Kirchliche Bildungsarbeit

Intensiver Studiennachmittag zu Petrus Canisius

18.09.2021 19:12

Vortragende und mitdiskutierendes Auditorium haben den Studiennachmittag über Petrus Canisius, den das Akademische Forum der Diözese Augsburg in Kooperation mit dem Verein für Augsburger Bistumsgeschichte an diesem Freitagnachmittag im Haus Sankt Ulrich veranstaltet hat, zu einem intensiven Austausch über den "zweiten Apostel Deutschlands" gemacht. Referenten waren Bischof Dr. Bertram Meier, Bistumshistoriker Domkapitular Dr. Thomas Groll und Walter Kardinal Kasper, ehemaliger Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen.

Live vor Ort und an den Bildschirmen verfolgten die Teilnehmer die Ausführungen der drei Referenten über Petrus Canisius. (Fotos: Nicolas Schnall / pba)

Bischof Bertram eröffnete die Tagung, die von Professor Dr. Gerda Riedl souverän, kenntnisreich und humorvoll moderiert wurde, mit einem Vortrag über den „Prediger, Ratgeber, Mystiker“ Petrus Canisius. Als Domprediger, dessen Nachfolger Bischof Bertram bis zur seiner Bischofsweihe war, schaffte Canisius es, dass schon in seinem ersten Jahr, in dem er in der Augsburger Kathedrale predigte (1559), 900 Augsburger wieder zur katholischen Kirche zurückkehrten.

Dabei war Canisius zu Beginn seines Wirkens in Deutschland reichlich ernüchtert, wie Bischof Bertram aus einem Brief Canisius' an seine Ordensleitung zitierte: „Es ist im Allgemeinen nutzlos, irgendein Interesse für Religion bei den Deutschen vorauszusetzen. Für die Katholiken beschränkt sich die religiöse Praxis darauf, eine inhaltsleere Predigt an Feiertagen zu hören. Was Fasten letztlich bedeutet, erschließt sich den in Deutschland lebenden Katholiken nicht; wenn es hochkommt, ist gerade einmal das Wort ‚Fastenzeit‘ bekannt. Wie selten ist es, dass sie in die Kirche gehen, die Messe mitfeiern oder auch nur das geringste Interesse für religiöse Traditionen zeigen. Wohlgemerkt: Ich spreche von den Katholiken, die diesen Namen noch tragen. Jeden Tag gibt es eine Messe in unserer Kapelle... Man kann die Glocke auch zweimal läuten, alles vergebliche Liebesmüh: Es besuchen nur wenige Leute die Messe." Bischof Bertram zum Auditorium: „Klingt uns dies nicht recht vertraut?“

Was kann Petrus Canisius für die Menschen heute bedeuten? Bischof Bertram: „Ich meine zuallererst: Es nie an Respekt fehlen zu lassen! Dass ich unter allen Umständen anständig und höflich bleibe, bin ich Gott, mir selbst und der kirchlichen, ja der Gemeinschaft aller Menschen schuldig. Leider ist dies auch innerhalb der Kirche nicht immer selbstverständlich. Das echte Gespräch, das faire Streitgespräch, das besonders vom guten Zu- und Hinhören lebt, ist heute selten geworden. Stattdessen begnügt man sich oft mit dem Abklopfen der jeweils anderen Position, mit einem Schlagabtausch, der die Suche nach Konsens oder Kompromiss gar nicht erst in den Blick nimmt.“

Die Briefe und Texte von Petrus Canisius bezeichnete der Bischof als „Schatz, der immer noch darauf wartet, wiederentdeckt und gehoben zu werden.“

Der Augsburger Bistumshistoriker Domkapitular Dr. Thomas Groll zeichnete die Biographie des Petrus Canisius nach und machte die Grundhaltung des Jesuiten deutlich, die darin bestand, sich nicht entmutigen zulassen. Thomas Groll: „Persevera – halte durch – das war sein Wahlspruch.“

Die Referenten des Studiennachmittags (v.l.) Bistumshistoriker Domkapitular Dr. Thomas Groll, Walter Kardinal Kasper, Bischof Dr. Bertram Meier.

Im letzten Vortrag des Tages zog der emeritierte Kurienkardinal Prof. Dr. Walter Kasper eine Linie vom 16. Jahrhundert in die Gegenwart, beides Zeiten „eines epochalen Umbruchs“ – mit dem Unterschied, dass die Zeitgenossen der frühen Neuzeit weder die Aufklärung kannten noch die Schlote von Auschwitz, in denen, so Kasper, „die europäische Kultur in Rauch aufgegangen“ ist.

Die Neubesinnung durch das Zweite Vatikanische Konzil strebte „eine Neubesinnung auf den Glauben der Kirche [...] und zugleich eine konstruktive Zuwendung zur modernen Welt“ an. Kasper: „Die Antithese zwischen anpasserischem Modernismus und sich einigelndem reinen Antimodernismus sollte überwunden werden [...] Damit hat die katholische Kirche einen Erneuerungsprozess hingelegt, wie er im 20. Jahrhundert keiner anderen Kirche gelungen ist. Er zeigte, die katholische Kirche ist keine starre unbewegliche Größe; sie ist auch nach fast 2000 Jahren jung geblieben.“

Die Aufbruchsstimmung damals habe ihn als junger Priester begeistert und beflügelt, sei aber mittlerweile selbst Geschichte. Der Streit zwischen Modernisten und Antimodernisten hingegen sei in verschärfter und vergifteter Form neu aufgebrochen. Kasper: „Öffentlich tonangebend sind die Extreme, was fehlt, ist die Stimme einer breiten Mitte, welche die geistige und die geistliche Kraft hat, die berechtigten Anliegen beider Seiten zu vermitteln und die Extreme an die Ränder zu drängen. Es gibt diese Mitte. Sie ist da im Lebenszeugnis und Engagement vieler Christen, welche als Beter die atmende Lunge der Kirche sind. Sie ist da in den unzähligen verfolgten Christen und in den Millionen Christen, die zu den Armen und Ärmsten dieser Welt gehören. Sie haben andere Probleme als wir aufgeklärte Europäer. Doch ihre Stimme dringt bei uns kaum durch. Ihr gilt es mehr Gehör zu geben.“

Das griechische Wort Krise bedeute aber nicht Zusammenbruch, eine Krise sei eine sich zuspitzende Situation, in dem sich alles zum Guten oder zum Schlechten wenden könne.

So habe auch Petrus Canisius seine Situation verstanden. „Petrus Canisius“, so Kardinal Kasper, „hat es geschafft, in einer Situation, in der Augsburg, große Teile Österreichs und Süddeutschlands und selbst Köln auf der der Kippe standen, das Rad der Geschichte nochmals herumzureißen. So kann Petrus Canisius uns sagen: Nicht Gejammer oder resignative Ergebenheit in ein vermeintliches Schicksal, nicht Polemik und gegenseitige Zerfleischung helfen weiter. Der Ausweg ist auch nicht eine Frage der Zahlen. Auch Einzelne können eine Krise zum Besseren wenden, wenn sie von Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt im Einsatz für die Sache Gottes und seines Reiches sich in die Schanze schlagen.“

Die mehr als vierstündige Tagung wurde live auf der Homepage des Bistums Augsburg übertragen. Sie wird von Anfang der kommenden Woche an hier in voller Länge abrufbar sein.