Mastodon
„Das Heilige ist harmlos“

20.04.2010 12:31

Tagung der Katholischen Akademie in Bayern und des Akademischen Forums vom 16. bis 17. April 2010 zu einer Grunddimension katholischer Glaubenspraxis.

Prof. Dr. Winfried Gebhardt (Allg. Soziologie an der Universität Koblenz-Landau) und Prof. Dr. Josef Franz Thiel (ehm. Direktor, Museum der Weltkulturen, Frankfurt a. M.).

Nicht nur die Kirche bestimmt, was verehrt wird – eine Tagung in Augsburg

Maria Callas hieß „Die Göttliche“. Und rund um den Fußballer Diego Maradona hat sich eine Kirche gegründet. Hip-Hop ist heilig, eine heiße Liebesnacht auch. „Das Heilige verschwimmt, tritt in neuen, oftmals überraschenden, bunten und nicht selten widersprüchlichen Formen auf“, sagt der Soziologe Winfried Gebhardt (Uni Koblenz-Landau). Umgekehrt werfe sich Kirche an die moderne Gesellschaft heran mit Lichternacht und Laserprojektion, mit Salbungsgottesdienst und Superpapst für die Jugend. Der Soziologe beschreibt nur, was er antrifft. Wie mit der „Diffusion“ des Heiligen umzugehen ist, überließ er bei der Wochenend-Tagung der Katholischen Akademie in Bayern und des Akademischen Forums der Diözese Augsburg im Haus St. Ulrich den Theologen.

Konkurrenz bekommt die Kirche von der Popkultur

„Berührung mit dem Heiligen - Zu einer Grunddimension katholischer Glaubenspraxis“ lautete ihr Titel. Die Kirche muss feststellen, dass sie längst nicht mehr allein das Heilige verwaltet. Sie hat Konkurrenz bekommen aus Kommerz und Popkultur, wenn es um die Begegnung der Menschen mit Mächten geht, vor denen sie erschauern, weil sie unbegreifbar und gefahrvoll erscheinen, von denen sie aber auch entzückt und beglückt sind, weil sie das Gefühl verleihen, in eine größere Ordnung eingebettet zu sein.

Eigentlich hat die christliche Religion Rituale, um dem Heiligen angemessen zu begegnen. „Das Heilige muss stilisiert sein, um von seiner Kraft berührt zu werden“, meinte der Theologe Josef Freitag (Uni Erfurt). Es braucht eine Deutung: zum Beispiel die Stätten des Lebens Jesu in Palästina, die mit Kirchen überbaut wurden.

„Das Heilige verweigert sich aller Verzweckung“, sagte Freitag. Wo es käuflich wird, verliert es seine Kraft, Menschen in seinen Bann zu ziehen und zu verändern. Denn das Heilige ist eine Mitteilung, worin Gott, der Heilige, gegenwärtig wird. Die Hingabe des ganzen Lebens ist dabei gefordert. Freitag: „Das Heilige ist nicht harmlos.“

Segnung für Menschen, die gar nicht getauft sind

Aber wie sollten Menschen ihm begegnen, die gar nicht glauben? Der Trierer Liturgiewissenschaftler Klaus Peter Dannecker stellte zwei Gottesdienste für Zaungäste im Erfurter Dom als Vorbilder vor: das Weihnachtslob mit bekannten Liedern, Bischofsansprache und Glockengeläut am Heiligen Abend und die Segensfeier für Paare am Valentinstag. Hier werde versucht, Menschen ohne kirchliche Bindung in die Nähe des Heiligen zu führen.

Vor einer lebensfernen Theologie schützt nach Meinung des Kirchenhistorikers Bernhard Schneider aus Trier am besten die Verehrung der Heiligen. Jeder rationalen Kritik hat sie standgehalten. „Die Logik des Wunders erweist sich als beharrlich und von subversiver Kraft“, betonte Schneider. Die Nähe des Heiligen als Heilsmittler zu suchen, sei auch Ausdruck archaischer Religiosität.

(Alois Knoller, Augsburger Allgemeine Zeitung 20. April 2010)