Stehen bleiben unter dem Kreuz
Eine Frau liegt im Krankenhaus. Nach einer schweren Operation entdeckt sie über ihrem Bett ein Kreuz. Sie will danach greifen.
Aber es gelingt ihr nicht. Sie ist zu schwach. Nach wiederholten Versuchen hält sie es schließlich in der Hand. Es entgleitet ihr aber, das Kreuz fällt zu Boden und zerbricht. Die Frau schreit auf. Eine Krankenschwester kommt. Sie sieht, was passiert ist, und sagt: „Keine Sorge, das ist nicht so schlimm. Wir haben mehr davon.“
Was ist das Kreuz? Ein religiöser Gebrauchsartikel, den wir auf Lager haben und nach Bedarf aus der Schublade holen? Ein Schmuckstück für das Dekolleté oder zur die Dekoration der Wohnung? Oder ein Gegenstand, nach dem wir greifen und an dem wir uns festklammern?
Das Kreuz ist keine religiöse Erfindung, keine fixe Idee, auf die Jesus gekommen ist, um auf spektakuläre Weise sein Leben zu beschließen. Im Römischen Reich war es grausame Wirklichkeit für Hunderttausende. Das Kreuz ist auch ein Stück unserer Existenz. Seit es für Jesus auf Golgota eingerammt wurde, steht es mitten im Leben als Realität.
Zeiten unter dem Kreuz sind weder schön noch erbaulich. Die Wirklichkeit einer Kreuzigung war so grauenvoll, dass man lieber weiterging, anstatt stehen zu bleiben, dass man lieber wegschaute, als zuzusehen. Unter dem Kreuz zu stehen, war immer schwer. Heute ist es nicht leichter geworden. Ich erinnere an den ersten Kruzifixstreit 1995, als die Gemüter von der Frage erhitzt wurden, ob es unseren Schülern zuzumuten sei, unter dem Kreuz zu lernen. Heute ist Karfreitag, der Tag, der uns das Kreuz zumutet, um noch mehr zu begreifen, was mit Menschen unter dem Kreuz geschieht.
Wenn wir im Johannes-Evangelium blättern, dann treffen wir auf zwei Gruppen von Menschen, die sich beim Kreuz aufhalten: Es sind zwei Vierergruppen. Da sind zunächst die vier Soldaten, die von Rechts wegen die Kleider des Gekreuzigten beanspruchen dürfen. Die Soldaten nehmen sich ihren Teil und gehen dabei erstaunlich gerecht und klug vor. Die Gewänder werden durch vier geteilt, und das Problem mit dem nahtlosen Leibrock wird durch ein Würfelspiel gelöst. Die Soldaten nehmen sich ihren Anteil, mehr ist von diesem Gekreuzigten nicht zu holen! Er war ja nicht betucht.
Hinter dieser Schilderung steckt ein tiefer symbolischer Sinn: Die vier Soldaten deuten darauf hin, dass die Botschaft vom Kreuz in alle vier Himmelsrichtungen getragen wird - übrigens durch römische Soldaten, die verhasste Besatzungsmacht der Heiden. Und noch etwas: Das Untergewand, „das von oben her ganz durchwebt und ohne Naht war“ (Joh 19,23), nimmt Bezug auf die jüdische Tradition: Einen ungenähten Rock soll schon Adam getragen haben, und später Mose. Auch der Hohepriester trägt ein Kleid aus einem Stück. Das bedeutet: Jesus ist der neue Adam, der wahre Hohepriester und der neue Mose, der sein Volk befreit und hinausführt in die Weite des Gelobten Landes. Das Kleid ist von oben durchgewebt. Das heißt: In Jesus Christus wird die ganze Welt von oben her neu durchwebt, durchdrungen, verwandelt und geheilt. Der Leibrock bleibt ganz, er wird nicht zerschnitten, während ein anderes Tuch, der Vorhang des Tempels, in der Mitte auseinander reißt (vgl. Lk 23,45).
Kommen wir zur zweiten Vierergruppe: Von den Personen wird zunächst nur gesagt, dass sie stehen. Wer hier steht, sind vier Frauen: Maria, die Mutter Jesu, und deren Schwester; Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Während sich die Männer aus dem Staub gemacht haben, stehen diese vier Frauen da wie eine Eins. Indem sie sich unter das Kreuz stellen, wollen sie sagen: Wir stehen zum Gekreuzigten. Stehen bleiben, wenn alle anderen gehen, heißt, Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit besitzen. Das wissen Menschen, die in einer Freundschaft herb enttäuscht und in der Liebe betrogen wurden.
Stehen zu bleiben, auch wenn nichts mehr zu machen ist, das ist mutig und stark! Es gibt Menschen, die treu zur Seite stehen, wenn jemand am Ende ist und nicht mehr weiter kann. Es gibt Menschen, die zueinander stehen, auch wenn dies schier unerträgliche Opfer mit sich bringt. Wird nicht gerade dann eine Liebe reif und tief, wenn sie durch Krise und Krankheit gegangen ist?
Bei der Priesterweihe wird dem Kandidaten das Wort gesagt: Stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes! Dem Neupriester wird also sein künftiger Platz zugewiesen: unter dem Kreuz.
Verhaltener, oft unausgesprochen gilt dies auch für Frauen in der Nachfolge Jesu. So ist es bewundernswert, wie viele Ordensschwestern auf den Kalvarienbergen unserer Zeit unter dem Kreuz stehen: Sie verhelfen Kindern und Jugendlichen zu einem Platz im Leben, wahren die Würde von Alten, Kranken und Sterbenden und helfen anderen, ihr Kreuz zu tragen.
Auch gibt es das Kreuz der Gemeinschaft, einer Enge oder inneren Einsamkeit, die manchmal belastend sein kann. Oder das Kreuz eines Amtes, einer Aufgabe, die sich jemand nicht selbst ausgesucht hat. Wie Jesus will ich mich diesem Kreuz stellen und nehme seine Ecken und Kanten, seine Spitzen und sein Gewicht an!
Und dann ereignet sich das Wunderbare: Unter dem Kreuz entsteht Gemeinschaft, die trägt und Zukunft hat: Die Erfahrung, geblieben zu sein, das Elend ausgehalten zu haben, dem schwierigen Menschen nicht ausgewichen zu sein, das alles stiftet bleibende Zusammengehörigkeit.
Zwei Menschen haben dies besonders intensiv erlebt: Maria und der Jünger, den Jesus liebte. Sie sind beim Gekreuzigten geblieben, und der Blick seiner Liebe kreuzte sie. Wie immer wir dieses Zueinander, das aus dem gegenseitigen Anvertrauen erwächst, auch deuten mögen, unter dem Kreuz schlägt die Stunde der Kirche: Maria adoptiert den Jünger, und der Jünger bekommt eine neue Mutter.
Nur zweimal erscheint Maria im Johannes-Evangelium: Bei der Hochzeit zu Kana, als sie den Anstoß gibt für die Wandlung von Wasser zu Wein, und hier als diese Wandlung ihre letzte Tiefe unter dem Kreuz bekommt: Der Tod wird verwandelt ins Leben. In Kana war Maria für Jesus eine Art Türöffnerin, um in die Welt einzutreten. Unter dem Kreuz wird Maria zur Porta Coeli, zur Pforte des Himmels, durch die er – und wir - in die Herrlichkeit des Vaters eingehen. Deshalb kann er sagen: „Es ist vollbracht.“
In der Kapelle der Burg Xavier (Navarra/Spanien) hängt ein lebensnah geschnitztes Kreuz aus dem 12. Jahrhundert. Obwohl Jesus sichtbar leidet, lächelt er. Lassen wir uns von dem lächelnden Jesus anziehen, wenn wir das Kreuz verehren. Schauen wir auf den aus Liebe Gekreuzigten und lassen wir uns von ihm verwandeln:
Herr Jesus Christus, in dein Antlitz will ich mich verlieren. Nimm mich hinein in dein Erlöst-Sein und lass mich immer wieder erkennen und spüren, dass mein eigenes Kreuz an Bedeutung verliert, wenn ich unter deinem liebenden Blick stehe. Hilf mir, dass ich trotz mancher Schwierigkeiten in meinem Leben noch lächeln kann, weil ich weiß, dass du in mir lächelst. Lass mich die Menschen sehen, wie du sie siehst, damit an meinem Leben sichtbar wird, was es heißt, mit Gott versöhnt, erlöst und im Glauben an die Auferstehung zu leben. Amen.