Pfarreien / Dekanate

Bischof Bertram profaniert Kirche St. Martin in Lagerlechfeld

27.12.2020 14:09

Augsburg (pba). Bischof Dr. Bertram Meier hat heute in einem feierlichen Gottesdienst die Kirche St. Martin in Lagerlechfeld profaniert. Das Gotteshaus war aufgrund demographischer Veränderungen für die Zwecke der Pfarrei zu groß geworden. Nach einem Umbau werden ein neuer Gottesdienstraum sowie ein Kunstdepot der Diözese dort einziehen.

Zu Beginn seiner Predigt stellte der Bischof die Frage: „Ist die Kirche vielleicht schon profan, das heißt außerhalb des Heiligen, längst bevor wir Gotteshäuser offiziell profanieren?“ Die Coronakrise halte der Kirche insofern auch den Spiegel vor – was müsse man im kirchlichen Leben ausbauen und verstärken, aber auch: Worauf könne man verzichten, wovon müsse man sich trennen?

In diesen „Spiegel der Wahrheit“ hätte die Pfarrgemeinde von Lagerlechfeld in den vergangenen Jahren „aufmerksam und ehrlich“ geschaut, betonte der Bischof. In einem langjährigen Prozess des Überlegens und des Dialogs sei eine Entscheidung gereift. Der heutige Tag gleiche weniger einer Bestattung, sondern bereite vielmehr den Geburtstag für neues kirchliches Leben in der Gemeinde vor. Die Kirche bleibe somit buchstäblich im Dorf, so der Bischof.

Aufgrund der sich verringernden Zahl der Gottesdienstbesucher und der veralteten Energetik des Gebäudes sei der mit der Profanierung gesetzte Schritt „logisch und geistlich notwendig“, betonte Bischof Bertram. Die Kirchengemeinde habe über ein halbes Jahrhundert hinweg viel auf die Beine gestellt, und auch die Kirche selbst sei vielen Menschen als geistlicher Mittelpunkt ans Herz gewachsen.

Bischof Bertram bei der Predigt (Fotos: Julian Schmidt / pba)

Dennoch sei der Abschied vom alten Gotteshaus St. Martin nur die eine Seite der Medaille. „Wenn jetzt die Kirche geschlossen wird, ist dann auch der Himmel verschlossen? Es tut weh, wenn eine Kirche zugemacht wird. Aber ich verspreche Ihnen: Der Himmel bleibt offen. Mehr noch! Der heutige Tag ist ein Auftrag für Sie, liebe Christen von Lagerlechfeld: Halten Sie einander den Himmel offen!“, rief der Bischof der Gottesdienstgemeinde zu.

Der alte Sakralraum bleibe als Depot für religiöse Kunstgegenstände weiterhin in kirchlicher Nutzung. Zudem solle es einen kleinen Pfarrsaal geben, sagte der Bischof. Vor allem aber werde der Kirchenraum nicht schwinden, sondern lediglich „der Wirklichkeit angepasst“ und verkleinert. Als Bischof gehe ihm vielmehr das Herz auf, wenn er lese, was in der Gemeinde bereits alles geplant und verwirklicht sei als Zeugnis einer weiterhin lebendigen Gemeinschaft.

Pfarrer Thomas Demel und Bischof Bertram entfernen das Altartuch

Menschsein heiße „in der Liebe wurzeln“, zitierte der Bischof die jüdisch-deutsche Dichterin Hilde Domin am Ende seiner Predigt. Als Christ könne man nur leben, wenn man sich der Liebe als tiefster eigener Wurzel bewusst sei: „Nehmen wir Abschied von Alt-St. Martin und freuen wir uns, wie der hl. Martin Glauben und Leben zu teilen – hier auf dem Lechfeld und darüber hinaus!“

Nach der vorerst letzten Eucharistiefeier in St. Martin betete die Gemeinde: „Lass uns neu aufbrechen und schenke uns in diesem Gebäude einen neuen Kirchenraum, in dem wir uns als Volk Gottes um deinen Sohn Jesus Christus versammeln können.“ Der Ritus endete mit der feierlichen Entfernung des Allerheiligsten aus dem Tabernakel, der Entblößung des Altars und dem bischöflichen Segen.

Die Kirche St. Martin wurde 1965-67 als Kooperationsprojekt zwischen der Diözese Augsburg und dem Militärbischofsamt gebaut und diente neben der örtlichen Bevölkerung auch den in Lagerlechfeld stationierten Soldaten als Gotteshaus. Sie verfügte über rund 360 Sitzplätze. In den kommenden Monaten wird der Umbau unter Federführung des Kaufbeurer Architekturbüros Stadtmüller.Burkhardt.Graf sowie unter Beteiligung des Allgäuer Künstlers Christian Hörl beginnen.

Der leergeräumte Tabernakel von St. Martin

Neben einem Depot für religiöse Kunstgegenstände der Diözese wird in den ersten Stock des Neubaus auch ein neuer Gottesdienstraum mit rund 150 Plätzen einziehen. Die Fertigstellung des Umbaus wird für 2022 erwartet; bis dahin werden die Gottesdienste der Gemeinde von St. Martin in der Wallfahrtskirche Maria Hilf im benachbarten Klosterlechfeld stattfinden.

Eine Profanierung stellt einen kirchlichen Rechtsakt dar, über den der Bischof die Weihe einer Kirche zurücknimmt und das Gebäude der religiösen Nutzung entzieht. Vor der Entscheidung werden der Priesterrat der Diözese sowie Vertreter der betroffenen Gemeinde zu Rate gezogen.

Das Allerheiligste wird in einer Prozession aus der Kirche gebracht (Foto: Julian Schmidt / pba)
Das Martinsbild im Altarraum wird abgehängt (Foto: Julian Schmidt / pba)
Das Kircheninnere von Alt-St. Martin (Foto: Julian Schmidt / pba)