Weltkirche

Diözesane Eröffnung der Misereor-Fastenaktion: „Teilen auf Kosten der eigenen Substanz“

13.03.2022 13:29

Tutzing (pba). Irgendwie fühlte es sich nach zwei Jahren Pandemie ungewohnt an: Eine gut gefüllte Pfarrkirche St. Joseph, musikalisch gestalteter Festgottesdienst, ein buntes Fahnenmeer der kirchlichen Verbände. Daneben im Brunnenhof zwischen Kirche und Roncallihaus einladend wirkende Biertischgarnituren, der Geruch von Eintopf lag in der Luft und sogar das Wetter machte mit. An diesem zweiten Fastensonntag war die Weltkirche zu Gast bei der diözesanen Eröffnung der Misereor-Fastenaktion in Tutzing - unter Federführung von pax christi in Zusammenarbeit mit der Pfarrei und der Abteilung Weltkirche im Bistum Augsburg. 

Daumen nach oben für die Eine Welt: Vertreter von Bistum, Pfarrei und Misereor vor dem Eröffnungsgottesdienst in der Kirche St. Joseph in Tutzing. (Fotos: Nicolas Schnall / pba)

Mit deutlichen Worten ermutigte Bischof Dr. Bertram Meier zu gemeinsamen Kraftanstrengungen für eine gerechte Verteilung der Güter auf dieser Welt. „Nicht nur etwas vom Überfluss abgeben, sondern teilen auch auf Kosten der eigenen Substanz“, forderte der Bischof in seiner Predigt. Gemeinsam mit Pfarrer Peter Brummer, Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel, Misereor-Gast Paula Fernandez von den Philippinen sowie Vertretern kirchlicher Verbände, den Missions-Benediktinerinnen und Mitgliedern der Pfarrei St. Joseph feierte er einen Festgottesdienst zu Beginn des Aktionstags. Ein Gottesdienst, der nicht nur bei den Fürbitten weltkirchlichen Geist atmete, kamen doch die Lektorinnen und Lektoren aus der Ukraine, Afghanistan, von den Philippinen - und wie die bekannte Sr. Raphaela Händler - gefühlt vom afrikanischen Kontinent.

Bischof Bertram zeigte auf, dass Hunger nicht in erster Linie eine Frage der ausreichenden Erzeugung von Nahrungsmitteln sei, sondern eine Frage der Möglichkeiten der Menschen, Nahrungsmittel zu kaufen oder selbst zu erzeugen. „Vielen Menschen wird der Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen wie Land, Wasser, Weide versperrt. Andere verlieren ihre Ressourcen, weil die Böden unfruchtbar und die Quellen versiegt sind, weil Pflanzen und Tierarten verschwinden, weil den Bauern traditionelle Nutzungsrechte und lokale Märkte vorenthalten werden.“ So sei Hunger das Resultat ungerechter Verteilung der Güter, die Gott für alle Menschen geschaffen habe, rief Bischof Bertram den Gottesdienstbesuchern in Erinnerung.

Gleichzeitig appellierte er an das Verantwortungsgefühl unserer christlichen Gemeinschaft: „Wer nur seinen Hunger stillen will und den armen Lazarus vor der Tür der Märkte sitzen lässt, der kann eigentlich nicht als Mensch essen, erst recht nicht als Christ. Brot wird dann menschlich, wenn es unser gemeinsames Brot wird.“ In diesem Zusammenhang würdigte der Bischof auch die Arbeit des Bischöflichen Hilfswerks mit Blick auf die globale Ungerechtigkeit. Misereor dränge uns, mit Jesus abzusteigen dorthin, wo Not und Leid auf der Tagesordnung sind. Misereor sei unbequem. Misereor stelle bohrende Fragen wie etwa: „Wovon lebt der Mensch? Wovon leben wir? Warum können die einen nicht überleben, während andere im Überfluss leben?“ Jesus gehe es nicht nur um den Himmel danach, sondern auch um das Brot auf dieser Erde.

Bischof Bertram erinnerte in Tutzing auch an den ehemaligen brasilianischen Erzbischof Dom Helder Camara, der als Freund und Botschafter von MISEREOR zeitlebens das vorlebte, wofür er stritt. Er ging in die Elendsviertel und teilte mit den Armen Brot und Leben, so der Bischof. Für ihn sei angesichts seines Glaubens an die Ewigkeit „gelebte Liebe“ die einzige Währung gewesen.

 

Ortswechsel: „Markt der Möglichkeiten“ zwischen Kirche und Roncallihaus

Eingerahmt von musikalischen Darbietungen von Tutzinger Grundschülern und einem Kurz-Theater von pax christi, das den Zuschauern im Brunnenhof vermitteln wollte, dass Katastrophen - mögen sie noch so weit entfernt sein - jeden Menschen herausfordern und persönlich ansprechen, widmete sich ein Podium dem diesjährigen Aktionsthema der Fastenaktion „Es geht! Gerecht.“ Die Protagonisten: Bischof Bertram, Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel und Projektpartnerin Paula Fernandez.

 

 

Für den Hauptgeschäftsführer Spiegel sei Gerechtigkeit der Horizont, zu dem wir hinwollen. „Auf diesen gemeinsamen Weg möchten wir alle einladen!“ Misereor-Gast Fernandez dachte beim Aktionsmotto unweigerlich an das Klima. „Die Kirche sollte eine Vorreiterrolle in Sachen Gerechtigkeit übernehmen.“ Dazu zähle für den Gast von den Philippinen natürlich auch die Klimagerechtigkeit. Gerade mit Hilfe eines starken Projektpartners wie dem Bischöflichen Hilfswerk Misereor an der Seite sei es der von ihr geleiteten Organisation Pagtambayayong in den vergangenen Jahren möglich gewesen, gemeinsam und für die Ärmsten zu arbeiten. Ein wichtiger Teil der Arbeit vor Ort sei die Befestigung von Flussufern mit Bambusbepflanzung.

Bischof Bertram sehe in dem Leitsatz ein „Hoffnungswort“. Er sei zuversichtlich, dass weiter etwas geht und dass es vor allem gerecht zugehen müsse. Er bezeichnete sich selbst als Lobbyist für die von der päpstlichen Enzyklika Laudato si aufgeworfenen Themen. „Katholisch sein heißt für mich weltkirchlich unterwegs zu sein.“ Daher kritisierte der Bischof auch, dass Themen wie Bewahrung der Schöpfung, Klimagerechtigkeit und Ökumene beim Synodalen Weg überhaupt keinen Platz hätten. „Mir geht es um das Netzwerk globale Kirche und da kann ich auch sehr unangenehm werden.“

Neben dem Solidaritätsessen konnten sich die Besucher im Roncallihaus und in der Grundschule über Eine-Welt-Aktivitäten der diözesanen Verbände und insgesamt 19 verschiedener Gruppen vor Ort informieren. Darunter waren das Kolpingwerk zum Thema „Wasser und Gerechtigkeit“, der Frauenbund mit seiner traditionellen Solibrot-Aktion und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) mit der Berechnung des ökologischen Fußabdrucks. Aber auch die Pfarrei hatte sich einiges einfallen lassen, angefangen von Workshops, in denen aus Tetrapacks Geldbörsen entstanden oder einer Schnitzeljagd mit Fragen zur Klimagerechtigkeit. Dabei wurde das Fastenaktions-Thema von MISEREOR weltweit beleuchtet, aber auch für Tutzing ganz konkret angeschaut.

 

Eine Veranstaltungsübersicht mit allen noch stattfindenden Terminen ist zu finden unter: www.bistum-augsburg.de/weltkirche.

Zur Projektpartnerin von Misereor:

Paula Fernandez ist 39 Jahre alt und wurde in Cebu City geboren. Nach ihrem Studium im Bauingenieurwesen war sie zunächst als Projektingenieurin verantwortlich für den Bau und die technische Umsetzung von drei Gemeindeentwicklungs-Projekten – unter anderem der Bau von Stelzenhäusern für Badajos (indigene Volksgruppe) in den südlichen Küstenslums von Cebu.

Seit 2014 arbeitet Paula Fernandez als Direktorin für die Organisation Pagtambayayong. Das ist eine kirchennahe, nichtstaatliche Organisation, die 1982 von einer Gruppe von Bürgern, mit der Vision für eine gerechte und humane Welt gegründet wurde, die die Entwicklung aller Menschen in dieser und in der zukünftigen Generation gewährleisten möchte.

Besonders im Fokus stehen aktuell die Schaffung eines öffentlichen Bus-Nahverkehrssystems sowie die Begrünung im städtischen Bereich, um zur Klimaverbesserung beizutragen. Die Förderung der Klimapolitik durch Pagtambayayong zielt darauf ab, an Beispielen zu zeigen, dass Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels tatsächlich und vor allem die arme Bevölkerung in den Städten schützen und ihnen zugutekommt. Immer häufiger auftretende Taifune stellen eine große Herausforderung dar, die besonders Probleme in den Armenvierteln mit sich bringen. Durch gezielte Maßnahmen und Schulungen erfolgt eine Sensibilisierung für diese Themen.

 

Weitere Infos zu Misereor:

Das Bischöfliche Hilfswerk MISEREOR e.V. (lat. misereor „Ich erbarme mich“) ist eines der größten Hilfswerke der römisch-katholischen Kirche in Deutschland und hat seinen Sitz in Aachen. Aufgrund von Initiativen verschiedener kirchlicher Gruppierungen seit 1954 wurde auf der Fuldaer Bischofskonferenz 1958 der Grund für dieses Werk gelegt. Die erste Fastenspendenaktion startete 1959. Nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe unterstützte Misereor seit seiner Gründung im Jahr 1958 mehr als 130.000 Projekte in Asien, Afrika, Ozeanien und Lateinamerika. Das selbsterklärte Ziel Misereors ist es, den Ärmsten der Armen zu helfen und gemeinsam mit einheimischen Partnern Menschen jedes Glaubens, jeder Kultur und jeder Hautfarbe zu unterstützen. Jedes Jahr erreichen Misereor etwa 6.000 Projektanfragen. Die jährliche Fastenaktion soll den katholischen Pfarrgemeinden die Lebenswelt der Menschen nahebringen, die unter Armut und Ungerechtigkeit zu leiden haben.

 

Weitere Infos unter: www.misereor.de

 

Kontakt und Ansprechpartner:

Abteilung Weltkirche
Anton Stegmair, Bischöflicher Beauftragter
Peutingerstr. 5
86152 Augsburg
Tel. 0821-3166-3111
E-Mail: anton.stegmair@bistum-augsburg.de