Zur Freiheit hat Gott uns befreit
Lieber Herr Pfarrer Sarapak, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pfarreiengemeinschaft, liebe Schwestern und Brüder aus Fremdingen und Umgebung, auch wenn wir hier in der größeren Galluskirche die heilige Eucharistie feiern, so haben wir doch gerade die Lesungen vom Fest des hl. Leonhard gehört und begehen heute das Patrozinium ihrer altehrwürdigen Leonhardskapelle. Dieser heilige Mönch aus Limoges in Frankreich ist es auch, den Sie seit 1959 im Fremdinger Ortswappen tragen und damit Ihre Gemeinde unter seinen besonderen Schutz gestellt haben.
Als Nothelfer und Viehpatron hat Leonhard in früheren Jahrhunderten große Verehrung genossen und gehört daher zu jenen Heiligen, deren Kirchen und Patrozinien sich wie eine Perlenschnur durch ganz Europa ziehen. Nur zwei Charakteristika sind von dem fränkischen Königssohn aus dem 6. Jahrhundert überliefert: Einmal, dass er ein außergewöhnliches Mitgefühl für Gefangene besaß und für sie wirksame Fürsprache einlegte, und zum Zweiten, dass er seiner Sehnsucht, Gott im Verborgenen zu dienen, trotz des Angebots der Bischofswürde bis zum Lebensende treu blieb und als Eremit und Klostergründer starb.
Was kann uns dieser Leonhard von Limoges oder auch Noblat, wie er nach dem Ort seines Grabes vor allem in Frankreich bekannt ist, heute sagen?
„Wir sind Gefangene“, so lautete der Titel des 1927 erschienenen autobiographischen Romans von Oskar Maria Graf (1894-1967), der als neuntes von elf Kindern in Berg am Starnberger See eine entbehrungsreiche Kindheit erlebte und die Zeit vom Niedergang des Kaiserreiches, den Schrecken des Ersten Weltkrieges und der Revolution bis zur Etablierung der Weimarer Republik aus der Perspektive der Arbeiter und Kleinbürger schilderte.
„Ich bin ein Gefangener“ – jede und jeder von uns hat wohl schon Situationen erlebt, in denen man sich unwillkürlich mit einem solchen Ausruf Luft macht! Wir sind gefangen im Hamsterrad der täglichen Arbeit oder empfinden uns als Gefangene der sozialen Verhältnisse, in die wir hineingeboren wurden. Manche leiden unter dem eigenen Körper, der nicht mehr so funktioniert, wie man es sich wünscht, oder bereuen, bestimmte Lebensentscheidungen getroffen zu haben und Bindungen eingegangen zu sein, die gar nicht mehr oder nur schwer rückgängig zu machen sind. Gefangen zu sein macht hilflos und wütend. Wer schon einmal in einem Aufzug eingeschlossen war, weiß, wieviel Geduld und Gelassenheit nötig ist, um die Befreiung durch die Feuerwehr abzuwarten – selbst dann, wenn man darüber informiert ist, dass sie ganz sicher kommt!
Wir Menschen brauchen die Freiheit wie die Luft zum Atmen. Allerdings ist im Gegensatz zum selbstverständlichen Luftholen der Umgang mit Freiheit nicht angeboren, sondern muss erlernt werden, oft weniger in der Schule und durch gute Ratschläge als vielmehr durch Versuch und Irrtum. Die Wahrheit des Sprichworts „Aus Schaden wird man klug“ erfahren wir dann schmerzlich am eigenen Leib.
Ganz ähnlich erging es, wie wir gerade gehört haben, dem Zeltmacher Saulus von Tarsus, der nach seinem, ihn buchstäblich umwerfenden Damaskuserlebnis in einer 180 Grad-Wende fortan das Evangelium vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus verkündete. Sein eigenes Leben diente ihm dabei immer wieder als Beispiel, wie man es gerade nicht machen sollte. Denn in seinem jugendlichen Fanatismus hatte er sich durch die Verfolgung und Ermordung der ersten Christen so schwer schuldig gemacht, dass nur eine radikale Umkehr ihm überhaupt wieder Glaubwürdigkeit verschaffen konnte: „(…) was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten. Ja noch mehr: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm erfunden zu werden. Nicht meine Gerechtigkeit will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt aufgrund des Glaubens.“ (Phil 3,7-9)
„Wir sind Gefangene“ – ja, wir alle bedürfen der Befreiung, der Erlösung! Ganz gleich ob wir unter Schuld, Krankheit, unter Suchtproblemen, einem Doppelleben oder trostloser Einsamkeit leiden, oder aber unter einer latenten Unzufriedenheit und Undankbarkeit, die uns das Leben vergällt.
Warum fällt es uns oft so schwer, andere um Hilfe, um Beistand und Unterstützung zu bitten? Wo wir doch immer wieder die Erfahrung machen, dass „geteiltes Leid halbes Leid“ ist und uns schon ein Gespräch mit einem empathischen Gegenüber Erleichterung verschafft!?
Ja, wir Menschen wollen frei und unabhängig sein, aber das heißt nicht, dass wir überhaupt niemanden brauchen. Im Gegenteil: Wenn ich mir und meinen Angehörigen, einem Freund oder meinen Mitarbeitenden sagen kann, wie dankbar ich für sie bin, dann erst bin ich frei zur Entfaltung der vielfachen Begabungen, die in mir schlummern. Denn: Wir verhelfen uns nur gegenseitig zur Freiheit, wie es der heilige Leonhard vorgemacht hat! Er setzte sich ganz konkret und handfest für Gefangene ein, löste ihre sichtbaren und unsichtbaren Ketten und begleitete sie bei den ersten ungelenken Schritten in die Selbstständigkeit. Gleichzeitig gab er ihnen wieder Vertrauen in die eigenen Entscheidungen und stabilisierte mit ihrem aufrechten Gang auch ihre Menschenwürde.
In wenigen Wochen beginnt die Adventszeit als Vorbereitung auf das Geburtsfest unseres Erlösers und wir hören erneut den uralten Ruf: „Richtet euch auf und erhebt euer Haupt, denn es nahet eure Erlösung“ – das dürfen wir, die wir oft mit gekrümmtem Rücken durch den Tag hetzen, ruhig einmal wörtlich nehmen: Richten wir uns auf, innerlich und äußerlich, strecken wir uns aus nach der Sonne unseres Heils. Wir können darauf vertrauen, dass wir bis in den Himmel hineinreichen. Denn wir alle, ausnahmslos alle, sind gottunmittelbar, das heißt: wir sind SEINE Geschöpfe, Gottes Abbild, jeder einmalig und unverwechselbar!
Dies zu glauben, das haben in der Taufe unsere Eltern für uns, in der Firmung aber schon wir selbst von uns bekannt – unser Leben als Christinnen und Christen besteht nun darin, das auch einzulösen! Wir wollen glauben, dass Gott, der Vater, unser Schöpfer und dass Jesus Christus im Heiligen Geist unser Erlöser ist – nicht mehr, aber auch nicht weniger ist von uns verlangt!
Diese Bindung an den dreieinen Gott ist das Tor zur wahren Freiheit. Das wussten der hl. Leonhard, der Apostel Paulus und mit ihnen unzählige Zeuginnen und Zeugen der Liebe Gottes. Ist es daher nicht bewegend, wenn Paulus heute zu uns sagt: „Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ (Phil 3,13-14)?
Machen wir es ihm nach - und wir werden wie jene sein, die den Schatz im Acker oder die kostbare Perle gefunden haben, und alles dafür tun, um sie zu bekommen (vgl. Mt 13,44-46). Amen.