Studiennachmittag am Freitag, 22. Januar 2016 mit Professor Eberhard Schockenhoff im Haus Sankt Ulrich
Wo hört das Laster auf und fängt die Sünde an?
Die sieben Todsünden – seit jeher sind sie Symbol für menschliche Abgründe. Jede Zeit und jede Generation kennt sie: die Wichtigtuer und Geizhälse, die Neidhammel und Faulpelze, die Vielgefräßigen und Lüstlinge, die Streithähne sowieso.
Als Sünde gegen Gott und den Menschen hielten sie jahrhundertelang das egoistische Streben des Einzelnen mehr oder weniger in Zaum. Doch scheint sich dies heute zu ändern. Verbal und als akzeptiertes Verhalten wird die Lasterhaftigkeit kurzerhand zur Tugend erklärt: Geiz ist geil! Der „heilige“ Zorn. Flatrate-Essen bis zum Gehtnichtmehr. Und überhaupt: wer will schon eine „Spaßbremse“ sein? ...
In zwei Referaten stellte Professor Schockenhoff das Sündenverständnis in der katholischen Theologie vor. Ausgehend von der heutigen Nivellierung von Sünde und einem grenzenlosen Unschuldswahn, zeigte Schockenhoff die theologische Bedeutung und Sichtweisen der Erbsünde im Laufe der Kirchengeschichte auf. Sünde ist Selbstzerstörung, Störung der Ordnung der Menschenwelt und Abkehr von den göttlichen Seinsquellen, betonte Schockenhoff. Dass diese Akzente von Sünde heute nicht mehr wahrgenommen werden, liege auch an der verzerrten Verkündigung der Kirche. Viel zu lange zeichnete sie ein düsteres Menschenbild, nannte den Sünder einen Beleidiger Gottes und verkündete eine angstbesetzte, verbotsorientierte Religion mit strengen Strafen.
„Christliche Rede darf die Macht der Sünde nicht verstärken“, so Schockenhoff. Auch wenn der Mensch, wie es der Apostel Paulus ausdrückt, dem Gesetz des Fleisches unterworfen ist und zur Übertretung der göttlichen Gebote neigt, so nimmt er dennoch durch seine Hinwendung an Jesus Christus an der Gnade teil und kann immer wieder neu anfangen, das Gute zu tun und den „alten Adam“ ablegen. Ansätze zu einem neuen Verständnis von Sünde und Erbsünde zeigte Schockenhoff schließlich am Beispiel von Karl Rahner (Schuldgefühl der Menschheit vs. individuelle Verantwortung), Dorothee Sölle (strukturelle, soziale Sünde) und Dietrich Bonhoeffer (stellvertretende Schuldübernahme) auf.
An ausgewählten Beispielen der Sieben Todsünden – Hochmut, Völlerei, Trägheit – erläuterte Schockenhoff die Tragweite der Todsünden für das soziale und gesellschaftliche Zusammenleben heute. Wie bei allen Verhaltensweisen, die in eine Sünde ausarten und die wir als Sünden betrachten liegt es an uns, immer wieder das rechte, das mittlere Maß finden, die aristotelische metriopatheia. Wir müssen immer wieder erkennen, wann es genug ist.