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von Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier

Gründonnerstag 2017: Den Kelch der Hingabe halten, erheben und leeren

18.04.2017 17:04

„Nimm hin die Gabe des Volkes für die Feier des Opfers.“ Mit diesen Worten übergibt der Bischof bei der Weihe den Neupriestern Hostienschale und Kelch. Wir hören förmlich das Echo der Stimme Jesu, des Hohenpriesters, der im Abendmahlssaal die Eucharistie einsetzte und die Apostel zu Priestern weihte.

„Nehmt mich hin als Gabe des Volkes für die Feier des Opfers.“ Ich erinnere mich noch gut, wie mir der Primizkelch in die Hand gegeben wurde: ein Ge-schenk meiner Eltern, die konfessionell getrennt, aber in Jesus Christus vereint waren. Wie wir Kinder, meine Schwester und ich, Frucht ihrer Liebe sind, die alle kirchlichen Grenzen überstieg, so ist der Kelch gleichsam ein Symbol dafür, dass wahre Liebe tiefer geht als äußere Schranken, dass die Liebe sich nicht in Oberflächlichkeit erschöpft, sondern einmündet in die Haltung der Hingabe. „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde“ (vgl. Joh 15,13).

Unsere Betrachtung kreist heute um den Kelch. Im Abendmahlssaal reicht Jesus den Seinen den Kelch mit Wein gefüllt, aber gleichzeitig erfüllt von Liebe und Leben: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut“ (1 Kor 11, 23-29). Als es unter den Aposteln um das Problem der Sitzordnung ging, stellte Jesus die Frage: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“ (Mt 20,22). Selbstsicher, ja gleichsam vollmundig antworteten sie: „Wir können es“.

Als ich bei meiner Priesterweihe den Kelch erhielt, fiel auch mir die Antwort nicht schwer. Voller Ideen und Ideale bot sich für mich, gerade 25 Jahre alt, das priesterliche Leben wie eine große Verheißung dar. Ich konnte es gar nicht erwarten, aus dem Kelch zu trinken. Mittlerweile sind viele Jahre ins Land gezogen, und ich habe schon ein wenig davon erfahren, dass den Kelch trinken weit mehr bedeutet als hl. Messe feiern. Es steht mehr auf dem Spiel als ein Gefäß aus Gold. Es geht um das Leben. Den Kelch des Lebens trinken heißt: ihn halten, erheben und ihn leeren - bis zur Neige.

Bevor wir aus dem Kelch trinken, müssen wir ihn halten. Den Kelch des Lebens halten ist anspruchsvoll. Ein Glas Wein trinken ist mehr als nur trinken. Gerade in Franken, wo gern Wein getrunken wird, gibt es regelrechte Rituale, bis der erste Schluck Wein gekostet werden darf. Der Weinkenner muss wissen, was er trinkt, und darüber etwas sagen können. Nicht anders verhält es sich mit dem Wein unseres Lebens. Nur so dahin zu leben, ist zu wenig. Wir müssen wissen, wie wir leben und was wir erleben. Ein nicht bedachtes, unbesonnenes Leben entspricht nicht der Würde, die Gott uns Menschen verliehen hat. Auch ein Priester, eine Ordensfrau kann versucht sein, sich hin und wieder auszuleben nach dem Motto: „Man gönnt sich ja sonst nichts“ oder gelebt zu werden mit dem Helfersyndrom: „Ohne mich läuft gar nichts. Ohne mich bricht alles zusammen“.

Wie der Weinkenner das Glas hält und genussvoll anschaut, so ist der Menschenkenner eingeladen, den Kelch seines Lebens bewusst in Händen zu halten und mit den Augen Jesu anzuschauen. Manchmal ist das bloße Halten und Innehalten ein schwieriges Unterfangen: Denn wir sind durstige Menschen und wollen sofort trinken. Doch diesen Drang gilt es zu zügeln, und stattdessen den Kelch des Lebens mit beiden Händen zu fassen und uns zu fragen: Was wurde mir eingeschenkt in meinem bisherigen Leben? Was habe ich ausgewählt, welche Sorte Wein habe ich mir selbst eingeschenkt? Wurde sie mir zum Lebenstrank? Ist der Wein meines Lebens süß oder trocken, lieblich oder sauer, wurde aus dem einst frischen, fruchtigen jungen Wein kostbare, schwere Spätlese oder bleibt etwas Essiggeschmack auf der Zunge? Bekommt mir der Wein meines Lebens, der Hauswein meiner Gemeinschaft?

Den Kelch meines eigenen unverwechselbaren Lebens halten, ihn Jesus hinhalten, das heißt auch: sich aussöhnen mit dem eigenen Leben. Ich brauche nicht den Kelch des anderen halten. Ich darf und muss meinen eigenen Kelch halten, mein schönes, schweres Leben in die Hand nehmen. Denn mich gibt es nur einmal. Danke, Herr, dass du mir hilfst, den Kelch meines Lebens zu halten!

Doch wir trinken nicht einfach nur für uns selbst. Wer die Weinflasche zur Lebenspartnerin hat, ist nicht gut beraten. Wir alle wissen: Wein trinkt sich am besten in Gesellschaft. Wenn es bei uns zu Haus bei besonderen Anlässen Wein gab, hat unser Vater sein Glas erhoben, er hat alle am Tisch angeschaut und dann mit unserer Mutter und den anderen Gästen angestoßen. Dieses Zeremoniell hatte fast etwas Weihevolles an sich. Das Erheben des Glases oder Kelches ist eine Einladung, unser Leben gemeinsam zu bejahen und zu feiern. Indem wir den Kelch des Lebens erheben und einander in die Augen schauen, wollen wir sagen: „Wir gehören zusammen. Wir stehen miteinander in einem Bund. Lasst uns gemeinsam unseren Kelch halten und einander Segen sein“.

Viele Priester in Italien sagen nach der hl. Messe: „Prosit“. Wohl bekomm’s! Dieses „Prosit“ dürfen wir gerade heute bei der Abendmahlsmesse neu sprechen. Auf Italienisch prosten wir uns zu und sagen gern: „alla salute“, auf die Gesundheit, LeChaim, auf das Leben, wie es jüdische Menschen sagen! Auch Jesus hat mit seinen Jüngern angestoßen auf das Leben der Welt. Er hat den Kelch erhoben, seine Freunde der Reihe nach angeschaut und mit ihnen einen Bund geschlossen, der über den Tod hinausgehen sollte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis. Denn sooft ihr aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er wiederkommt“ (vgl. 1 Kor 11, 25f.). Indem Jesus den Kelch erhebt, baut er eine neue Gemeinschaft auf, die Gemeinschaft der Kirche.

Unseren Kelch erheben, ihn anderen zeigen bedeutet, sie an unserem Leben teilhaben lassen, so dass wir es mit ihnen feiern und leichter tragen können. Wenn wir wollen, dass andere mit uns das Leben teilen, müssen wir auch das Risiko eingehen, unseren Freunden Einblick in unser Leben zu geben. Wie Jesus damals, so stellt sich auch uns die Frage: Habe ich vertrauenswürdige Freundinnen und Freunde, bei denen ich mich so sicher fühle, dass ich ihnen auch meine innersten Empfindungen anvertrauen kann, um dadurch selbst in meiner Berufung wachsen und reifen zu können?

Wie wir unsere Gläser auf Menschen hin erheben, die wir mögen und denen wir vertrauen, so erheben wir den Kelch des Lebens zu demjenigen hin, vor dem keiner von uns Geheimnisse zu haben braucht, weil er selbst das Geheimnis des Glaubens, unseres Vertrauens ist: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

 

Bis es soweit ist, sind wir eingeladen, vom Kelch des Lebens zu trinken, ihn zu leeren bis zur Neige. Schon der Prophet Jesaja wusste, dass der Kelch des Lebens nicht nur süßen Wein enthält. Er kannte den „betäubenden Becher, aus dem der Gottesknecht getrunken und den er geleert hat“ (vgl. Jes 51,17). Dieser bittere Kelch bleibt auch Jesus nicht erspart. Nach der Feier im Saal geht es in die Nacht des Ölbergs. In tiefer Einsamkeit, von den besten Freunden, die vor ein paar Stunden mit ihm den Kelch gehalten und erhoben haben, im Stich gelassen, wirft er sich zu Boden und betet: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber“ (Mt 26,39). Warum diese Bitte? Und warum sagt Jesus dann doch noch „Ja“? Ganz werden wir dieses Geheimnis wohl nie ergründen können, aber eines steht für mich fest: Auch in seiner tiefsten Einsamkeit, gottverlassen und mutterseelenallein, ist er im Geist fest verbunden mit Gott, den er immer wieder „Abba“, lieber Vater, genannt hat. Jesus erfüllt ein Vertrauen, größer als alle menschliche Enttäuschung, eine Hingabebereitschaft, größer als alle Freundschaftsbrüche, und eine Liebe, die stärker ist als alle Angst. Selbst die Angst vor Kreuz und Tod vermag dieses Band der Liebe nicht zu zerschneiden.

Diesem geistlichen Rückhalt vom Vater her ist es zu verdanken, dass Jesus den bitteren Kelch halten, erheben und bis zur Neige trinken konnte: „Mein Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39). Und mitten in diesem Gebet gibt es eine Andeutung des Trostes. Nur der Evangelist Lukas spricht davon: „Da erschien ihm (Jesus) ein Engel vom Himmel und gab ihm neue Kraft“ (vgl. Lk 22,43).

 

„Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel“, heißt es in einem modernen Gedicht. „Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel“ (vgl. Rudolf Otto Wiemer). Wenn wir bereit sind, uns einzulassen auf das geistliche Abenteuer, unseren Kelch bis zur Neige zu trinken, werden wir bald entdecken, dass Menschen, die auf demselben Weg sind, uns Vertrauen, Ermutigung und Freundschaft anbieten. Wenn wir es wagen, aus tiefstem Herzen mit Freunden zu sprechen, die Gott uns gleichsam als Engel zuschickt, dann werden wir mit der Zeit neue Erfüllung gewinnen in unserem Dienst und den Mut fassen, unser eigenes Leid und unsere Freude mit anderen zu teilen. Nichts wird uns so viel Kraft geben für unser Weitergehen wie das Bewusstsein, dass es Menschen gibt, die uns im Namen Gottes ganz und gar verstehen und uns zugeneigt sind. Wir werden es schaffen, unseren Kelch bis zur Neige zu trinken und die Ölbergstunden durchzustehen, weil wir wissen, dass auch der Kelch, gefüllt mit Bitterkeit und Leid, zum Kelch des Heils werden kann. Vielleicht gewinnt sich in unseren Herzen sogar die Hoffnung Raum, nicht nur gut zu leben, sondern auch einmal gut zu sterben. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23,46).

„Nimm hin die Gabe des Volkes für die Feier des Opfers.“ Am Gründonnerstag hat Jesus angefangen, als Hoherpriester des Neuen Bundes dieses Wort einzulösen. Er ist die Gabe des Volkes für die Feier des Opfers am Kreuz. Uns lädt er ein, den Kelch der Hingabe mit ihm zu halten, zu erheben und bis zur Neige zu leeren. Dietrich Bonhoeffer hat in seiner Ölbergstunde vorgebetet, was wir nachleben sollen:

„Und reichst du uns den schweren Kelch den bittern

des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,

so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern

aus deiner guten und geliebten Hand.

 

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken

auf dieser Welt und ihrer Sonne Glanz

dann woll’n wir des Vergangenen gedenken,

und dann gehört dir unser Leben ganz.“