01.07.2012 14:57

Augsburg (pba). Weihbischof em. Rudolf Schmid ist am Samstag im Hohen Dom zu Augsburg beigesetzt worden. Weihbischof Schmid war am vergangenen Sonntag im Alter von 97 Jahren verstorben. Das Requiem wurde von Bischof Dr. Konrad Zdarsa zelebriert. Domdekan Dr. Dietmar Bernt hielt die Predigt, die wir untenstehend dokumentieren. Dompropst Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger nahm die Beisetzung in der Weihbischofsgruft vor. Hier gibt es eine Bildergalerie mit Fotos vom Requiem und der Beisetzung.

Sie können die untenstehende Predigt von Domdekan Dr. Dietmar Bernt auch unter folgendem Link im PDF-Format herunterladen:

Ansprache von Domdekan Dr. Dietmar Bernt
zur Beisetzung von Weihbischof Rudolf Schmid

am 30.06.2012 im Hohen Dom zu Augsburg

Wenige Tage vor seinem Tode sagte Weihbischof Schmid zu mir: „‘Benedictus Deus‘ ist für mich nicht irgendein Spruch, sondern der Inhalt meines Lebens.“ Er sagte dies nicht etwa stolz, sondern demütig, als Bekenntnis und mit freudiger Dankbarkeit. Ich dachte mir, wie schön ist es, wenn jemand angesichts seines Todes und in der Rückschau auf ein reich erfülltes Leben so sprechen kann.

Ein zweites Wort, das wir in der heutigen Lesung hörten, ist für die Sicht seines Lebens ebenso charakteristisch: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind.“ (Röm 8,28) - oder, wie er gern zu sagen pflegte: „Alles, was uns im Leben begegnet, ist Führung und Fügung eines liebenswürdigen Gottes.“ Wenn er auf die Stationen seines Lebens zurückschaute, hat er das auch näher ausgeführt. Und auch wir wollen heute versuchen, sein Leben in diesem Licht zu betrachten.

Am 26. Juni 1914 erblickte Rudolf Schmid in Schiers in der Schweiz (Kanton Graubünden) als erstes von vier Kindern des Schreinermeisters Franz Schmid und seiner Ehefrau Magdalena das Licht der Welt. Der Vater hatte dort mit seinem Bruder eine kleine eigene Schreinerei gegründet. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges verlegte die Familie den Wohnsitz nach Augsburg. Hier besuchte Rudolf Schmid die Volksschule und das Benediktiner-Gymnasium bei St. Stephan.

In der Rückschau auf diese Zeit vermerkt Weihbischof Rudolf – und darin zeigt sich wieder seine grundlegende Sicht auf das Leben, nämlich alles, auch das Schwere, als Gabe und in der Gabe als Führung und Fügung eines gütigen Gottes anzusehen - :„Schon in frühester Jugend“, schreibt er, „lernten wir als Kinder, die vier Geschwister, die Not der damaligen Zeit in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, die Zeit der Inflation, der Arbeitslosigkeit sehr deutlich kennen und verspürten sie am eigenen Leibe. Gleichzeitig lernten wir aber auch – ein Gewinn fürs ganze Leben – uns in allem zu bescheiden, mit Wenigem und Notwendigem zufrieden zu sein und auch in der frühen Kindheit und Jugend die Lasten und Sorgen mitzutragen, welche auf den Schultern der Eltern ruhten“.

Schon sehr früh war in dem Schüler und Studenten Rudolf - ein gutes und religiöses Elternhaus und wohl auch die Erziehung durch die Benediktiner hatten das Fundament dafür gelegt - der Entschluss gereift, Priester zu werden. Nach dem Abitur im Jahre 1933 studierte er Philosophie an der damaligen Philosophischen Hochschule bei St. Stephan und an der Universität Tübingen. 1934 setzte Rudolf Schmid mit gleichzeitigem Eintritt in das Bischöfliche Priesterseminar in Dillingen sein Theologie-Studium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule bis zum Abschluss im Jahre 1938 fort.

Nach seiner Priesterweihe am 26. Juni 1938 in der Studienkirche zu Dillingen und seinem ersten Einsatz als Kaplan in Murnau kam der junge Priester Schmid als Stadtkaplan in die Stadtpfarrei St. Peter und Paul in Augsburg-Oberhausen.

Ab Dezember 1939 bis Kriegsende 1945 leistete er als Sanitätssoldat Militärdienst, der mit einer schweren Verwundung und 4 Monaten Lazarett-Aufenthalt am 5. Juli 1945 endete.

In dem Buch „Priester in Uniform“ schreibt Rudolf Schmid: Er habe von Anfang an feststellen dürfen, dass er von den Kameraden der Truppe mit einer gewissen Neugier als „Pfarrer“ aufgenommen wurde. Von Fremdheit, Misstrauen oder gar Ablehnung sei nichts zu spüren gewesen. An Gesprächsstoff habe es nie gefehlt bis hin zu ernsten Glaubens- und Lebensfragen. Wann immer möglich habe er versucht, die Hl. Messe zu feiern und die Einladung dazu sei bei den meisten Kameraden auf positive Resonanz gestoßen. Seelsorger konnte und durfte er immer wieder an Krankenlagern bei Verwundeten in Sammelstellen und in Lazaretten sein; aber ebenso in der eigenen Einheit bei den Kameraden - und nicht nur bei den katholischen

Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst konnte Rudolf Schmid seine Tätigkeit als Kaplan bei St. Peter und Paul in Augsburg-Oberhausen bei dem von ihm sehr geschätzten Stadtpfarrer und Geistl. Rat Kerker fortsetzen. Sein Mitkaplan war der Neupriester Josef Stimpfle - auch eine Fügung, wie sich später herausgestellt hat. 1949 wurde er als hauptamtlicher Religionslehrer an das Humanistische Johann-Michael-Sailer-Gymnasium in Dillingen berufen.

Nach vierzehnjähriger fruchtbarer Tätigkeit als Religionslehrer berief Bischof Dr. Josef Stimpfle den Studienprofessor Rudolf Schmid zum Regens an das Priesterseminar der Diözese Augsburg in Dillingen.

Hier lernte ich ihn als Seminarist, der soeben aus dem „Frei-Jahr“ ins Seminar zurückgekehrt war, kennen und schätzen In meiner Ansprache anlässlich des 75. Geburtstages von Weihbischof Rudolf Schmid beschrieb ich meinen ehemaligen Regens mit folgenden Worten:

"Ich möchte im Folgenden auf drei Charakteristika eingehen, die mir schon beim damaligen Regens und erst recht beim Weihbischof aufgrund einer besonderen Ausprägung aufgefallen sind und für deren Vorbildlichkeit ihm viele danken: Ich meine seine innige und zugleich ehrfürchtige Liebe zum Herrn, seine dankbare und unerschütterliche Liebe und Treue zur Kirche und seine gütige und fürsorgliche Liebe zu den Armen."

Es waren nicht so sehr seine Exhorten und Vorträge, die uns in Erinnerung geblieben sind, sondern prägend war, was er in unbedingter Glaubwürdigkeit und Echtheit gelebt und geradezu ausgestrahlt hat. Wir verspürten seine innige Beziehung zum Herrn, die aber Gott nie als einen Partner – gleich auf gleich – vereinnahmte, sondern die Gott groß und heilig sein ließ, was auch in einer nach außen spürbaren Ehrfurcht zum Ausdruck kam. In einer Zeit, da emanzipatorische Vorstellungen zum bestimmenden Maßstab sogar für das Gottesbild werden können, ist so ein Vorbild besonders kostbar. Wir danken es unserem Verstorbenen umso mehr, als er uns zeigte, dass solche Ehrfurcht vor Gott menschenfreundlich und gütig macht, bescheiden, demütig und groß zugleich.

Wir hörten in der Lesung: „Denn alle, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen. Und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ (29.30) Eine wichtige Glaubenssicht, die er uns vermittelte, war das Wissen, ja das Überwältigt-Sein von der zuvorkommenden Liebe Gottes, war das Wissen um die Kostbarkeit der Berufung als Getaufter und besonders zum Priestertum des Herrn, das eine besondere Teilhabe an Wesen und Gestalt Christi vermittelt.

Verbunden mit der Liebe zu Gott erlebten wir auch stets eine große und dankbare Liebe zur Kirche; eine Liebe, die der realen Kirche und nicht einer Utopie oder einem Kirchentraum galt.

1969 berief Bischof Dr. Stimpfle Monsignore Rudolf Schmid in das Domkapitel als Referent für Priester und Priesteramtskandidaten, zuständig für die Bischöflichen Seminare im Bistum Augsburg und Leiter der Diözesanstelle „Berufe der Kirche“.

Gleichzeitig erfolgte die Wahl und Ernennung zum 1. Vorsitzenden des Caritasverbandes für die Diözese Augsburg und zum I. Vorsitzenden der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg.

Am 10. Januar 1972 ernannte Papst Paul VI. den Domkapitular Schmid zum Titularbischof von Dionysiana und zum Weihbischof in Augsburg. Die Bischofsweihe erfolgte durch Bischof Dr. Stimpfle am 25. März 1972 im Hohen Dom zu Augsburg. Vorangegangen war die Instituierung als Dompropst.

Mit der Bischofsweihe erfolgte auch die Ernennung als Bischofsvikar für den Bereich Caritas und Soziales, sowie als Bischofsvikar für den Bereich Geistliche Berufe und Seminare. Zudem übernahm er später den Vorsitz des neugegründeten Diözesanbehindertenwerks und die Geschäftsführung des Verena-Werks für Pfarrhaushälterinnen.

Nun kam der dritte Grundzug seines priesterlichen und bischöflichen Wirkens so richtig zur Entfaltung: seine große Liebe zu den Geringsten seiner Brüder und Schwestern – zu den Menschen in Not und Bedrängnis, zu den armen, kranken und behinderten Menschen und zu den sonst wie zu kurz gekommenen. Wer eine Begegnung des Herrn Weihbischof mit behinderten Menschen miterlebt hat und sah, wie sie an ihm hingen und ihn verehrten, weil sie spürten, da ist jemand, der uns wirklich mag und der uns glauben lässt, dass Gott uns liebt, der konnte erkennen, worauf es in der Caritas der Kirche vor allem ankommt: nämlich auf diese persönliche, wohlwollende Zuwendung zum Menschen, nach dem großen und neuen Gebot des Herrn: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12).

Auch nach seiner Emeritierung als Dompropst am 1. Dezember 1989 und nach seiner Emeritierung als Weihbischof am 11. Juli 1990 behielt Weihbischof Schmid die Verantwortung für die oben genannten Bereiche bis zu seiner Entpflichtung als Bischofsvikar am 1. März 1994 bei.

Rudolf Betz, ein ehemaliger Seminarist, der ihm nach seiner Emeritierung - und vor allem als die Kräfte immer mehr nachließen - in wahrhaft selbstloser und aufopfernder Weise gleichsam als „Privatsekretär ehrenhalber“ gedient hat, schreibt anlässlich seines 90. Geburtstags:

Seine robuste Gesundheit, die unerschütterliche Liebe und Treue zur Kirche und vor allem aber die Liebe zu den Menschen, vorrangig zu den ärmsten unter ihnen, gaben ihm die Kraft, dieses gewaltige Arbeitspensum über viele Jahre hinweg zu bewältigen. Denn dazu kamen ja noch die Aufgaben als Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz und … der Freisinger Bischofskonferenz, vor allem aber priesterliche und bischöfliche Dienste bei Firmungen und Visitationen, Bischofsbesuche in den Pfarrgemeinden aus verschiedenen Anlässen, Konsekrationen von Kirchen und Altären und die Spendung der heiligen Weihen.

Seine gute Schwester Klothilde hat Weihbischof Schmid in bewundernswerter Treue und Fürsorge über sechs Jahrzehnte auf seinem Lebensweg begleitet. Doch wegen der rapide nachlassenden Sehkraft ihrer Augen mussten sich beide zur Aufgabe ihres langjährigen Wohnsitzes im vertrauten Domviertel entschließen und haben - durch glückliche Fügung und Führung, wie der Herr Weihbischof betonte - im Altenheim der Barmherzigen Schwestern beim Vincentinum zu Augsburg eine gute, einfühlsame und fürsorgliche Aufnahme und eine neue Heimat gefunden.

Die Schwestern konnten auch in der Zeit zunehmender Einschränkungen und Beschwernisse erleben, was sein Leben geprägt hat. Sie erlebten einen eifrigen Beter, für den das Brevier bis zuletzt sehr wichtig war als das Gebet der Kirche zur Ehre Gottes und in den vielfältigen Anliegen der Menschen.

Der geistliche Mittelpunkt seines priesterlichen und bischöflichen Lebens war die tägliche Feier der Hl. Eucharistie, auf die er sich bis in die letzten Tage gewissenhaft vorbereitete. Wer die Eucharistiefeier mit ihm erleben durfte – zuletzt nur noch ein kleiner Kreis vornehmlich alter und kranker Schwestern -, dem begegnete ein von tiefer Frömmigkeit geprägter Priester.

Dazu zeichnete ihn bis ins hohe Alter eine überzeugende Anteilnahme an Freud und Leid der ihm begegnenden Menschen aus. Er konnte sich aufrichtig freuen mit den Fröhlichen und trauern mit den Trauernden. Er kreiste nicht um sich selbst und seine Befindlichkeiten, sondern zeigte eine wirkliche Anteilnahme und Fürsorge für seine Mitmenschen.

Kennzeichnend für ihn war auch eine selbstlose und herzliche Hilfsbereitschaft einschließlich einer großzügigen Bereitschaft zu Spenden an alle möglichen Einrichtungen und in allen möglichen Nöten. Seine allseits geschätzte Liebenswürdigkeit ließ ihn zum Freund vieler Menschen werden. Dies geht auch aus den unzähligen Briefen hervor, die ihn zu allen möglichen Anlässen erreichten - und die er alle gewissenhaft mit seiner schönen, prägnanten Schrift beantwortete. Als die unmittelbaren Begegnungen sich immer mehr auf einen kleinen Kreis beschränkten, nahm er durch seine Korrespondenz geradezu ein Schriftapostolat wahr.

Weihbischof Schmid hat Vielen viel gegeben, aber Gott hat ihm in gewisser Weise auch hier schon manches vergolten. Die barmherzigen Schwestern - und insbesondere Sr. Luitgard war für ihn und seine Schwester da, als wären es die eigenen Elter. Das hat Weihbischof Schmid mit großer Dankbarkeit erfüllt und ihm die letzten Jahre mit ihren zunehmenden Einschränkungen und Bedrängnissen und Nöten aufgehellt.

Doch nachdem seine Schwester am 10. April verstarb, wollte er nur noch mit ihr vereint beim Herrn sein; auf jeden Fall, meinte er, bis zu seinem 98. Geburtstag und nach Möglichkeit schon vorher. Der Herr hat ihn am 24. Juni, zwei Tage vor seinem Geburtstag und vor dem 74. Jahrestag seiner Priesterweihe zu sich gerufen.

Nach dieser Vita, die von Gott geführt und gefügt war, können wir mit dem hl. Paulus fragen: „Was ergibt sich nun, wenn wir das alles bedenken?“ (31a)

Und ich bin gewiss, der Herr Weihbischof würde aus voller Überzeugung und mit dem Hinweis, dass er es so erlebt hat, in das Bekenntnis des hl. Paulus einstimmen: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (31b.32) Das ist die kostbare Mitte seines und unseres Glaubens, dass wir an einen Gott glauben, der uns in Jesus Christus sein Angesicht gezeigt, sein Herz aufgetan hat und uns geliebt hat bis zum Äußersten.

Aber der Herr Weihbischof hatte auch immer wieder den Ernst der menschlichen Situation vor Augen, den der hl. Paulus in den nächsten Versen anklingen lässt: „Wer kann die auserwählten Gottes anklagen? (33a) Wer kann sie verurteilen? (34a) Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ (35a)

Das Leben des Menschen spielt sich ständig und grundsätzlich in Verantwortung vor Gottes Gericht ab. darum wusste er, und das hat ihn manchmal auch beunruhigt. Doch stärker war die Überzeugung, nichts, keine Macht der Welt kann uns scheiden von der Liebe Christi (vgl. 37-39) – oder mit einem Wort, das ihm sehr teuer war: „Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz und er weiß alles!“ (1 Joh 3,20).

In den letzten Wochen bewegte ihn besonders die Sorge, wie es mit unseren Familien weitergeht, wenn sie das religiöse Fundament verlieren. Wie es mit unserer Gesellschaft weitergeht, wenn ihr die christlichen Werte, ja Gott selbst, immer fremder, wenn nicht gar gleichgültig werden. Er war beunruhigt, doch am Schluss seiner Erwägungen sagte er mit Festigkeit und wiederholte es mehrfach: „Deus semper major!“ – Gott ist größer als unsere Überlegungen und Sorgen! Dieses Bekenntnis wollen wir hineinnehmen in unseren Alltag und in der Eucharistiefeier, die die Mitte seines Lebens war, danken für alles, was er uns gegeben hat und ihn der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen.

Amen.