Vortrag

Wie viel Kirche braucht die Welt?

09.01.2021 21:00

„Die Kirche ist eine Gemeinschaft derer, die sagen können, dass sie den Ruf Jesu Christi ganz persönlich gehört haben. Dieses ursprüngliche Verständnis von Kirche wird auch das der nahen Zukunft sein – auch wenn dies für uns, die in volkskirchlichen Strukturen aufgewachsen sind, revolutionär klingen mag.“ Mit dieser Beschreibung hat Bischof Dr. Bertram Meier bei einem Vortrag für das sächsische Bildungshaus Schmochtitz seine Vorstellung von der Kirche der Zukunft skizziert.

Der Bischof war anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Bistums Dresden-Meißen eingeladen, zum Thema „Katholizismus von morgen – wie viel Kirche braucht die Welt?“ zu sprechen. Die Veranstaltung fand online statt.

Bischof Bertram zitierte Papst Franziskus, der bereits Monate vor Beginn der Corona-Pandemie von einer „Zeitenwende“ gesprochen hatte - einer Zeitenwende, der die Kirche nur begegnen könne, wenn sie sich daran erinnere, von jeher einem solchen Wandel in Kontinuität verpflichtet zu sein, also eine „ecclesia semper reformanda“ zu bleiben. „Schon allein deshalb“, so Bischof Bertram, „um nicht der Versuchung zu erliegen, Menschen den Zugang zu Gott zu versperren.“

Schon Papst Franziskus habe in „Evangelii Gaudium“ geschrieben: „Eine Kirche im Aufbruch ist eine Kirche mit offenen Türen. Die Kirche ist berufen, immer das offene Haus des Vaters zu sein. Alle können in irgendeiner Weise am kirchlichen Leben teilnehmen, alle können zur Gemeinschaft gehören, und auch die Türen der Sakramente dürfen nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden. Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“

Diese Aussagen, so Bischof Bertram, ließen keinen Zweifel: „Eine solche Kirche wird dringend gebraucht. Denn in der Begegnung mit Jesus und seiner Botschaft, die wir ermöglichen sollen und können, erfahren Menschen Heil und Heilung. Wir dürfen sie zum Heiland und Erlöser führen. Folglich muss Evangelisierung der Sakramentalisierung vorausgehen – ein alter theologischer Grundsatz, den ich in den letzten Monaten vor unterschiedlichen Adressaten herausgestellt habe; nicht selten mit dem Ergebnis, dass man mir zum Vorwurf gemacht hat, ich würde die Sakramente geringschätzen und damit einer Protestantisierung der katholischen Kirche das Wort reden.“ Tatsächlich, so der Bischof, sei das Gegenteil der Fall: Wort und Sakrament seien nicht als „aut – aut“ (entweder - oder) zu verstehen, sondern als „et – et“ (sowohl als auch).

Die Verwerfungen durch den Machtmissbrauch in der Kirche, durch Gewalt und Verbrechen im Verborgenen, seien schmerzhaft, so der Bischof – aber auch heilsam: „Bergen sie doch die Chance der Reue, der Neubesinnung, der Rückkehr zum Wesentlichen unseres Glaubens, kurz: zum Evangelium, in sich.“

Selbst, wenn die Gemeinschaft der Christinnen und Christen künftig keine gesellschaftliche Mehrheit darstellen sollte und dies Entmächtigung, Ohnmacht, in vielen Ländern vielleicht sogar noch mehr Verfolgung als heute schon bedeute: „Die Erfahrung einer ganz persönlichen Gottesbeziehung ist es, die sie vielen von uns voraushaben werden“, so Bischof Bertram.

Der Ausblick des Bischofs ist optimistisch: Um ihre Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, müsse die Kirche von heute und morgen zur „Gottesermöglicherin“ werden, müsse, statt den Blick auf ihn zu verstellen, auf ihn hin durchlässig und zum Medium für sein Licht, also buchstäblich durchscheinend werden, und, so Bischof Bertram: „Alles, was wir dazu brauchen, haben wir schon: So sehr wir die 2.000jährige Tradition auch mitunter als Klotz am Bein und - nicht zu Unrecht - als drückendes Erbe empfinden. Gerade heute ist es notwendig, unter dem Staub der Jahrhunderte die unvergänglichen Schätze wiederzuentdecken: die biblische Offenbarung, das Wort der Schrift, den Reichtum der Tradition und die sakramentalen Gnaden; aber auch das Vorbild von Menschen, die wie ein Bergkristall das göttliche Licht in den Farben des Regenbogens brechen, Lehr- und Lebensmeisterinnen von Glaube, Hoffnung und Liebe sind... Schließlich ist Kirche nach uralter Überzeugung Communio Sanctorum, Gemeinschaft, für die der Tod keine unüberwindbare Grenze, sondern eine Schwelle ins ewige Leben bedeutet.“

Nach dem Vortrag diskutierte Bischof Bertram mit dem evangelischen Berliner Landesbischof Christian Stäblein über Chancen für die Ökumene im 21. Jahrhundert. Beide waren sich einig darin, im Miteinander nicht in der 500-jährigen Konfliktgeschichte zu verharren, sondern das gemeinschaftlich Erreichte zu würdigen und in der Ökumene weiter gemeinsam nach vorne zu denken.