Dekanate

Renovierung der Basilika St. Lorenz: Zweite Zeitkapsel gibt sensationelle Zeugnisse des 17. Jahrhunderts preis

04.09.2019 10:06

Kempten (pdke). Die Historikerin und Archäologin Birgit Kata vom Kemptener Stadtarchiv zeigte sich beeindruckt vom Inhalt der zweiten Zeitkapsel, die bei der Renovierung der Basilika St. Lorenz gefunden worden war. „Wir haben hier einen ganz besonderen Schatz“, bewertete sie den Fund jüngst vor Medienvertretern. Es gebe kaum Vergleichbares aus damaliger Zeit. Rund 350 Jahre lang lagerten die Dokumente und Gegenstände aus den Jahren der Erbauung der Basilika in einem Eisenblechkästchen unter konservatorisch optimalen Bedingungen. Schriftstücke der Fürstäbte Roman Giel von Gielsberg (1639-1673) und Rupert von Bodman (1678-1728), ein Rosenkranz mit Tonkugeln, eine Marienfigur und Reliquienbriefchen wurden unter anderem aus der Zeitkapsel geborgen. 

Historikerin und Archäologin Birgit Kata (r.) zeigt der Leiterin des Staatlichen Bauamtes Cornelia Bodenstab (l.) und Stadtpfarrer Monsignore Dr. Bernhard Ehler den von Restauratorin Ursula Dekker-Sturm gesichteten Inhalt der zweiten Zeitkapsel. (Foto: Sabine Verspohl-Nitsche / pdke)

Als Diplom-Restaurator Johannes Amann Ende Juni das mit Zinn überzogene Blechkästchen bei Bauarbeiten in der Kuppel des Chorturmes entdeckte, war die Überraschung bei ihm, der Leiterin der Staatlichen Bauamtes Cornelia Bodenstab, der Projektleiterin Angela Gehrke und Stadtpfarrer Monsignore Dr. Bernhard Ehler groß. Schließlich war Anfang des Jahres schon in der Turmkuppel eine Zeitkapsel aus der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gefunden worden. Die neue Entdeckung im Chorturm ist historisch jedoch um einiges wertvoller, da es sich um Gegenstände handelt, die aus der Bauphase zwischen den Jahren 1652 bis 1669 stammen, als der Graubündner Baumeister Giovanni Serro den Bau der ehemaligen Klosterkirche nach Plänen von Michael Beer zu Ende führte. Sofort war klar, dass der Fund dem Stadtarchiv Kempten zur weiteren Begutachtung übergeben werden sollte.

Birgit Kata lobte während des Pressegespräches im Beisein von Cornelia Bodenstab und Stadtpfarrer Dr. Ehler die hohe Sensibilität der Behördenmitarbeiterinnen beim Umgang mit der Zeitkapsel. Die Restauratorin des Stadtarchivs, Ursula Dekker-Sturm, entnahm nach der Einlieferung des Fundes den Inhalt des 25 mal 20 Zentimeter großen Kästchens. In deren Stülpdeckel waren fünf Luftlöcher in Form eines Kreuzes geschlagen worden. Es kamen sehr gut erhaltene gefaltete Pergamentbögen zum Vorschein: Eine Urkunde aus dem Jahr 1660 berichtet in lateinischer Sprache von der Fertigstellung der Kugel auf dem Chorturm der Basilika und der Einbringung des Kästchens. Außerdem listet sie die Namen der Konventsmitglieder und des Hofes von Fürstabt Roman Giel von Gielsberg auf. Weiter fand die Restauratorin aus demselben Jahr eine detaillierte Kostenaufstellung der Handwerkerleistung für die Herstellung der Kugel und des Kreuzes auf der Kuppel.

Ein zweites Schriftstück aus dem Jahr 1726 berichtet in Zierschrift unter anderem davon, dass das Dokument bei der Renovierung des Turmknaufes zu den vorhandenen Dingen in die Zeitkapsel eingelegt wurde. Außerdem sind sämtliche Personen des Konvents und des Hofes von Fürstabt Rupert von Bodman aufgelistet.

Von hoher Qualität sei eine in dem Kästchen gefundene Figur der Einsiedler-Madonna, eine sogenannte Schabmadonna aus hellem gebrannten Ton, erläuterte Birgit Kata weiter. Weiter fanden sich:

- ein Kupferstich aus dem Jahr 1652 mit der Büste des Heiligen Donatus von Münstereifel – ein Schutzpatron gegen Blitzschlag und Unwetter

- ein auf rosa Seide gedrucktes Gnadenbild der „Madonna vom geneigten Haupt“, das bei den Ursulinen in Landshut verehrt wurde

- ein auf Draht aufgezogener Rosenkranz mit Tonkugeln und einem Caravaca-Kreuz mit einem kürzeren und einem längeren Querbalken

- ein aus farbiger Seide genähtes Kissen mit Silberdrähten im Inneren

- ein gedruckter Segenszettel mit Holzschnitt und Text zu den Heiligen drei Königen in Köln

- zwei dunkle Holzkreuze mit Messingeinlagen

- ein quadratischer Anhänger mit Messingblechrahmen und zwei Glasscheiben, zwischen denen ein Weihezettel eingelegt ist. Auf der einen Seite ist eine sitzende Madonna mit gekröntem Christuskind auf dem Schoß dargestellt, auf der anderen sind die Leidenswerkzeuge (Kreuz, Nägel, Dornenkrone, Lanze) zu sehen.

Weitere Fundstücke seien 28 aus Papier gefaltete Päckchen mit Reliquien und Devotionalien.

In ihnen befinden sich unter anderem Knochensplitter, Wachssiegel, und ein Schreiben von Kapuzinerpater Markus Avianus (1631 – 1699). „Der Pater hatte Anteil an der Entscheidungsschlacht gegen die Türken 1683 vor Wien. Es ist wahrscheinlich, dass er mit Rupert von Bodman bekannt war. 2003 wurde er heiliggesprochen“, erklärte Birgit Kata. „Ich habe mich sehr gefreut über diesen Fund“, zog die Historikerin ein abschließendes Resümee. Dass es sich hierbei um etwas Besonderes handele, betonte auch Dr. Ehler. Der Kirchenbau sei schließlich eines der herausragenden Ereignisse in der Region nach dem 30-jährigen Krieg gewesen, so der Stadtpfarrer. Die Fundstücke sollen allesamt eingescannt und größere Gegenstände eventuell mit einem 3-D-Drucker ausgedruckt werden, bevor sie wieder in die Zeitkapsel zurückkommen, so Kata.

In Vorträgen wird die Historikerin im nächsten Jahr ausführlich über die Fundstücke berichten. „Am schönsten wäre eine zusammenfassende Auftaktveranstaltung in der Cityseelsorge“, wünschte sich Pfarrer Dr. Ehler.