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Revolutioniert die Hirnforschung wirklich das christliche Menschenbild?

19.02.2009 12:26

Kooperationsveranstaltung des Akademischen Forums mit der Hauptabteilung Schulischer Religionsunterricht am 13. bis 14. Februar 2009 mit dem Philosophen Robert Spaemann.

Prof. Dr. Robert Spaemann referierte zum Thema: "Hirnforschung und christliches Menschenbild. Eine hermeneutische Auseinandersetzung".

FREIHEIT BERUHT AUF GRÜNDEN

Auch Hirnforscher sind nicht nur Naturwesen – Eine Tagung im Akademischen Forum Augsburg

Dass die Wissenschaften ihre Grenzen überschreiten, gehört zum Normalfall der Wissenschaftsgeschichte. Entscheidend ist nur, dass die Wissenschaften wieder in ihre Grenzen zurückverwiesen werden. So wollten Physik und Mathematik im Zeitalter des Rationalismus bis in die Ethik hinein bestimmen, zu Beginn des letzten Jahrhunderts war es der Psychologismus, der die Felder des Geistigen erobern wollte. Heute überschreiten manche Biologen mit der Evolutionstheorie ihre Grenzen und wollen auch den Glauben und das Denken aus der Natur herleiten; und Biochemiker versuchen über die Hirnforschung die Willensfreiheit zu leugnen. Immer wieder gibt es diesen Versuch seitens der Naturwissenschaften, Einfluss und Macht über die Vorstellungen von Bewusstsein, Geist und Vernunft auszuüben, heute noch zusätzlich durch Politik und Forschungsgelder motiviert.

Das Akademische Forum in Augsburg hat in Zusammenarbeit mit der Hauptabteilung Schulischer Religionsunterricht der Diözese Augsburg am Wochenende die Tagung „Ich und Gott ein Hirngespinst! Revolutioniert die Hirnforschung wirklich das christliche Menschenbild?“ veranstaltet. Günter Ehret, Professor für Neurobiologie an der Universität Ulm, hat zu Beginn der Tagung den Part über die Hirnforschung übernommen und wollte Antworten zu den Fragen nach dem Ich, dem Bewusstsein, der Willensfreiheit und der Moral geben. Diese Antworten waren auf neuronale Vorgänge gestützt. Ehret hat Geist aus den Eigenschaften des Gehirns erklärt. Er entstehe auf der mikroskopischen Ebene aus der elektrischen und chemischen Kommunikation zwischen Neuronen und repräsentiere sich in Wahrnehmungen, Gefühlen oder Gedanken. Bewusstsein führte der Neurobiologe auf Aktivitätsprozesse in der Großhirnrinde zurück und im medialen präfrontalen Cortex, einem Frontallappen der Großhirnrinde, entstehe das Ich-Gefühl. Ehret referierte auch ausführlich die Experimente des amerikanischen Physiologen Benjamin Libet, der beweisen wollte, dass die chemischen Prozesse im Gehirn vier bis acht Sekunden abgelaufen seien, bevor eine Willenshandlung bewusst werde; Freiheit sei also nicht möglich. Als habe in den Freiheitserweisen der abendländischen Tradition die Freiheit jemals vom Augenblick ihrer Bewusstwerdung abgehangen. Ehret aber hat sich der Auffassung Libets angeschlossen und ebenfalls den Willen für unfrei erklärt. Die Verbundenheit der Hirnforscher mit sprachanalytischen Denkweisen war auch hier wieder deutlich, denn für Ehret resultiert moralisches Handeln aus der Einsicht in die Regeln eines sozialen Verbandes, ganz analog zu den Sprachspielen Wittgensteins. „Gesunde Gehirne“ lernen in der Kindheit durch assoziatives Lernen die moralischen Regeln, beschädigte Hirne seien zur Moralität nicht mehr fähig. Diese zweifellos problematische Sicht der Hirnforschung dürfte eigentlich gegenüber solchermaßen kranken Menschen kein Pardon kennen, wenn das funktionierende Gehirn selbst das einzige Kriterium für Moralität wäre und es nicht eine vom Naturalen unabhängige Moral gäbe, die den Kranken als nicht weniger würdevoll erkennt als den Gesunden. Hier war natürlich Kritik gefordert, die der Philosoph Robert Spaemann dann auch erhob.

Spaemann hat gleich an der Behauptung Ehrets angeknüpft, das Bewusstsein sei eine Eigenschaft des Gehirns. Für Spaemann ist das keine empirische Feststellung mehr, worauf sich die Hirnforschung beschränken sollte, sondern eine in der Neurobiologie unzulässige Schlussfolgerung. Der Philosoph sieht bereits im christlichen Menschenbild die Frage gestellt: Was ist der Mensch? (8. Psalm).

„Die Subjektivität geht also nicht völlig in ihrer Beschreibung auf“

Nach Aristoteles öffne die tätige Vernunft dem Menschen einen Wahrheitsraum – dieser Gedanke lässt sich bis zu Heideggers „Lichtung“ verfolgen. Und Thomas von Aquin weise auf das Fehlen von ökologischen Nischen hin – die Vernunft macht spezifische Werkzeuge überflüssig im Unterschied zu Arnold Gehlens Auffassung, der den Menschen als Mängelwesen beklagte. Die Vernunft kann nach Spaemann Gründe setzen und damit Freiheit ermöglichen. Wir können uns etwa vornehmen, morgens um sieben Uhr aufzustehen. Mal stehen wir zwei Minuten später auf, mal drei, aber immer gegen sieben Uhr. Je nachdem, wie wir gestimmt sind, lässt sich das variieren. Aber es ist nicht die Befindlichkeit, die uns aufstehen lässt, sondern der Grund, der einmal gefasst war. Der freie Wille bestimmt nach Spaemann die Gründe, etwas zu tun.

Es gibt keine Beweise für die Gültigkeit des Materialismus, aber auch nicht für die Freiheit. Sie kann kein Objekt der Wissenschaften werden, doch ohne Willensfreiheit sieht Spaemann das menschliche Zusammenleben zerstört. Das habe schon die Antike gewusst und Gut und Böse nach zwei Hinsichten unterschieden. Zum einen das Gute (agathon) unter bestimmten Aspekten, das dann nicht als ethisch qualifiziert verstanden wurde und das Gute schlechthin (kalon), von dem sich niemand einen Vorteil erhoffen konnte; es wurde auch schön genannt, das, was nicht funktional ist. Funktional ist aber das Gehirn, und die Hirnforscher müssten eigentlich sagen, das Hirn sei ein Konstrukt seiner selbst. Aber wovon könnte die Selbsttranszendierung des Subjekts ein Schein sein, wenn es doch keine wirkliches Subjekt gäbe? Den Hirnforschern bleibe nur der Schein des Scheins und so fort, ein Erklärungsrückgang ohne Ende, der diese Theorie ad absurdum führt. Wäre aber alles nur Schein, lässt sich auch der Unterschied zwischen Wahr und Falsch nicht erklären. Dieser Unterschied hat zwar nach Spaemann eine psychische Basis, weil er vom konkreten Subjekt vollzogen werden muss, aber das Psychische hat keinen Einfluss auf die Gültigkeit des Unterschieds von wahren und falschen Aussagen. Der Naturalismus versucht die Weltinnensicht des Subjekts auf eine Weltaußensicht zu reduzieren, indem er nur die Messbarkeit von Gehirnaktivitäten als Grundlage unseres Weltverständnisses gelten lässt. So könnte ein Patient seinem Arzt Schmerzen nicht plausibel machen, weil es in der Physik keine Schmerzen gibt.

In der Theologie sieht Spaemann die menschliche Freiheit in besonderer Weise behandelt. Der Geist wird hier als individuiert verstanden, die menschliche Vernunft gehört zu den höheren Funktionen der Seele des Menschen, wodurch die Teilhabe an den Wahrheiten möglich wird. Die Dreiheit von Natur, Naturalismus und Spiritualismus ziele in theologischer Sicht auf „geistige Naturwesen“, jenseits der bloßen Naturbestimmtheiten der Hirnforschung.

Auch Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie an der Universität Freiburg, hat sich entschieden gegen den Reduktionismus der Hirnforschung gewandt. Schockenhoff sieht den Unterschied zwischen menschlichen Handlungen und physikalischen Ereignissen in der Struktur der Intentionalität der Handlungen. Handlungen haben Gründe und Ziele, sie werden nicht durch Natur verursacht. Darum sei auch Sokrates wegen seiner Gründe nicht aus dem Gefängnis geflohen, und nicht, weil sich seine Sehnen und Knochen nicht bewegt haben. Werden also die Handlungen des Menschen auf neuronale Ereignisse reduziert, „so löst sich nicht nur der Begriff eines komplexen Handlungsgefüges, sondern auch die ihm zugrunde liegende Vorstellung einer in ihrem Handeln präsenten Person und ihrer Lebensgeschichte auf“. und eine Theorie, die nicht berücksichtigt, dass die Erklärung neuronaler Vorgänge selbst ein mentales Problem ist, zerstört ihre eigenen Voraussetzungen, „sie endet in einem Selbstwiderspruch, da sie ihre notwendigen Entstehungsbedingungen nicht mitreflektiert, sondern nachträglich wieder aufhebt.“ Selbst die Teilnahme der Neurologen an der Wissenschaftspraxis und dem Gespräch über Forschung wird nach Schockenhoff widersprüchlich, wenn Argumente nicht mehr die Beweiskraft von Gründen haben, sondern sich nur nach der Intensität der Gehirnaktivitäten richten sollen.

Naturwissenschaftler sollten sich dessen bewusst sein, sagte Schockenhoff, dass die Beschreibungssprache von Geistes- und Naturwissenschaften auf Konstruktionen beruhen, die von methodischen Basisannahmen abhängen, deren ontologischer Status nicht im Sinnes eines naiven Realismus mit dem allein Wirklichen gleichgesetzt werden darf. Das Subjektive und Mentale sei vielmehr die „transzendentale Voraussetzung des menschlichen Erkenntnisvollzugs schlechthin“ auch der naturwissenschaftlichen Welterklärung. Die Ursprungsinstanz unserer Freiheit sei geradezu die Unhintergehbarkeit des erkennenden Subjekts. Anschaulich beschrieb Schockenhoff dies am Beispiel einer Fata Morgana, die als Illusion eine falsche Vorstellung vom Subjekt ist, nicht aber eine Illusion vom Subjekt selbst. Die Subjektivität geht also nicht völlig in ihrer Beschreibung auf, es bleibt immer ein Rest unmittelbarer Selbstgegebenheit – der letzte Ursprung der Freiheit bleibt für den Einzelnen dunkel. So wie der Mensch kein Ding sei, ist auch seine Freiheit kein empirisches Faktum. Die Freiheit ist eine Sollensforderung: der Mensch soll frei sein. Für die nähere Erklärung der Freiheitslehre hat sich Schockenhoff auf die Ethik Kants bezogen. Nach Kant sei der Mensch ein Wesen, dass sich durch das Vernunftgesetz bestimmen lasse. Freiheit bestimmt den Menschen so als eine weitere Form der Kausalität neben der Naturkausalität – Selbstbestimmung durch Freiheit ist dies bei Kant. Schockenhoff sieht diesen Freiheitsbegriff durch einen hohen Preis bezahlt, nämlich durch den Dualismus, in dem Kant den Menschen als Glied der sinnlichen und unsinnlichen (intelligiblen) Welt sieht und damit die Vernunft als Gegeninstanz zur Natur. Man mag hier einwenden, Kant habe den Menschen durchgängig als Naturwesen gesehen, das als solches „vorausberechenbar wie die Mondfinsternis“ sei, das sich aber durch Vernunft bestimmen lassen, oder es auch lassen kann. In einem Vernunftreich lebt der Mensch bei Kant wohl nicht, wie er gleichwohl in der Natur lebt. Schockenhoff sieht in der aristotelisch-thomistischen Auffassung den entscheidenden Vorteil gegenüber Kant, weil hier die spezifischen Momente des „rationalen Erwägens, des Mit-sich-selbst-Zurategehens, des Abwägens und Überlegens im naturhaften Streben des Menschen“ gedacht sind.

Die Tagung hat in aller wünschenswerter Klarheit gezeigt, dass die Willensfreiheit keine Illusion des Gehirns ist. Aber dass Hirnforschung und die Theorie der Vernunft in fruchtbaren Dialog kommen können.

Dr. Alexander Riebel, Die Tagespost, 17. Februar 2009, Seite 10

WO BLEIBT DER FREIE WILLE?
150 Jahre nach Darwins Evolutionstheorie droht die nächste Kränkung: Erkenntnisse der Hirnforschung zeichnen das Bild eines durch stoffliche Abläufe bestimmten Menschen

"Das bewusste, denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn perfiderweise dem Ich die entsprechende Illusion verleiht." Gerhard Roth, Hirnforscher

Augsburg Es war ein Großkampfwochenende für einen großen alten Mann der deutschen Philosophie. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung musste Robert Spaemann (81) erklären, inwiefern sich der ihn gern zu Rate ziehende Papst durch die Aufhebung der Exkommunikation der Pius-Brüder als guter Hirte im Sinne Jesu erwiesen hat. Und zum Akademischen Forum in Augsburg trat er an, ein ganzes Menschenbild zu verteidigen.

Als Fürsprecher des Menschen Benedikt sieht sich der emeritierte Münchner Professor in der Gegnerschaft zur öffentlichen Meinung. Als Anwalt des Menschenbilds aber tritt er naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, vermeintlichen Fakten also entgegen. Und die scheinen einen eindeutigen Befund zu offenbaren: Der freie Wille ist eine Illusion.

Es wäre die vierte Kränkung des Menschen. Kopernikus hat ihn aus dem unbewegten Zentrum des Universums verwiesen, Darwin zu einem weiter entwickelten Affen gemacht, Freud ihm die Herrschaft im eigenen Haus, seiner Psyche, entzogen. Und vor 30 Jahren begann eben auch noch die Hirnforschung, dem Menschen Geist und Vernunft streitig zu machen, sein Ich auf Hirngespinste zu reduzieren.

Der Gedanke ist alt: Bereits empiristische Philosophen wie David Hume im 18. Jahrhundert hatten den Menschen lediglich als Konglomerat von erfahrungsbedingten Wünschen, Interessen und Begehren beschrieben, ein davon freies Wollen aus Vernunft und das Erleben eines "Ich" als psychologische Illusion abgetan. Seit den Experimenten des amerikanischen Physiologen Benjamin Libet 1979 und vielen darauf folgenden Laborstudien aber scheint ein Beweis gefunden: Was wir als Handlung gemäß unserem Willen erleben, ist durch einen bis zu acht Sekunden vor dem bewussten Wollen gemessenen Impuls im Gehirn ausgelöst.

Das Ich - mitten drin im Netzwerk des Gehirns

Die Willensfreiheit wurde im Computertomografen beerdigt. Und die Vermessung des Gehirns schritt fort, die Forscher machten etwa einen Bereich für Moral aus und bestimmten Bewusstsein mit einer Spannung zwischen 40 und 60 Hertz. Individualität kommt dem Menschen allein deshalb zu, weil sein Gehirn ein jeweils einmaliges ist, weil alles Erleben sich immer in veränderten Vernetzungen niederschlägt. "Das Ich", so formulierte es der Ulmer Neurobiologe Günter Ehret in Augsburg, "ist eine Netzwerk-Eigenschaft des Gehirns." Prominente Kollegen folgern daraus, dass alles Denken und Handeln des Menschen in seinem Gehirn vollständig festgelegt ist, der Inhalt basiere auf stofflicher Evolution.

Na und? Ist "Ich" eben mein Gehirn? Was ändert das? Und was kann Spaemann gegen solche wissenschaftlichen Fakten anführen?

Der Philosoph wetterte - unterstützt vom Moraltheologen und Ethikrat-Mitglied Eberhard Schockenhoff - gegen Grundlagen wie Konsequenzen. Die Forscher vermischten Befunde mit Folgerungen und gingen der eigenen Methode auf den Leim. Ihr Ansatz sei streng reduziert auf die Suche nach von Ursachen bedingten, im Materiellen messbaren Abläufen - ihre Antworten dagegen seien plötzlich allgemein: "Sie finden Hirnzustände und urteilen über Freiheit!", so Spaemann. Damit transportiere die Forschung aber lediglich ihr eigenes Dogma und erkläre den Begriff der menschlichen Handlung nicht, sondern erkläre ihn vielmehr weg. Das sei Ideologie, aber keine Widerlegung der Willensfreiheit.

Dafür seien die Konsequenzen umso verheerender. Denn in diesem rein stofflich evolutionären Verständnis von Denken und Handeln und von Moral gebe es kein wahr und falsch mehr, kein gut und böse - nur noch die Anpassung an die Umstände und die bestätigende Erfahrung der Nützlichkeit. Das gelte für den Einzelnen und die dann kaum noch zu beantwortende Frage nach Verantwortung wie auch für Gesellschaften mit dann nur noch relativen Werten: "Es gäbe keinen eigentlichen moralischen Standpunkt mehr", so Spaemann, "von dem aus man etwa das Auslöschen einer Volksgruppe durch einen Staat als schlecht verurteilen könnte."

"Es muss Menschen wie Jesus geben - das ist Statistik"

Neurobiologe Ehret sieht das neutral: "Es gibt nur Möglichkeiten, eine Werte-Evolution und die Konkurrenz von Gesellschaften um die bessere Funktionalität." Auch was vermeintlich als Beispiel eines wahrhaft guten Menschen genannt werde, sei einfach eine evolutionierte Möglichkeit: "Es muss Menschen wie Jesus geben - das ist Statistik."

Schockenhoff formulierte im Gegenzug, Moralität sei eben nur zu haben, wenn wir wählen könnten, von welchen Gründen wir uns bestimmen ließen - aus Vernuft zur Freiheit. Die Perspektive, um diese zu gewinnen: Statt den Menschen von außen in objektiv messbaren Größen zu beschreiben, sei er von innen, als Subjekt zu betrachten.

Spaemann räumte ein, dass die so in den Blick genommene Freiheit auch nicht beweisbar sei: "Aber wenn wir die Wahl haben, uns als unbewiesen unfrei und unbewiesen frei anzusehen, wenn beides Ideologien sind - dann sollte uns das praktische Leben den Weg zur Entscheidung weisen."

Wolfgang Schütz, Augsburger Allgemeine Zeitung vom Dienstag, 17. Februar 2009, Seite 8