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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier im Gottesdienst zur MV des St. Michaelbundes

Bleib dran an dem, was du für richtig erkannt hast!

08.11.2024 17:30

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder, liebe ehrenamtlich Engagierte in der katholischen Büchereiarbeit, was ist das für ein schwer verdaulicher Evangeliumstext, den uns die Leseordnung im Kirchenjahr für heute anbietet!

Mir sträuben sich auch nach vielen Jahren immer noch leicht die Haare, wenn ich ihn höre oder vorlese. Da handelt einer völlig skrupellos und bekommt ein Lob aus dem Munde Jesu noch obendrauf! Das passt doch mit unserem Jesusbild, das nach 2000 Jahren fast ganz ohne Ecken und Kanten, abgeschliffen und manchmal abgegriffen ist, so gar nicht zusammen. Und Gott sei Dank überliefern die Evangelisten nicht extrem viele solcher Stellen, die uns ratlos zurücklassen.

Andererseits: Es lohnt sich, genau hinzuschauen, um das Lob Jesu und seine Botschaft an die Jünger damals und uns heute zu verstehen.

Das Milieu, in dem das Gleichnis spielt, ist das der Super-Reichen, die nie genug kriegen können und auch mit Ihresgleichen absolut nicht zimperlich umgehen. Eine Hand wäscht die andere – dieses Prinzip hat der von irgendwem (vermutlich einem großen Neidhammel!) angeschwärzte Verwalter verinner­licht. Er kennt nichts Anderes. Ausdrücklich betont Jesus, dass er in dieser Situation, die ihm den Kopf kosten kann, auch gar nicht viel Gedanken daran verschwendet, ob es Zeit wäre, sich umzuorientieren und in der zweiten Lebenshälfte oder auch im letzten Drittel zur Abwechslung doch noch redlich und gesetzeskonform zu handeln.

Nein, dieser Verwalter ist mit allen Wassern gewaschen und spielt auf Risiko: Ihm droht der Absturz und da ist es für ihn klar, dass er noch schnell möglichst viele Komplizen haben sollte. Dann, so rechnet er sich aus, fällt er nicht ins Bodenlose, sondern macht sich andere verpflichtet und kann sich mit seiner verbrecherischen Art sogar noch hinter anderen verstecken…

Doch an diesem spannenden Punkt bricht Jesus die Erzählung ab - wir erfahren nicht, ob die Rechnung des Verwalters aufgeht, ob er mit seiner Kenntnis der Mitmenschen Recht bekommt und sie sich genauso von der Geldgier und Habsucht verlocken lassen wie er.

Jesus „springt“ aus dem Gleichnis wieder in die Wirklichkeit, weil es ihm nicht um Spannung oder gar Schadenfreude und die Überheblichkeit des Selbstgerechten geht, sondern weil er mit dem absolut verwerflichen Verhalten dieses Verwalters zeigen will, wie konsequent er trotz der drohenden Katastrophe bei dem bleibt, was sein Lebenscredo war und ist: Im Betrügen bin ich Meister und die Menschen gehen mir auf den Leim!

Dieser Kriminelle wird gelobt, nicht für das, was er tut, sondern wie er es tut: Er lässt sich nicht beirren, eine Erkenntnis, die er vielleicht schon in seiner Jugend hatte, auch unter lebensgefährlichen Bedingungen weiterzuverfolgen. Er verfällt weder in Panik und Kopflosigkeit noch in Lethargie und Realitätsflucht: Er bleibt dran!

Das ist es, was Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern damals wie heute als Vorbild empfiehlt: Bleib dran an dem, was dir in guten Zeiten als richtig und sinnvoll erschien und wirf nicht alles über den Haufen, wenn sich die Umstände ändern.

„Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ (Lk 16,9)

In diesen Wochen vor dem Schluss des Kirchenjahres sind wir durch thematisch verwandte Evangeliumstexte eingeladen, uns auch mit dem Ende unseres eigenen Lebens auseinanderzusetzen, darüber zu reflektieren, was uns geprägt hat, was als roter Faden durch das Lebensgewebe verlief und sicher auch: ob man diesen roten Faden auch erkennt, wenn man von außen darauf schaut!

Jesus stellt „die Kinder des Lichts“ den „Kindern der Welt“ (Lk 16,8) gegenüber und will damit deutlich machen, dass es um echte Lebensentscheidungen geht, nicht um „Eintagsfliegen“, Moden oder Launen, die kommen und gehen und kaum bis gar keine Spuren hinterlassen. Sich nicht aus der inneren Ruhe bringen lassen, unbeirrt alle Tage das Notwendige tun, das ist die Haltung, die Jesus favorisiert und - bei aller Problematik - in dieser bewusst schwarz gezeichneten Negativfigur verkörpert sieht.

Spätestens seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie vor vier Jahren hat uns wohl alle ein Unbehagen erfasst, das sich, statt abzuflauen, durch die Kriege in Europa und im Nahen Osten erst recht in der Magengegend festsetzt und uns, wie mir scheint, in eine permanente innere Alarmbereitschaft versetzt. Symptome dafür sind bereits beim Kennenlernen von Menschen die Tatsache, dass der einstmals selbstverständlich gewährte Vertrauensvorschuss abgelöst wurde durch ein manchmal erschreckend offen zur Schau gestelltes Misstrauen. Ton und Wortwahl sind rauer und forscher geworden. Die drei Zauberworte, die man Kindern am besten früh beibringt: Bitte - Danke – Entschuldigung werden von Erwachsenen erkennbar selten gebraucht oder fehlen ganz. Das Hinweisgebersystem, das Schwächere vor missbräuchlichem Verhalten schützen bzw. den Anfängen wehren soll, wird – wie vielleicht auch hier im Gleichnis – manchmal bewusst genutzt, persönliche Rechnungen zu begleichen oder gar um die Verantwortlichen bzw. die Öffentlichkeit auf eine falsche Fährte zu locken und einem missliebigen Mitmenschen etwas „anzuhängen“.

Warum sich unsere Gesellschaft in diese Richtung bewegt, obwohl wir in einem Rechtsstaat leben, einer wehrhaften Demokratie mit dem größtmöglichen Freiheitspotential für alle, die die ihre Fähigkeiten entwickeln und sich gesellschaftlich engagieren wollen - mir ist es ein Rätsel.

Hoffnung machen mir in dieser Situation jedoch die vor kurzem veröffentlichten Ergebnisse der Shell-Jugendstudie. Ich bin erleichtert, dass sich die Mehrheit der 12-25jährigen für Politik und damit die Wirklichkeit unserer globalen Welt interessiert, dass sie zuversichtlich ist angesichts der gewaltigen Herausforderungen und notwendigen Transformationsprozesse, die unter dem Eindruck von Klimakrise, kriegerischen Auseinandersetzungen und der Faszination von Künstlicher Intelligenz, die je nach Einsatz Segen oder Fluch sein kann, bewältigt werden müssen. Gleichzeitig ist das jedoch die Altersgruppe, in der Glaube und Religion, Kirchenzugehörigkeit und Gebetspraxis nur noch bei 50% aller Befragten eine Rolle spielen. Zudem müssen sich Christen der verschiedenen Konfessionen dieses Feld immer stärker mit den Muslimen unterschiedlicher Denominationen teilen.

Wenn Sie sich bei dieser Tagung also mit den Themen Demokratieförderung und dem Interreligiösen Dialog beschäftigen, haben Sie nicht nur den Finger am Puls der Zeit, sondern können, davon bin ich überzeugt, aufgrund der ungebrochenen Anerkennung und Frequentierung, die katholische Büchereien auszeichnen, tatsächlich effektiv auf die Entwicklung kritischen Denkens bei Jugendlichen und Erwachsenen Einfluss nehmen. Das ist einerseits eine große Verantwortung, macht aber sicher auch viel Freude. Denn: Man lernt ja immer selbst am meisten. Außerdem ist dies eine wirkliche Chance für uns, als Katholiken weiterhin ein gesellschaftlicher Faktor zu sein. Bleiben wir also dran und lassen wir uns nicht beirren! Amen.