Kooperationsveranstaltung des Akademischen Forums mit dem Caritasverband der Diözese Augsburg, der Katholischen Jugendfürsorge und der Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtung und Dienste der Erziehungshilfen und Jugendsozialarbeit in der Diözese Augsburg (agke).
"Nicht zudringlich und anmaßend, aber aufmerksam"
Katholische Verbände wollen das Schweigen über psychische Erkrankungen durchbrechen
Nachdem der Fußballtorwart Robert Enke am 10. November 2009 den Freitod gewählt hatte, hieß es im ganzen Land, man wolle künftig, offen über psychische Erkrankungen sprechen und den davon betroffenen Menschen besser zur Seite stehen. Doch die Schweigespirale wurde niemals ernsthaft durchbrochen. Fest steht aber: Laut Experten ist die Zahl der Selbsttötungen nach Enkes Freitod um das Vierfache gestiegen. "Es ist in unserer Gesellschaft schwierig, schwach zu sein. Auch klingt bei einer psychischen Erkrankung immer der moralische Vorwurf mit, man müsse sich nur richtig anstellen und dann könne man auch diese Erkrankung wieder in den Griff bekommen". So erklärte sich Prof. Dr. Hans-Peter Balmer von der Katholischen Fakultät der Augsburger Universität die Scheu vor dem offenen Bekenntnis einer psychischen Erkrankung. Diesen "Teufelskreis des Verschweigens" wollen der Caritasverband für die Diözese Augsburg e.V., das Akademische Forum der Diözese Augsburg, die Katholische Jugendfürsorge und die Arbeitsgemeinschaft katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfe und Jugendsozialarbeit Augsburg (agke) durchbrechen. Sie hatten am Freitag in das Haus St. Ulrich in Augsburg eingeladen, sich der Frage zu stellen, "wie wir mit psychischen Störungen umgehen, wenn die Seele schreit".
Professor Balmer unterstrich in seinem philosophischen Vortrag unmissverständlich, dass jeder Mensch aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit "eine Ausnahme in seiner eingefleischten Verschiedenheit" sei. Deshalb könne man nicht umhin, jeden Menschen in seiner Verschiedenheit zu akzeptieren und auch wertzuschätzen, so wie er eben in seiner "Spannung zwischen Vollendung und seinen Rissen sowie Misstönen" sei. Dem Menschen sei von Gott ein "Leben in Fülle" zugesagt. Diese Zusage nehme den Menschen in die Pflicht, dem anderen Menschen ein Mensch zu sein, "indem er da ist, aufmerkt, ein offenes Auge, ein offenes Ohr, ein gutes Wort oder eine Berührung der Zuwendung schenkt." "Zudringlich und anmaßend" dürfe man aus Respekt vor der Verschiedenheit nicht auf psychisch kranke Menschen zugehen. Mitmenschlichkeit zeige sich vielmehr in der "Achtsamkeit, Anerkennung, der Offenheit und dem Respekt selbst für jene, die einander fremd sind und fremd bleiben wollen."
Einen ungewohnten, wenn auch nicht neuen Blick auf Depressionen stellte der Psychotherapeut Dr. Wunibald Müller vor. Er leitet das Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach, wo Priester und Ordensfrauen sich helfen lassen können, wenn sie seelisch ausgebrannt sind. Müller erinnerte an den Psychologen C.G. Jung, der eine Neurose als "Stoppzeichen vor einem falschen Weg" bezeichnete. Depressionen könnten deshalb, so Müller, ein Hinweis darauf sein, dass "die Seele als Garant der Selbstwerdung zu unserem Segen korrigierend auf unser Leben einwirkt". Deshalb plädierte er dafür, nicht vorschnell die Depression mit Hilfe von Medikamenten "fortzuschicken".
Das erfordere allerdings die Bereitschaft, eine Depression nicht nur als ein medizinisches und psychotherapeutisches Problem zu sehen, sondern auch als eine geistig-spirituelle Herausforderung anzuerkennen. Nur so öffne sich der Mensch dem Gedanken, dass seine Seele zu ihm spreche. Dann vermag er vielleicht auch den tieferen Lebenssinn der "Erfahrung der dunklen Nacht", wie Müller die Depression umschrieb, anzunehmen, Fruchtbares für sein Leben herauszuhören und für sich neue Lebenshorizonte zu entdecken. Die Seele schreie nämlich nach Veränderung, weil der Mensch "nur halb lebt" und etwas in seinem Leben nicht in Ordnung ist.
Müller leugnete nicht, dass die Depression ein vielschichtiges Phänomen mit vielen Gesichtern wie z.B. Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, gesteigerter Gereiztheit oder auch Burn-Out sei. Er will deshalb auf keinen Fall die Depression verharmlosen. Auch liegt es ihm fern, wie er mehrfach unterstrich, die geistig-spirituelle Sichtweise der Depression gegen die Medizin und Psychologie auszuspielen. "Wir müssen aber Arm in Arm gehen und zwar um der Betroffenen willen, auch zu ihrem Segen."
V.i.S.d.P.: Bernhard Gattner, Caritasverband für die Diözese Augsburg e.V., Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Auf dem Kreuz 41, 86152 Augsburg