. Werfen wir einen kurzen Blick auf die genannten Heiligen. Bei Agatha handelt es sich um eine Märtyrerin aus dem 3. Jahrhundert; ein gekränkter Verehrer ertrug die Abweisung der jungen Frau nicht, die ihr Leben ganz auf Gott ausrichtete, und ließ ihr schlimme Qualen zufügen, die schließlich zum Tod führten. Auf Grund ihrer erlittenen Folter wird sie von Frauen bei Brusterkrankungen angerufen. Sie gilt als Schutzpatronin gegen Feuer, Viehseuchen und Erdbeben. Liebe Gläubige der Pfarrei St. Michael, sie sehen von hier aus wird mitgesorgt, dass es der Landwirtschaft und den Dorfbewohnern gut geht!
Unterstützung für Volk und Land erhalten wir auch vom hl. Severin als Schutzpatron Bayerns. Er war ein großer Verehrer des Patriarchen Jakob und hat noch am Sterbebett von ihm gesprochen. Auch Severin sorgte dafür, dass Gott auf der Erde Raum gewinnt: er gründete mehrere Klöster, besorgte Lebensmittel und Kleidung für die Bevölkerung und konnte mit hohen Würdenträgern verhandeln, ohne dass er selbst je ein Amt bekleidete. Als Mönch des 5. Jahrhunderts lebte er, als die Völkerwanderungen in vollem Gange waren; vielleicht kann man sich die Zeit für die Menschen damals ähnlich turbulent vorstellen, wie es auch die unsere in meinen Augen ist. Severin wusste, worauf er seinen Fokus richten musste, und hat die Nöte vieler Zeitgenossen lindern können.
Die vielfältigen Anliegen, in denen Menschen durch die Anrufung der Heiligen schon Trost und Hilfe erfahren haben, erden das himmlische Geschehen am Altar. Auch wenn Agatha und Severin lange vor uns gelebt haben, ihre Knochen sind noch da, Beweis ihrer Existenz und der jahrhundertelangen Verehrung. Auf ihre Fürsprache dürfen wir bauen. Wir glauben nicht an Märchen, sondern an einen Gott, der es liebt, dort zu sein, wo wir Menschen sind. Durch die Altarweihe und die Segnung des Ambos rückt es neu in unser Bewusstsein. Gottes Gegenwart auf dieser Erde ist wahr und wirkungsvoll – auch im Jahr 2026, im ganz gewöhnlichen Alltag hier in Hofstetten.
Schriftlesungen: Gen 28,11-18; Hebr 13,8-15; Mk 14,12-16.22-25