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zum 3. Sonntag A (22. Januar 2017) im Mutterhaus Maria Stern und Dom

Beim Rufen helfen

23.01.2017 15:23

Evangelium Mt 4,12-23

  

Im Januar 1958 war in fast allen Kirchenzeitungen in Deutschland folgende Annonce einer Ordensgemeinschaft aus unserem Bistum zu lesen:

 

Achtung – Mädchen!

In einem größeren Kurhaus in Bayern, das geführt wird von einer religiösen Genossenschaft, finden katholische Mädchen im Alter von 20 bis 38 Jahren Aufnahme als Ordensschwester.

Geboten wird:      ein fester Arbeitsplatz

geregelte Freizeit

Dienstvertrag auf drei Jahre mit Erneuerungsmöglichkeit

Gefordert wird:    einwandfreie katholische Haltung

                            Sinn fürs Gemeinschaftsleben

                            Anpassung an den Betrieb

Fertige Berufe erwünscht. Anlernberufe können ebenfalls Aufnahme finden für Küche, Haus, Büro, Apotheke, ärztliche Assistenz, Badebetrieb, Landwirtschaft.

Angaben erbeten mit Lichtbild und Zeugnisabschriften unter Chiffre 422 an die Expedition dieses Blattes.

 

Berufungspastoral gestern und heute

 

Innerhalb weniger Wochen lagen auf diese Anzeige hin 35 Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet vor. Ein Beispiel für Berufungspastoral im Jahre 1958.

Wie sah die Berufungspastoral Jesu aus? Wie hat Jesus seine Apostel angeworben?

Begleiten wir ihn an das Ufer des Sees von Galiläa! Da gehen Fischer wie jeden Tag ihrer Arbeit nach. Gerade haben sie ihre Netze ausgeworfen. Jesus geht vorbei und sagt: „Kommt, folgt mir nach“ (Mk 1,17). Ohne Zögern lassen sie alles liegen und laufen ihm, dem Fremden, nach. Zurück bleiben die Netze, die Arbeit, der Vater und die Tagelöhner. Was sich die Angehörigen und Mitarbeiter wohl gedacht haben mögen?

Wahrscheinlich waren sie verblüfft, irritiert. Wo kämen wir hin, wenn jeder von einem Augenblick zum anderen alles im Stich lassen wollte: Frau und Kind, Beruf und Familie? Und das auf ein nur vages Versprechen hin: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen“ (Mk 1,17). Klingt das nicht nach Nepper, Schlepper, Bauernfänger? Was bedeutet dieses Angebot zur Umschulung? Mag sein, dass der Evangelist diese Szene ein wenig rosarot gemalt hat. Mag sein, dass sich alles etwas bescheidener abgespielt hat. Trotzdem bleibt das Erstaunen über die Spontaneität des Simon und Andreas, des Jakobus und Johannes.

Die heutige Situation sieht anders aus. Es mangelt nicht an Menschen, die am Ufer des Sees promenieren oder dahinvegetieren. Junge Leute, die ihre Netze waschen und dabei doch nicht die letzte Erfüllung finden, gibt es auch bei uns. Aber dass da jemand spontan alles hinter sich lässt, die Freiheit lässt, um sich ganz vom Herrn einspannen und binden zu lassen, das kommt eher selten vor. Viel Geduld und Einfühlungsvermögen wird denen abverlangt, die dem Herrn beim Rufen helfen wollen.

So geht unser Blick wieder an den Anfang zurück. Der Anfang hat es in sich. Das wissen wir schon von der (all)täglichen Morgentoilette. Wie der neue Tag läuft, das hängt oft daran, was am Morgen unsere ersten Gedanken sind, wenn wir vor dem Spiegel stehen. In der Frische des Anfangs wird das Spätere oft schon vorweggenommen. Das gilt auch für den Anfang des Reiches Gottes. Jesus spricht Menschen an, die sich privat und beruflich gut eingerichtet haben. Er redet nicht penetrant auf sie ein, er lockt nicht mit Zutraulichkeit, und doch spricht er mit Autorität. Er beruft: Kommt her, folgt mir nach (Mk 1,17).

Wenn Jesus ruft, weiß der Berufene nicht im Voraus, was ihn da alles erwartet. Es bleibt nicht bei einem Arbeitsverhältnis, es geht um eine Lebensgemeinschaft. Jesus will nicht, dass wir bei ihm jobben, sondern mit ihm leben. Sein Ruf wird zur Anfrage: Für wen hältst du mich? Was bedeute ich dir? Wie wichtig bin ich für dich in deinem Leben?

 

In der Freundschaft mit Jesus bleiben

 

Es geht nicht um eine Sache, es geht um Beziehung, um Freundschaft. Unser aller Aufgabe als Christen ist es, den Menschen auf der Suche eine Freundschaft anzubieten, die stabil ist und bleibt. Es geht um die Freundschaft mit Jesus – übrigens nicht virtuell, sondern in der Realität gelebter Beziehung. In Jesus findet der Berufene, der sein Herz verschenkt, seine Bleibe, seine neue Heimat, Geborgenheit und Perspektive. Bleiben: ein Grundwort im Johannes-Evangelium, das so viel erzählt von der Hingabe und vom Sich-Schenken. Doch „Bleiben“ allein genügt nicht. Jesus will kein Bleiben mit zusammengebissenen Zähnen und verbiesterten Mienen, er sagt: „Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15,9).

Jesus möchte kein Dabeibleiben nur aus Bequemlichkeit und Gewohnheit, weil die Kraft zu einer neuen Lebensgestalt(ung) fehlt. Das Bleiben soll geschehen aus Liebe und in Liebe. Bleiben hat mit Dauer zu tun. Bleiben braucht Zeit. Bleiben ist nicht langweilig. Nur darauf warten, dass die Zeit vergeht, ist Aussitzen, aber kein Sich-Verschenken.

Die Kunst des Bleibens beherrschen wir, wenn wir gelernt haben, bei uns selbst zu bleiben, uns treu zu bleiben ohne falsche Kompromisse und ohne Selbstbetrug. Ich wünsche uns, dass wir in die „Schule des Bleibens“ gehen, indem wir verantwortungsvoll und zugleich mutig sind im Hinblick auf persönliche Entscheidungen, die unserem Leben einen roten Faden geben. Und ich wünsche mir auch, dass viele mit Gottes Hilfe die „Meisterprüfung im Bleiben“ bestehen, wenn aus dem roten Faden ein silberner, goldener oder diamantener Faden wird (Hinweis auf Ehe-, Profess- und Priesterjubiläen).

 

Berufungspastoral: das Herz an den Angelhaken hängen

 

Es genügt nicht, in Jesu Schatten zu gehen. Der Ruf, ihm zu folgen, ist verknüpft mit dem Auftrag, Menschen zu fischen. Dieser Auftrag macht mich nachdenklich. Woran liegt es, dass die Menschen vor unseren Netzen fliehen?  Sind unsere Netze zu engmaschig gestrickt? Haben junge Leute Angst, ihre Freiheit könnte sich in den Maschen unserer Netze verlieren?

Diese Fragen machen mich bescheiden. Sie führen mich dazu, mein eigenes Wirken als Priester und Seelsorger unter die Lupe zu nehmen. Ich treffe Personen mit ihren unverwechselbaren Geschichten, mit ihren Ängsten und Nöten, mit ihren Wünschen und Plänen. Diese Menschen in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen, ihre Freiheit beachten, sie herausziehen aus dem trüben Wasser dieser Welt, um sie umzubetten in das Wasser des Lebens: Das heißt für mich „Menschenfischer“ sein. Gerufen und verschenkt sind wir nicht für uns selbst, sondern für andere. Wir sitzen alle in einem Boot. Wir fahren gemeinsam hinaus auf den See, das Wort des Herrn im Rücken: „Menschen sollt ihr für mich fangen“ (vgl. Mk 1,17). Und das Beste, was wir dabei an den Angelhaken hängen können, ist unser Herz.