175 Jahre Regens-Wagner-Stiftungen

"Dem Impuls des Herzens folgen"

29.04.2022 13:48

Das katholische Sozialwerk für Menschen mit Behinderung feiert heuer einen runden Geburtstag: 1847 gründeten der Priester Johann Evangelist Wagner und die Franziskanerin Theresia Haselmayr eine Schule für hörgeschädigte Mädchen. In einem Festgottesdienst in Dillingen betonte Bischof Bertram die reiche Geschichte tätiger Nächstenliebe, die damit ihren Anfang nahm.

Im Rahmen des Gottesdienstes brachten Vertreter und Vertreterinnen aller 14 Regens-Wagner-Zentren in Bayern selbstgebackenes Brot zum Altar (Fotos: Julian Schmidt / pba)

Jesus sei jemand gewesen, der nicht nur über den Glauben sprach und Kranke heilte, sondern auch konkret das materielle Wohl der Menschen um sich im Auge hatte, betonte der Bischof eingangs in seiner Predigt: „Jesus gehört nicht zu den Lehrern, die von anderen unnötig Verzicht oder Verleugnung ihrer Bedürfnisse fordern. Wer das tut, muss aufpassen, dass er seinen Einfluss auf andere nicht missbraucht.“ Stattdessen sei er ganz Mensch und Mitmensch gewesen und voller Verständnis für die Bedürfnisse und Nöte seiner Zuhörer.

Vor 175 Jahre seien Johann Evangelist Wagner und Theresia Haselmayr einem ähnlichen Impuls gefolgt und hätten sich von der unmittelbaren Not ihrer Mitmenschen anrühren lassen. Dabei sei dies nicht ohne Risiken vonstattengegangen: „Die Mehrheitsgesellschaft grenzt sich schnell ab, die Banken geben keinen oder nur äußerst ungern Kredit für eine Unternehmung, die nicht von vorneherein erfolgversprechend ist.“ Daher sei es wirklich als eine göttliche Fügung anzusehen, dass sich mit den beiden nicht nur zwei „burning persons“ in tatkräftiger Gottes- und Nächstenliebe gefunden hatten und – für das 19. Jahrhundert erstaunlich und auch heute nicht immer selbstverständlich – gleichrangig und geschwisterlich ergänzt hätten, sondern dass das Werk der Beiden bis heute so reiche Früchte trage.

Der Gottesdienst wurde simultan in die Deutsche Gebärdensprache übersetzt.

Dies sei für die Gründer des Sozialwerks vor allem deshalb möglich gewesen, weil sie von ihren Mitmenschen Unterstützung erfuhren und weil sie alle Unsicherheiten und Unwägbarkeiten durch ihr tiefes Gottvertrauen auffangen konnten: „Wo wir rückhaltloses Vertrauen in die Waagschale werfen, da schenkt Gott in überreicher Fülle.“ Insofern seien sowohl das Vorbild Jesu als auch die Arbeit und der Glaube von Regens Wagner und Schwester Theresia als Ansporn für heute zu verstehen: Nun sei es an uns, „unsere Talente, unsere Empathie und Einflussmöglichkeiten einzusetzen, um sie vermehren zu lassen zum Wohl aller.“

Der auch durch Radio Horeb übertragene Festgottesdienst in der Dillinger Christkönigskirche wurde von Mitarbeitenden der Regens-Wagner-Stiftungen sowie dem Gebärdenchor des Sozialwerks musikalisch begleitet. Im Anschluss fand ein Festakt im Dillinger Stadtsaal statt, bei dem die gehörlose Psychiaterin Dr. Inge Richter aus Erlangen die Festansprache hielt. Der Gottesdienst stellte dabei den Startschuss für ein Festjahr statt, in dem unter dem Motto „Start-Punkt, Ziel-Punkt, Mittel-Punkt Mensch“ bis in den kommenden Januar hinein zahlreiche Veranstaltungen angeboten werden. Den Abschluss bildet dabei ein Gedenktag am 27. Januar 2023 für die Menschen, die während der nationalsozialistischen Diktatur aus den Regens-Wagner-Einrichtungen deportiert und ermordet wurden.

Das Regens-Wagner-Werk wurzelt in einer 1847 durch den Dillinger Dogmatikprofessor Johann Evangelist Wagner und die Dillinger Franziskanerin Schwester Theresia Haselmayr gemeinsam vorgenommenen Gründung einer Taubstummenschule in der Donaustadt. Heute besteht das Werk aus acht Stiftungen, die in über 50 Standorten in Bayern und Ungarn mehr als 9300 Menschen mit Behinderung betreuen. In den Einrichtungen arbeiten rund 7500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Der Gebärdenchor des Regens-Wagner-Werks.
Der geistliche Direktor und Stiftungsvorstand Pfarrer Rainer Remmele.
Im Anschluss kam die Festgemeinschaft im Dillinger Stadtsaal zusammen.