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Begegnung mit dem Patriarchen von Jerusalem

24.01.2010 11:57

Seine Seligkeit Fouad Twal zu Gast im Akademischen Forum am 22. Januar 2010.

„Wir brauchen den Frieden jetzt“

Der Jerusalemer Patriarch Fouad Twal versucht alles, damit Christen im Heiligen Land leben können. Hoffnung auf stärkeres politisches Engagement Europas.
Augsburg. Wenn Patriarch Fouad Twal seine Erzdiözese bereisen will, muss er drei Grenzen überschreiten: aus Israel in die besetzten Palästinensergebiete im Westjordanland und im Gazastreifen, nach Jordanien und übers Mittelmeer nach Zypern. Gerade 70000 römisch-katholische Christen leben in dem ausgedehnten Gebiet – unter Millionen von Muslimen und Juden. Aber sie sind noch immer die erste Kirche, die Mutter der gesamten Christenheit, dort wo Jesus gelebt, gelehrt und gewirkt hat, wo er starb und auferstand. Dieses Wissen verleiht dem Patriarchen unerschütterliche Zuversicht.

„Wir sind dazu bestimmt, weiter- zumachen, trotz und mit den vielen Schwierigkeiten“, bekräftigte Fouad Twal auf einer Akademietagung in Augsburg am Wochenende. Die Christen sind durchwegs Araber, sie leiden unter der israelischen Besatzung, „sind förmlich in gettoähnliche Gebiete eingesperrt“, so der Patriarch, werden abgehalten von Arbeitsplätzen, medizinischer Versorgung, Schulen und Behörden.

An den zahlreichen Checkpoints des israelischen Militärs gebe es unerträglich lange Wartezeiten und Willkür. Insbesondere christliche Familien würden auseinander gerissen, seit die Bewegungsfreiheit zwischen Jerusalem und dem Westjordanland stark eingeschränkt wurde. „Viele Eheleute können nicht zusammenleben, Eltern sind von ihren Kindern getrennt“, beklagte Patriarch Fouad Twal. Und: „Wir haben eine Generation von Christen, die die heiligen Stätten des Glaubens nicht besuchen kann, obwohl diese nur wenige Kilometer von ihrem Wohnort entfernt sind.“

Kein Wunder, dass unter diesen Umständen die jungen palästinensischen Christen das Land verlassen – zumal sie auch wachsender islamischer Fundamentalismus bedrängt. Christen rutschen ab in eine „winzige Minderheit von weniger als zwei Prozent“, so Twal. In Jerusalem, wo ihnen Baugenehmigungen verwehrt würden, werden sich die Christen in ein paar Jahren von 10000 auf 5300 reduzieren, prognostizierte der Patriarch nüchtern.

Sollte er resignieren? Nein, Twal appelliert an die Europäische Union, sich stärker politisch im Nahen Osten einzumischen. Die humanitäre und finanzielle Hilfe Europas für die palästinensischen Autonomiegebiete „schafft nur einen anderen Status quo, aber noch keinen Frieden“. Der Patriarch hält es sogar für gefährlich, wenn die prekäre Lage der Bevölkerung („zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben“) zur Normalität werde. Gaza leide ein Jahr nach Israels „Operation gegossenes Blei“, bei der fast 1400 Menschen „hingemetzelt“ wurden, immer noch unter wirtschaftlicher Belagerung, Verseuchung des Süßwassers und ungeklärtem Abwasser im Meer.

Im Moment blockiere Israel jeden Schritt zum Frieden. „Die Israelis leben in großer Angst, die sie lähmt, mutige Entscheidungen zu treffen, um den Konflikt zu beenden“, sagt Fouad Twal. So habe Saudi-Arabien vorgeschlagen, Israel ziehe auf die Grenzen von 1967 zurück und die ganze arabische Welt nehme diplomatische Beziehungen zum Judenstaat auf. „Das war für uns der beste Vorschlag“, kommentiert Twal.

Der Patriarch hält nichts von einem „Friedensprozess“, wie es in der Vergangenheit einige gab. „Wir brauchen den Frieden jetzt“, betont er. Egal, ob es nun zwei getrennte Staaten für Israelis und Palästinenser geben soll oder einen gemeinsamen Staat. Ein Ende haben müssten Ungerechtigkeit, Würdelosigkeit und Gewalt. In seiner Weihnachtspredigt sagte Patriarch Twal, das Land verdiene die Bezeichnung „heilig“ erst, „wenn in ihm Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe, Versöhnung, Frieden und Sicherheit wohnen“.

Große Hoffnungen setzt der Patriarch auf Papst Benedikt XVI. Seit er das Heilige Land im Mai 2009 besucht habe, spreche er bei jeder Gelegenheit die schlimme Lage Palästinas an. Für Oktober 2010 beruft er eine Bischofssynode für Nahost im Vatikan ein.

(Alois Knoller, Augsburger Allgemeine Zeitung, 25. Januar 2010)