EIN KIND IST UNS GEBOREN… Spiegelungen einer Glaubensfrage in der Kunst
Vorweihnachtliche Abendveranstaltung mit Prof. Dr. Wolfgang Augustyn am Dienstag, 9. Dezember 2025
Zu den Grundlagen des christlichen Glaubens gehört die in den Evangelien unterschiedlich dargestellte Überzeugung, dass Gott Mensch wurde und sich in der Gestalt seines Sohnes den Menschen mitteilte. Liest man im Prolog des Johannesevangeliums vom „Wort“, das Fleisch geworden ist, erzählt das Lukasevangelium eine ausführliche Weihnachtsgeschichte von der Geburt des Kindes in Bethlehem. Zahllose Bildbeispiele zu beiden Texte sind aus der Kunst bekannt. Doch auch jene Bilder, die spontan verständlich scheinen, sind oft hintergründiger als es auf den ersten Blick deutlich ist. Häufig belegen diese Bilder eine theologische Argumentation, bieten eine kunstvoll verschlüsselte Bildaussage.
Prof. Dr. Wolfgang Augustyn, langjähriger stellvertretender Direktor am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, stellte in seinem Vortrag einige Themen aus der reichen Überlieferung der Bildkünste vor, die die Bedeutung der Inkarnation und der Geburt in Bethlehem veranschaulichen sollen.
So finden sich die ältesten Darstellungen der Geburt Jesu auf Sarkophagreliefs im 4. Jahrhundert mit Ochs und Esel (Darstellung Rom, Lateran-Museum). Erst in späterer Zeit werden im Frühmittelalter Personen aufgenommen: Maria und Josef, Hirten, Magier (Stuttgarter Psalter und Karolingische Handschriften).
Während die Byzantinische Kunst die Geburtszene meist in einer Höhle zeigte, wurde im Westen die Darstellung der Geburt im Stall bevorzugt. Der italienische Maler Giotto di Bondone verband beide in einem Wandgemälde aus dem Jahr 1305 in Padua in der Kirche des Palaastes der Scrovegni.
Durch die Vision der Mystikerin und Ordensstifterin Birgitta von Schweden (1372-1373) trat zunehmend auch die Lichtsymbolik in den Vordergrund. Die Dunkelheit wird durch das Auftreten Mariens erhellt. Die volle Helligkeit ist erst durch das Kind in der Krippe gegeben. Beispiele hierzu finden sich bei Meister Francke um 1400 oder das Tafelgemälde des Meisters von Flemalle um 1430 (Museum in Dijon).
Im Laufe der Jahrhunderte werden einzelne Motive in den Vordergrund gerückt. So z.B. eine Steinsäule, die Maria als Stütze nutzt, wie auf dem Bladelin-Altar 1445 von Rogier van der Weyden. Grundlage für derartige symbolische Motive waren die Meditationes vitae Christi eines unbekannten Franziskaners, der eine detaillierte Beschreibung der Geburt Jesu verfasste.
Im Hochmittelalter treten vor allem heilsgeschichtliche Denk- und Argumentationsmodelle in den Vordergrund. Alttestamentliche Ereignisse werden auf Jesus übertragen. So liegt beispielsweise das neu geborene Kind auf einem Stein wie auf einem Altar.: das Opfer Abrahams wird zur Präfiguration des Kreuzesopfers Christi. Derartige Darstellungen finden sich in Spanien zu Beginn des 16. Jahrhunderts.
Immer öfter werden auch Sibyllen und Propheten aufgenommen, die die Geburt eines Kindes prophezeien (Evangeliar Heinrich des Löwen).
Zum Abschluss seines Vortrages präsentierte Professor Augustyn ein Bildmotiv aus der Bible moralisee, 13. Jh.: Jesus als das fleischgewordene Wort liegt zwischen Blättern aus Pergament – dem Evangelium, bewahrt durch die Kirche.